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Heimatgeschichte

Intensive Suche war von Erfolg gekrönt

Museumsleiter Theo Männer recherchierte über Flüchtlinge aus dem Elsass, die 1917 in Katzdorf untergebracht waren.
Von Karl-Heinz Probst

  • Theo Männer mit Fotos des Elsässers Alphonse Lehmes, der 1917 in Katzdorf geboren ist. Foto: Karl-Heinz Probst
  • Alphonse Lehmes Foto: Privatbesitz Lehmes

Neunburg.Von mühevollen und aufwendigen Recherchen über elsässische Flüchtlinge im Ersten Weltkrieg berichtet Museumsleiter Theo Männer im Gespräch mit der Mittelbayerischen Zeitung. Vor ungefähr 20 Jahren tauchte unter den Papieren des Museumsgründers Adolf Lieb ein Blatt auf mit der Überschrift „Elsässische Flüchtlinge“. Ein kurzer Blick ins Landkreisbuch und ins Neunburger Amtsblatt 1917 und 1918: Fehlanzeige! Das Blatt landete in der Schublade „unbekannt/unerledigt“.

Da kam im Herbst 2016 ein Vorstoß von Carolin Schmuck, der Nittenauer Museumsleiterin, erinnert sich Männer. Bei der Inventarisation der Urkunde zum „König-Ludwig-Kreuz“ für Franz Loritz aus Nittenau fand sie auf der Rückseite Informationen zu den „elsässischen Flüchtlingen“, da Loritz Flüchtlingskommissar für das Bezirksamt Roding war. In Neunburg wurde das „alte Blatt“ nochmals unter die Lupe genommen. Da protokollierte ein Regierungsdirektor Pöll am 24.3.1917 Beobachtungen bei einer Ämterbereisung der Bezirksämter Waldmünchen und Neunburg: In der Stadt Neunburg und in der Gemeinde Katzdorf seien 128 Flüchtlinge aus der Gemeinde Köstlach im Oberelsass untergebracht, im gesamten Amtsbezirk 150. Beim Besuch der Flüchtlingsfamilien in Katzdorf ergaben sich Klagen über das geringe Heizmaterial und den schadhaften Ofen. Bürgermeister Scherr versprach Abhilfe. In dem Schreiben wurde auch Stadtpfarrer und Distriktsschulinspektor Johann Baptist Koller als „Flüchtlingskommissar“ erwähnt.

Jetzt war es für Theo Männer Zeit, eine umfangreiche Recherche zum Thema zu starten. Christa Scheitinger durchstöberte das Stadtarchiv – ohne Ergebnis. Männer durchblätterte exakt dreimal die Neunburger Amtsblätter von 1917 und 1918 bezüglich Lokalnachrichten und Bekanntmachungen – ohne Ergebnis.

Wenn Koller Flüchtlingskommissar war, müssten ja eigentlich Unterlagen im Pfarrarchiv sein, überlegte sich der Museumsleiter. Und tatsächlich, Stadtpfarrer Stefan Wagner schleppte eine ganze Mappe herbei. Pfarreisekretärin Gaby Reiml beförderte später noch Personaldaten zu Einzelfällen zutage. Natürlich wurde die elsässische Gemeinde Köstlach angeschrieben. Bald antwortete 1. Bürgermeister André Lehmes und lieferte eine Fülle von Informationen und er hatte eine Überraschung parat: „En effet, mon papa, Alphonse Lehmes, est né le 19/12/1917 à Katzdorf (décédé 19/3/2010)“ (In der Tat, mein Papa, Alfons Lehmes, ist am 19.12.1917 in Katzdorf geboren, verstorben am 19.3.2010).

Das Taufbuch im Pfarramt und das Geburtenbuch im Rathaus bestätigen die Personalien. Die Lehmes wohnten 1917 im Obergeschoss der ehemaligen Velocipedfabrik (Fahrradfabrik) und früheren Glasschleife, Haus Nr. 18. Dort wurde auch Alfons geboren und in der Katzdorfer Wallfahrtskirche getauft. Bei einer Umfrage unter älteren Katzdorfern konnte sich zum Leidwesen Männers keiner an elsässische Flüchtlinge erinnern, bis auf Stadtrat Anton Scherr, der sich dunkel an Bemerkungen seines Vaters, Bürgermeister Adam Scherr, erinnern konnte.

Theo Männer fasst dieEergebnisse seiner Recherchen zusammen:

Wir sind im Kriegsjahr 1917. Das deutsche Westheer im Elsass (deutsches Reichsland!) stand in hartem Abwehrkampf. Sollte das Heer durch die überlegene französische Artillerie nicht aufgerieben werden, war ein begrenztes Ausweichen geboten. Die 3. OHL unter Hindenburg und Ludendorff wollte künftig nicht mehr jeden Fußbreit Boden bedingungslos verteidigen. Anfang Februar 1917 kam deshalb der Befehl zum Rückzug auf die ausgebaute „Siegfriedlinie“. Die Franzosen machten dann Geländegewinne, die Deutschen konnten die Front verkürzen. Im Februar und März 1917 begann die militärische Räumung, die manchmal auch „verbrannte Erde“ hinterließ, d. h. Brücken und manche Dörfer wurden zerstört. Eine weitere Folge war, dass einige tausend Elsässer aus dem Sundgau, dem Oberelsass, aus den Kantonen Altkirch, Pfirt (Ferrette) und Dannemarie aus dem Feuerbereich der französischen Artillerie evakuiert wurden, d. h. ihre Heimat verlassen mussten, und als Flüchtlinge für knapp zwei Jahre in der Oberpfalz untergebracht wurden.

Der elsässische Historiker Bernard Burtschy schreibt in seinem Büchlein „1914 – 1918, La Grande Guerre sur le front du Jura aux Vosges“, dass bereits 1914, 1915 und 1916 „les autorités allemandes“ die Evakuierung verschiedener Dörfer an diversen Frontabschnitten veranlasst hatten. Züge wurden gechartert und die Zielorte in Deutschland bestimmt. Erst 1917 entschieden die Behörden, das Dorf Köstlach zu evakuieren, schrieb Burtschy in einer weiteren Abhandlung „1914 – 1918, Première Guerre Mondiale....“. Einige Familien flüchteten in Nachbarorte. Am 10. März 1917 erfolgte die totale Evakuierung. Die Einwohner begaben sich nach Ferrette (früher Pfirt), um dann per Bahn nach Bayern transferiert zu werden. Die Bahnstrecke ist in keiner Unterlage genau angegeben, Zwischenstation war aber Regensburg.

Die zwei „Aufnahmedörfer“ für unsere Köstlacher waren Neunburg und Katzdorf. Der jüngste Evakuierte der Gemeinde war Alphons Arnold, sieben Tage alt. Am Ende der Feindseligkeiten blieb Köstlach intakt.

Schon am 24. 2.1917 teilte das Münchner Innenministerium – streng vertraulich! - dem Regensburger Regierungspräsidenten mit, dass nach Mitteilung des Kaiserlichen Statthalters von Elsaß-Lothringen die Kriegslage „es nicht unwahrscheinlich mache“, dass Ortschaften aus den drei südlichsten Kreisen im Oberelsaß „geräumt“, d. h. evakuiert werden müssen. Es sei mit einer „sehr beträchtlichen Zahl von Flüchtlingen“ zu rechnen. Auf die Oberpfalz würden etwa 12500 treffen. „Anlieferungsort“ sei Regensburg. Zur Verhinderung von Spionage wünsche das Kaiserliche Kriegsministerium, dass Orte an Bahnlinien und um den Truppenübungsplatz Grafenwöhr nicht belegt werden. In einem Telegramm vom 27.2.1917 avisierte der Regierungspräsident „2800 katholische Flüchtlinge, Landwirte, Richtung auf Regensburg“, u. a. 396 aus Köstlach. Bei der Unterbringung sei der Familien- und Gemeindezusammenhang gewünscht. In einem streng vertraulichen Rundschreiben an die Bezirksämter vom 27.2.1917 wünscht die Regierung, die Flüchtlinge „vorzugsweise in Schlössern, Klöstern, Schulhäusern, städtischen Gebäuden, größeren Bauernhöfen, dann in einzelnen Familien unterzubringen“. Von der Ankunft soll telefonisch oder telegraphisch Mitteilung gemacht werden, gleichfalls an die entsprechende Eisenbahnstation. Wegen der Lebensmittelversorgung der Flüchtlinge verweist das Innenministerium die Regierung am 5.3.1917 auf die Bayer. Lebensmittelstelle, Bayer. Fleischversorgungstelle und Bayer. Landesfettstelle. In einem Schreiben vom 6.3.1917 macht der Regierungspräsident die beteiligten Bürgermeister darauf aufmerksam, dass die Flüchtlinge entsprechend in Empfang genommen werden. Für Neunburg ist da Fehlanzeige angesagt, ob Stadtpfarrer Koller eingesprungen ist, bleibt offen. Wie der Empfang in den anderen Städten ablief, muß erst noch eruiert werden. Von Roding liegt zumindest ein maschinenschriftlicher Aufruf eines „Hilfsausschusses“ vom 6.3.1917 vor. Das Bezirksamt Neunburg bestätigt am 20.3.1917 die Ankunft der oberelsässischen Flüchtlinge am 12.3.1917 in Neunburg, „bestehend aus 150 Köpfen“. Davon werden 129 Personen in Neunburg und Katzdorf sowie 21 Personen in der Gemeinde Neuenschwand (= Bodenwöhr!) untergebracht.

Über die Ankunft der Flüchtlinge am Bahnhof Bodenwöhr schreibt Loritz: „Am 12. März mittags ein Uhr kam der Flüchtlingszug nach Bodenwöhr (ca. 52 Wagen), alte Leute, Frauen und Kinder, kräftige Männer weniger, mit Hausrat, Vieh und Futter. Die Flüchtlinge kamen aus dem Sundgau, Kreis Altkirch, Canton Pfirt, Oberelsaß, ihre Heimat ist Köstlach. Über 100 Personen wurden dem Bezirk Roding zugewiesen, die übrigen kamen nach Neunburg.“

Nach einer Aufstellung der Regierung vom 9.3.1917 an das Innenministerium sind die ca. 2800 Flüchtlinge wie folgt auf die Bezirke verteilt worden:

Amberg 180, Burglengenfeld 400, Cham 300, Nabburg 250, Neunburg 150, Oberviechtach 100, Roding 250, Stadtamhof 300, Sulzbach 420, Waldmünchen 100, der Rest auf Neustadt a.d.W.

„Die Flüchtlinge sind Landwirte und wurden durchwegs auf dem Lande untergebracht. Sie sind durchaus zuverlässige Personen.“

Nach einer französischen Aufstellung (Burtschy) sind die Neunburger Flüchtlinge aus Köstlach, die Oberviechtacher aus Bettendorf, die Nabburger aus Liebsdorf, die Further aus Ruederbach und Wittersdorf, die Burglengenfelder aus Emlingen, die Chamer und Waldmünchner aus Luemschwiller.

Zur Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge wurden in allen Bezirksämtern „Flüchtlingskommissare“ eingesetzt:

in Neunburg Stadtpfarrer und Distriktsschulinspektor Johann Baptist Koller, in Amberg Regierungsrat a.D. Dollacker, in Cham Achitekt Zehle, in Nabburg Benefiziat Schönhörl, in Oberviechtach Stadtpfarrrer und Distriksschulinspektor Rosenheimer, für Roding der Kaufmann Franz Loritz (aus Nittenau), in Waldmünchen Amtsrichter Habersack, in Sulzbach Hauptlehrer Sörgel, in Burglengenfeld Hauptlehrer Retscher.

Für Neunburg bildete Pfarrer Koller am 20.3.1917 noch ein „Flüchtlingsfürsorge-Komitee“, bestehend aus Bezirksamtsassessor von Kuepach, Bürgermeister Franz Strohmayer, Bezirksamtssekretär Dittmar, freires. Pfarrer Johann Wendl, Stadtsekretär Georg Schießl, Bürgermeister Adam Scherr von Katzdorf.

Koller und sein Komitee hatten damit den Auftrag, für Unterbringung, Versorgung, Heizmaterial, Auszahlung der Flüchtlingsfürsorgegelder etc. zu sorgen. Dazu mussten auch detaillierte Personenlisten angelegt werden mit Namen, Stand, Alter, Herkunftsort mit Hausnummer, hiesige Unterkunft und Viehbestand – denn die meisten Familien hatten jeweils wenigstens eine Kuh mitgebracht. Für die Unterbringung in Neunburg und Umgebung liegen drei Listen vor, die leider weder exakt datiert noch inhaltlich identisch sind. Eine handschriftliche, sie ist offensichtlich die erste; danach sind in einer ersten Aktion unsere Flüchtlinge vorwiegend in Gasthöfen, aber auch in einzelnen Privatquartieren untergebracht worden:

in der „Bahnhofrestauration“/Bottenhofer 12 Pers. – die Familien Zipper und Schweizer; beim „Posthalter“/Schenkl (28 Pers.) Walter, Unterfinger, Lehmes, Moser, Schweizer; beim „Lindenwirt“/Mottner, (8 Pers.) Flaadt; im „Posthorn“/Frank (6 Personen) Ellet, Spänlehauer; beim „Gänswirt“/Baumgärtner (12 Pers.) Schweitzer, Stemmeling; beim „Hirschenwirt“/Meier (11 Pers.) Meier, Zundel; beim „Adlerwirt“/Wellenhofer (3 Pers.) Zink; im „Klosterbräu“/Kuftner (23 Pers.) Zipperling, Munk, Ley, Schweitzer; im „Spital“ (6 Pers.) Vetter, Arnold; in Katzdorf (18 Pers.) - beim Wirt (11 Pers.) Moser; beim Bürgermeister Scherr (7 Pers.) Stemmeling. In Bodenwöhr „wurden gelassen“ die Familien Heinis, Ley, Moser, Walter. Nach einem Verzeichnis der in der Bahnhofsrestauration Bodenwöhr untergebrachten Personen noch: Wilhelm.

Die Liste II (maschinenschriftlich) umfasst 129 lfd. Nummern, 28 Familien und Einzelpersonen mit ihren Gastquartieren, die Liste III (maschinenschriftlich) 143 lfd. Nummern mit 31 Familien bzw. Einzelpersonen. In einer Beilage wird noch aufgelistet, dass die Familien Heinis und Ley nach Nittenau verzogen sind, die Familie Munk nach Glowitz in Pommern, die Familie Wilhelm nach Freiburg im Breisgau und die Fam. Zundel nach Schweningen.

Aus den Listen I und II ergibt sich, dass die Masse der Flüchtlinge Landwirte waren; hinzu kommen 1 Molkereibesitzerswitwe, 1 Elektrikersehefrau, 1 Schneider, 1 Lehrersehefrau,

1 Dreschmaschinenbesitzersehefrau, 1 Gürtler, 1 Schmiedsehefrau, 1 Häuslerin,

1 Kanapeemacherswitwe.

Bei den Listen II und III dominiert eindeutig die private Unterkunft. Der Liste III kann entnommen werden, dass offensichtlich eine Familie Moser und eine Familie Walter nach Dieterskirchen verzogen sind.

Das Leben der elsässischen Flüchtlinge in Neunburg und Katzdorf wurde geprägt nach den „Grundsätzen der staatlichen Flüchtlingsfürsorge für die oberelsässischen Flüchtlinge“ - in Druck erschienen schon am 24.10.1916 durch den Colmarer Bezirkspräsidenten. Da ist das Wichtigste geregelt: Definition Flüchtlinge, Unterbringung, Unterstützung, Mobiliarbeschaffung, Kleidung, Nebenauslagen bei Krankheit und Tod, Heizung, Schulbedarf, Auszahlungsmodus, Aufenthaltswechsel, Flüchtlingskommissare, Verpflegungstabellen, Auszahlungsnachweise, Rechnungen der Gemeinden. Die „Unterstützungsgelder“ sind vom Kaiserlichen Bezirkspräsidenten des Oberelsaß in Colmar überwiesen worden. Ausgezahlt wurden sie vom Kommissar bzw. seinem Kassier.

Die wichtige Holzbeschaffung erfolgte durch das kgl. Forstamt Neunburg aus der Waldabteilung „Rotberg“, aber auch aus Stadt-, Spital- und Pfarrwald. Transportiert haben Duscher, Zimmermann und Scherr. Kohlen wurden waggonweise per Bahn bezogen von der Fa. Kraumann in Eger und Rockstroh in Nürnberg.

Für die Lieferung von Heu für das Vieh war die „Bayerische Heu- und Stroh-Bezugsstelle des stellvertretenden Generalkommandos I. Bayerisches Armeekorps“ zuständig.

Die Flüchtlinge durften in der Landwirtschaft mitarbeiten, der Lohn wurde ihnen aber von der Flüchtlingshilfe abgezogen. Nur in selteneren Fällen gab es auch einen Einsatz in Fabriken. Ein Kontakt von elsässischen Flüchtlingen mit französischen Kriegsgefangenen war durch Regierungs-Schreiben vom 13.6.1917 verboten.

Auch einige personelle Veränderungen gab es.

So verstarb am 1.11.1917 in Neunburg der 5 Monate alte Erich Ellet, der am 31.5. in Neunburg geboren und am 1.6. getauft wurde. In Neunburg wurde am 5.7. Anton Ley geboren und am 6.7. getauft. Am 18.7.1917 wurde Wenzellaus Zink in Neunburg geboren und am 22.7.1917 getauft. Eine Matthilde Zundel wurde am 17.8.1918 (!) in Neunburg geboren und am 18.8.1918 getauft. Der interessanteste Fall: die Geburt von Alfons Lehmes, des Vaters vom heutigen 1. Bürgermeister von Köstlach, am 19.12.1917 in Katzdorf, getauft am 23.12.1917. In Katzdorf verstarb am 10.4.1918 (!) Johann Moser mit 75 Jahren.

Wie das Verhältnis zwischen Flüchtlingen und Einheimischen sich gestaltete, ist sehr schwer zu beantworten. Dazu müssten erst Recherchen aus allen betroffenen Bezirksämtern vorliegen. Dabei wären auch eventuelle Erfahrungsberichte und Aufzeichnungen der damals Betroffenen interessant. Im Ganzen scheint die Evakuierung der oberelsässischen Flüchtlinge in der Oberpfalz gelungen zu sein. Man kann während der knapp zwei Jahre dauernden Einquartierung von einem friedlichen Zusammenleben ausgehen. Von Auseinandersetzungen, Zwischenfällen und Zusammenstößen ist zumindest beim Bezirksamt Neunburg nichts bekannt und belegt. In etlichen Briefen bedanken sich in ihre Heimat zurückgekehrte Köstlacher bei „Flüchtlingskommissar“ Stadtpfarrer Koller für sein Engagement und seine vielseitige Hilfe. Wahrscheinlich hat sein Organisationstalent (vgl. 1923 katholisches Vereinshaus und Festspiel!) dazu beigetragen, alle Probleme passend zu lösen.

Flüchtlingskommissar Franz Loritz aus Nittenau, für das Bezirksamt Roding zuständig, notiert allerdings, dass es allerlei Missverständnisse gegeben habe, „diese seien begründet in der Art der Stämme (Alemannen und Altbayern) und auch im Ernst der Zeit, welche verlangte, dass die Elsässer ihre Heimat, welche im Feuerbereich der Franzosen liegt, verlassen mussten“ (Information von Carolin Schmuck).

Brunner schreibt in seiner „Geschichte der Stadt Cham“ (1925) (Mitteilung von Timo Bullemer): „Einige machten sich durch Arbeiten nützlich, andere erregten durch ihren Müßiggang sowie durch Hamsterei viel Ärgernis.“

Zurück zum Krieg!

Am 11.1.1917 forderte die Entente in einer Note die Rückgabe von Elsaß-Lothringen an Frankreich. Diese Forderung nimmt auch Wilson in sein 14-Punkte-Programm auf. Am 14.8.1918 gestand die 3. OHL in Spaa faktisch die militärische Niederlage Deutschlands ein. Im August / September 1918 begann der deutsche Rückzug auf die „Siegfried-Linie“. Am 11.11.1918 wurde der Waffenstillstand zwischen Deutschland und der Entente zu Compiegne geschlossen. Damit war der Weg frei zur Rückkehr der elsässischen Flüchtlinge in ihre angestammte Heimat. Völkerrechtlich erfolgte die Rückgabe von Elsaß-Lothringen erst am 28.6.1918 im Vertrag von Versailles.

Am 18.1.1919 bestätigt Pfarrer Koller, „dass sämtliche Flüchtlinge von hier am 9.12.1918 nach Köstlach zurückgekehrt sind“.

Die Form des Abschieds bleibt für Neunburg wieder offen, ähnlich ihrer Ankunft.

Für Cham merkt der Lokalhistoriker Brunner ironisch an: „Aus dem Eisenbahnzug winkten einige mit weiß-blauen Fähnchen uns zum Abschied zu. In der Reisetasche aber hatten sie schon die roten Fahnenstreifen zur Vervollständigung der französischen Trikolore mitgenommen. Das kennzeichnete ihre wahre Gesinnung.“

Was der Lokalhistoriker dabei vergisst: die Elsässer wurden in der Geschichte zwischen Deutschland und Frankreich mehrmals hin- und hergeschoben:

●im Mittelalter beim Reich

●im 30-jährigen Krieg und unter Ludwig XIV. zu Frankreich

●1789 Neigung zur Französischen Revolution und Napoleon

●1871 nach Krieg ans Deutsche Reich als „Reichsland“

●1. Weltkrieg – 1918/19 wieder zu Frankreich

●2. Weltkrieg – 1940 von Deutschland annektiert

1945 Elsass befreit und wieder französisch

Und bei diesem Hin und Her wurden die Elsässer meistens nicht gefragt, sie waren Opfer der jeweiligen Machtpolitik.

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