MyMz
Anzeige

Soziales

In der Kleiderkammer rumort es

Kurz nach dem Start hängt der Haussegen schief. Wegen Konflikten trennt sich die Stadt Burglengenfeld von Ehrenamtlichen.
Von Thomas Rieke und Stefan Barte

Susanne Caputo, ehrenamtliche Helferin der Kleiderkammer Städtedreieck, zeigt Waren, die es für geringste Beträge gibt. Die Artikel kosten in der Regel nur Kleingeld. Archivfoto: Barte
Susanne Caputo, ehrenamtliche Helferin der Kleiderkammer Städtedreieck, zeigt Waren, die es für geringste Beträge gibt. Die Artikel kosten in der Regel nur Kleingeld. Archivfoto: Barte

Burglengenfeld.28. September zwischen 9 und 11 Uhr im Eingangsbereich der Kleiderkammer neben dem Volkskundemuseum: Wie fast jeden letzten Samstag im Monat, wenn Ware angenommen wird, geht es turbulent zu. Ganze Trauben von Menschen aus dem Städtedreieck liefern Sachen, die sie nicht mehr benötigen, an. Die beiden ehrenamtlichen Kräfte, Susanne Caputo und Daniela Balkie, tun ihr Bestes, um den Massen Herr zu werden. Säcke über Säcke füllen in kürzester Zeit den Lagerraum und die Gänge. Der Inhalt kann deshalb nur ansatzweise überprüft werden. Mehr ist nicht zu schaffen.

Die Kleiderkammer Städtedreieck ist umgezogen und befindet sich seit dem Frühjahr neben dem Volkskundemuseum. Der Standort ist nicht ganz unumstritten. Foto: Rieke
Die Kleiderkammer Städtedreieck ist umgezogen und befindet sich seit dem Frühjahr neben dem Volkskundemuseum. Der Standort ist nicht ganz unumstritten. Foto: Rieke

Auf den ersten Blick scheint die Kleiderkammer des Städtedreiecks, die im Frühjahr fast euphorisch an ihrem neuen Standort wiedereröffnet wurde, also bestens angenommen zu werden. Die Räumlichkeiten neben dem Volkskundemuseum sind renoviert; mit viel Liebe wurde darin eine Art gut sortiertes „Bekleidungsgeschäft für Jedermann“ geschaffen. Das Ganze lief, so wurde der Mittelbayerischen von verschiedener Seite bestätigt, erfreulich an.

Die Chemie stimmte nicht

Dann aber geriet mehr und mehr Sand ins Getriebe. Nicht nur bei der Anlieferung gibt es Probleme, auch die Qualität der Artikel soll teils sehr zu wünschen übrig lassen, und die Nutzerzahlen seien rückläufig, heißt es. Schlimmer noch: Die Chemie unter den Mitarbeitern stimmt nicht.

Es bildeten sich zwei Gruppen; jede machte „ihr Ding“ – offenbar sehr zum gegenseitigen Verdruss. Weil auch ein klärendes Gespräch nicht fruchtete, sahen sich Bürgermeister Thomas Gesche und Geschäftsleiter Thomas Wittmann nun gezwungen, die Reißleine zu ziehen. Am Donnerstag hat die Mittelbayerische erfahren, dass sich die Stadt von zwei ehrenamtlichen Helferinnen, die erst im Mai ins Boot geholt worden waren, getrennt hat. Man bedanke sich für das Engagement, heißt es in dem Schreiben an die Damen, aber man verzichte künftig auf ihre Dienste. Die Betroffenen verstehen die Welt nicht mehr, fühlen sich grundlos ausgebootet.

Bürgermeister verteidigt den Standort

  • Situation:

    Die Kleiderkammer befindet sich seit April neben dem Volkskundemuseum. Der Haupteingang ist nur über eine steile Treppe zu erreichen. Bürgermeister Gesche hält den Standort aber für prima. Die Einrichtung liege mitten im Städtedreieck und nahe des Burglengenfelder Zentrums, sie sei fußläufig und mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar, Und sie biete Parkplätze.

  • Annahmezeiten:

    Jeweils am letzten Samstag im Monat von 9 bis 12 Uhr; Nächster Termin ist also der 26. Oktober.

