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„Jetzt geht es uns dran...“

Anton Kraus aus Burglengenfeld ist im Ersten Weltkrieg gefallen. Sein Neffe hat ihn durch alte Feldpostbriefe kennengelernt.
von Christine Strasser, MZ

  • Anton Kraus war 23 Jahre alt, als er in den Ersten Weltkrieg zog.Foto: Josef Kraus
  • „Nur nicht dränglen, es kommt jeder dran!“ hat der Zeichner auf dieser Postkarte vermerkt.
  • Diese Karte schickte Anton Kraus von der Westfront an seine Eltern.
  • Aus Amberg, wo Anton Kraus Rekrut war, erreichte die Familie diese Postkarte.

Burglengenfeld.„Teile Euch mit, daß es mir nicht schlecht geht; aber exerzieren müßen wir alle Tage 6 Stunden. Früh halb 5 Uhr geht’s auf, Kaffee fassen, dann antreten zum exerzieren bis 11 Uhr, dann Minasch (Menage) fassen und Mittag essen. 1 1/2 Uhr geht’s wieder los bis abends 6 Uhr. Kaffee ist fast gar nicht zu trinken, Mittagskost etwas besser, abends bekommen wir Wurst; aber den ganzen Tag keinen Tropfen Bier bis abends 6 Uhr.“

Als der Burglengenfelder Anton Kraus diese Zeilen an seine Eltern schreibt, ist er seit wenigen Tagen Rekrut in Amberg. Es ist der 18. August 1914 und Anton Kraus ist 23 Jahre alt. Er hat vier jüngere Geschwister. Drei Brüder und eine Schwester, das „Annerl“. Vater Josef ist Werkszimmermeister im Eisenwerk Maximilianshütte. Anton hat dort als Walzendreher gearbeitet, bevor er in den Krieg zog. Noch nicht einmal ein Jahr nach diesem Brief ist Anton Kraus tot. Das Kriegsende am 11. November 1918 erlebte er nicht – wie mehr als neun Millionen andere Soldaten.

Dass sein Schicksal nicht in Vergessenheit geraten ist, ist seinem Neffen Josef Kraus zu verdanken. Er hat nicht nur etwa 60 Briefe und zahlreiche Feldpostkarten seines Onkels Anton aufbewahrt, sondern die in altdeutscher Handschrift verfassten Zeilen auch „transkribiert“. Eine wichtige Erfahrung, wie Josef Kraus erläutert. Aus dem fremden Gefallenen aus dem lange vergangenen Ersten Weltkrieg wurde ein Mensch mit Gefühlen, Ängsten und Hoffnungen. „100 Jahre nach seinem Tod ist mir mein Onkel nahe gekommen“, erzählt er.

„Haben die Mörser krachen hören“

In einer einfachen Sprache schreibt Anton Kraus zunächst über das Leben in der Kaserne und den Drill. In einem auf den 25. August 1914 datierten Brief berichtet er von der Erschießung französischer Kriegsgefangener. „Gestern sind 15 Hundert Franzosen nach Grafenwöhr gekommen, heute 40 davon erschoßen, weil sie unter dem Transport Unteroffiziere, die bei Bewachung dabei waren, zum Fenster naus geworfen haben, Finger weggeschnitten und unter die Puffer nei geschmißen haben. Die roten Lumpen gehören alle erschossen.“ Ende September rückt der Kriegseinsatz für Anton Kraus näher. „Jetzt sind wir unter die Alten eingeteilt, die vom Feld zurückgekommen sind. Hoffentlich geht’s bald dahin“, vermerkt er am 30. September 1914 auf einer Postkarte, die eine Karikatur mit Soldaten aus verschiedensten Ländern zeigt. „Hier werden noch Kriegserklärungen angenommen“, frozelt der Zeichner. Im November sitzt Anton Kraus tatsächlich im Zug Richtung Westfront. Am 4. Dezember 1914 schreibt der junge Burglengenfelder erstmals aus Nordfrankreich: „Wir sind jetzt beim 13. Reserv. Rgt zugeteilt und kommen am Sonntag ins Gefecht, müßen wir 4 Stunden marschieren, bis wir hinkommen. Haben die Mörser schon krachen hören.“ Die Nahrungsrationen an der Front sind knapp. Anton Kraus bittet seine Eltern deshalb um Essenspakete.

Artilleriefeuer und Schlamm

In einem Brief vom 11. Januar 1915, der bei Arras abgestempelt ist, klingt das Grauen durch, das er erlebt hat: „und merkt Euch, liebe Eltern, Freitag den 8. Januar, wenn ich einmal das Datum wieder erlebe, dann bin ich glücklich und vergeß ihn auch mein Leben lang nicht mehr. Da haben wir soviel ausstehen müßen, daß es sogar die Alten, die vom Anfang des Krieges dabei waren, einen solchen schlimmen Tag noch nicht erlebt haben und es Ihnen auch nicht so ging bei diesem schlechten Wetter, 2 Tag ununterbrochen geregnet und wir mußten Stellung halten. Durch und durch naß bis zum Hintern im Wasser waten und stehen und der Schlamm hat einem direkt die Stiefel ausgezogen.“

Anton Kraus erlebt, wie etliche seiner Kameraden schwer verletzt werden. Auch von Todesfällen schreibt er und zusehends gefährlicheren Angriffen. Am 3. Februar 1915 vermerkt er: „Die Artillerie schießt ungeheuer viel und das ist was Schreckliches, da bekommt man soviel Angst, daß man ganz in den Boden hinein verkriecht und nur die Augen zudrückt, daß man das Feuer nicht sieht.“ Mit Speisen aus der Heimat versuchen sich die Soldaten aufzumuntern. Anton Kraus erwähnt Oberpfälzer Knödel und Tatsch. Immer wieder fragt er auch nach seinen jüngeren Geschwistern. Er hofft auf ein schnelles Ende des Krieges. „Ach Gott, wenns nicht bald aus wird, kommen wir alle so noch um“, hält er in einem Brief vom 22. Februar 1915 fest.

Doch das Schlachten geht weiter. Groß ist die Freude, wenn Anton Kraus andere Burglengenfelder trifft. Doch die Freude „fällt wieder in den Brunnen“, wenn sie weiterziehen müssen. Anton bleibt bis Ostern 1915 in der Nähe von Lille. Das Städtchen gefällt ihm und er freut sich über die „Paketln“ mit Kuchen, Speck und Zucker. Bevor er in den Schützengraben muss, geht er wenn möglich zur Messe. Immer wieder schickt er ein paar Mark seines Soldes nach Hause. Was ihn plagt, ist sein kratzender Hals.

Dann wird sein Regiment abkommandiert. Zunächst weiß Anton Kraus nicht, wohin die lange Bahnfahrt ihn führen wird. Einige Tage ist er in Douai. Schließlich kommt er in Galizien an. „Jeder Schuß ein Ruß“ setzt er unter eine Postkarte vom 29.4.1915. Die Gefechte sind heftig. Hunderte Russen werden gefangen genommen. Dann bleiben die Briefe von Anton Kraus aus. Am 20. Mai 1915 teilt das Kriegslazarett aus Jaslo seinem Vater mit, dass der Ersatz-Reservist Anton Kraus am 18. Mai „infolge eines Gewehrschusses durch die Brust sanft entschlafen ist“. Auf Nachfrage erfahren die Eltern, dass ihr Sohn in einem Einzelgrab in Jaslo beerdigt wurde, welches ein schwarzes Holzkreuz mit Namenstäfelchen trägt. Später wurde das Holzkreuz durch ein gußeisernes Kreuz ersetzt. Josef Kraus weiß noch zu berichten, dass Soldaten aus Burglengenfeld den Friedhof zu Jaslo im Zweiten Weltkrieg besuchten. Sie fanden zufällig das Grab von Anton Kraus und fotografierten es. Nach Auskunft der Österreichischen Kriegsgräberfürsorge liegen die sterblichen Überreste von Anton Kraus bis heute dort.

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