  • Ausgabe:

    Dienstags von 14 bis 16 Uhr, mittwochs von 9 bis 11 Uhr

  • Angebot:

    Herren-, Damen- und Kinderbekleidung verschiedenster Art, auch Spielzeug – alles sehr günstig

  • Kontakt:

    (09471) 6060850

Bürgermeister Gesche nimmt zu Personalangelegenheiten prinzipiell öffentlich nicht Stellung. Fakt aber sei, dass eine „Umstrukturierung“ erforderlich sei, um den Betrieb zu sichern. Bestätigt wird ferner, von anderer Stelle, dass das verbliebene Kleiderkammer-Team wieder mit Verstärkung rechnen darf. Sonst sei die Arbeit auf Dauer nicht zu schaffen. Interessenten gibt es angeblich schon.

Motten zwischen den Kleidungsstücken?

Die Mittelbayerische wollte sich selbst ein Bild von der Lage machen und hat die Einrichtung bei Hochbetrieb besucht. Dabei warf sie auch einen Blick in Säcke, die gerade frisch eingetroffen waren. Der Eindruck: Putzlappenniveau! Aus dem Umfeld der Kleiderkammer heißt es sogar, dass manchmal Motten zwischen den Kleidungsstücken sitzen.

Das sei die absolute Ausnahme, beteuert Bürgermeister Gesche nach Rücksprache. Bei Mottenbefall werde rasch reagiert, die Ware entsorgt. Und Abfallquoten von bis zu 50 Prozent, wie von manchen behauptet, seien eine klare Fehleinschätzung. Der Rathauschef versichert vielmehr, die allermeisten Anlieferer kämen in bester Absicht und gäben sich viel Mühe, einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Sie würden ihre Spenden sogar noch waschen und bügeln, und so seien die meisten Sachen „zwar gebraucht, aber in sehr gutem Zustand“.

Bürgermeister Thomas Gesche stellt sich vor die Anlieferer

So sah es bis vor wenigen Wochen am Parkplatz neben dem Burglengenfelder Eislaufplatz aus. Das BRK hat seine Container zwischenzeitlich beseitigt. Dass nun die Kleiderkammer mit teils unbrauchbarem Material überhäuft würde, bestreitet der Bürgermeister.  Foto: Rieke
So sah es bis vor wenigen Wochen am Parkplatz neben dem Burglengenfelder Eislaufplatz aus. Das BRK hat seine Container zwischenzeitlich beseitigt. Dass nun die Kleiderkammer mit teils unbrauchbarem Material überhäuft würde, bestreitet der Bürgermeister. Foto: Rieke

Damit zerstreut Gesche die Vermutung, nach Abzug des BRK-Containers vom Eislaufplatz lande ein größerer Teil des oft unbrauchbaren Materials nun in der Kleiderkammer des Städtedreiecks. Gesche: „Die Leute kommen ja nicht anonym hierher, und sie blicken den Mitarbeitern in die Augen.“ Niemand wolle sich gern blamieren. Dass die Zahl der Kunden stark rückläufig sei, dementiert der Bürgermeister ebenfalls. Die Einnahmen belegten das Gegenteil. Viele Menschen, so Gesche, schätzten die Qualität der Ware, die feilgeboten werde, zumal die Preise mit 30 Cent pro Artikel doch eher symbolischen Charakter hätten.

An den Ausgabetagen, Dienstag und Mittwoch, verrichteten bis vor kurzem die Damen ihren Dienst, denen nun „gekündigt“ wurde. Am Umgang mit den Kunden hatten sie viel Freude, auch wegen der erbrachten Wertschätzung. Es habe viel Lob gegeben für die Präsentation der Ware; manch einer habe sich mit Naturalien bedankt. Nun aber ist das Duo Opfer der „Umstrukturierung“. Ganz auf sich beruhen lassen wollen die Frauen das nicht. Sie suchen den Kontakt zum Bürgermeister. Bis Freitag war er für sie nicht greifbar.

Mehr Nachrichten aus Burglengenfeld lesen Sie hier.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über den Facebook Messenger, Telegram und Notify direkt auf das Smartphone.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht