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Arbeitswelt

Job-Alternative mit großen Tücken

Minijobs bringen schnelles Geld – und langfristig oft Altersarmut. Eine Ausstellung warnt vor Risiken, vor allem für Frauen.
Von Reinhold Willfurth

  • In der Gastronomie sind Minijobs weit verbreitet. Auch hier bieten sie den Teilzeitkräften keine langfristige Perspektive.Foto: dpa
  • Aufklären und Bewusstsein schaffen: Dorothea Seitz-Dobler hat die Wanderausstellung der Arbeitsagentur nach Schwandorf gebracht. Foto: Willfurth

Schwandorf. Wenn Dorothea Seitz-Dobler in Schwandorf, Cham oder Amberg einen Vortrag über Möglichkeiten für Berufsrückkehrer hält, ist so gut wie nie ein Mann unter den Zuhörern. Das Thema ist weiblich dominiert – so wie jener Bereich des Arbeitsmarkts, der einen vermeintlich unkomplizierten und vielversprechenden Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt verspricht. Vermeintlich, weil so ein Minijob auf lange Sicht gravierende Nachteile hat. Und die treffen vor allem Frauen, worauf die „Beauftragte der Schwandorfer Arbeitsagentur für Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt“ nicht müde wird hinzuweisen.

Ein weiter Weg zur Vollzeitstelle

Denn eine „geringfügig bezahlte Beschäftigung“ verzichtet auf Beiträge für die Arbeitslosenversicherung und die spätere Rente ist bei den geringen Beiträgen nur marginal. Automatisch krankenversichert sind die Minijobber auch nicht. Und nicht jeder Arbeitgeber hält sich an die gesetzlichen Regeln, die auch vielen Beschäftigten zu deren Nachteil nicht geläufig sind, vom Recht auf Urlaub bis zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. „Das Arbeitsrecht wird großzügig ausgelegt“, so die Erfahrung von Seitz-Dobler.

Solche Wissensdefizite zu beheben und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wann ein Minijob Sinn machen und wann er in die Altersarmut führen kann, das ist das Ziel einer Ausstellung, die seit Montag in der Schwandorfer Agentur für Arbeit zu sehen ist. Fragen wie „Welche Rechte und Pflichten habe ich?“, „Steht mir der Mindestlohn zu?“, „Was bedeutet der Minijob für meine Rente?“ werden beantwortet. Im Hintergrund aber steht stets die Kardinalfrage „Wie komme ich in eine existenzsichernde Beschäftigung?“

Denn auch wenn kurzfristig und vielleicht sogar ganz in der Nähe des Wohnorts ein schneller Nebenverdienst lockt - „eine Lebensperspektive bietet ein Minijob nicht“, betont Seitz-Dobler. Abgesehen vom schmalen Gehalt erwerben die Minijobber üblicherweise nur geringe Rentenpunkte und kein Recht auf Arbeitslosengeld. Ein sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplatz, der begehrte Goldstandard der Arbeitswelt, ist allzu oft nicht in Sicht.

Natürlich kann die Arbeitsmarktexpertin verstehen, warum der Minijob trotzdem so beliebt ist. Frauen suchten etwa nach Babypause oder Elternzeit wieder den Anschluss an den Arbeitsmarkt. Weil ihre Männer die Hauptverdiener sind, sehen sie sich oft gezwungen, die unattraktive Steuerklasse fünf mit relativ hohen Abgaben zu wählen. „Wenn sie dann Zweitwagen, Kinderbetreuung oder Ausgaben für Arbeitskleidung zusammenrechnen, bleibt unterm Strich oft nichts mehr übrig“, sagt Seitz-Dobler. Der abgabenfreie Minijob sei oft die naheliegende Alternative.

Auch im Landkreis Schwandorf: Dort waren laut Statistik der Arbeitsagentur im Januar nicht weniger als 13 154 Menschen geringfügig beschäftigt - davon 8520 Frauen. Die meisten, nämlich 8191, hatten ausschließlich einen Minijob. Über 5800 Frauen haben diese Arbeitsform gewählt.

Oder sie wurden durch die Umstände dazu gedrängt. Mit leiser Verzweiflung hörte Dorothea Seitz-Dobler vor kurzem in der Fragestunde nach einem Vortrag, bei dem ausführlich über die Nachteile von geringfügiger Beschäftigung die Rede war, den Wunsch einer Frau nach einem Minijob. Begründung: Der Steuerberater ihres Mannes habe das für sinnvoll erachtet. „Und wenn ihr Mann stirbt? Zahlt dann der Steuerberater Ihre Rente?“ habe der ebenfalls anwesende Berater der Rentenversicherung die Frau gefragt.

Oft hapere es an Wissen über die Arbeitsrechte. Ein Mindestlohn von neuerdings 8,84 Euro, bezahlter Urlaub von mindestens vier Wochen pro Jahr, Gehaltsfortzahlung bei Krankheit, Kündigungsschutz, geregelte Arbeitszeiten, Mutterschutz – all dies steht geringfügig bezahlten Beschäftigten ebenso zu wie ihren Vollzeit-Kollegen.

Diese Rechte lassen sich nicht immer durchsetzen. Denn mit der Gesetzestreue der Arbeitgeber sei es oft nicht weit her, beklagt Kurt Haberl, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) in Landshut. „Gerade in unserem Bereich werden Frauen oft über den Tisch gezogen“, sagt Haberl. „Viele Chefs zahlen unter Tarif“.

„Erschreckend“ findet der Gewerkschafter die Zahl der Minijobs im Landkreis. 13 000 geringfügig Beschäftigte bei 53 000 Vollarbeitsplätzen - „das ist schon extrem“, findet Haberl. Abhilfe schaffen lässt sich aus Sicht des Gewerkschafters nur dadurch, indem man reguläre, also dauerhafte Teilzeitarbeitsplätze sozialversicherungspflichtig mache.

Rechenbeispiel zum Nachdenken

Das kann für den Chef sogar die günstigere Lösung sein, wenn das Gehalt eine gewisse Grenze nicht überschreitet. In der Ausstellung ist ein Rechenbeispiel zu sehen, das manchen Arbeitgeber zum Nachdenken bringen soll. Zwei Minijobs zu jeweils 350 Euro kommen demnach deutlich teuerer als ein normales Teilzeitarbeitsverhältnis mit 700 Euro Gehalt.

Dass sich Frauen für das vermeintlich „schnelle Geld“ unter Wert verkaufen und Altersarmut riskieren, zeigt eine weitere Statistik der Arbeitsagentur. Denn Minijobs sind mitnichten eine Beschäftigung für Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt chancenlos wären. Rund drei Viertel der Frauen im Agenturbezirk haben eine abgeschlossene Berufsausbildung. Dass gelernte Industriekauffrauen aus den genannten Gründen dann lieber Supermarktregale einräumen, übrigens in der Region immer öfter als Zusatzjob neben dem regulären Beruf, ist eine Realität, mit der die Arbeitsmarktexperten bis auf Weiteres leben müssen. „Ich kann nur versuchen, ein Bewusstsein zu schaffen für das, was später drohen kann“, sagt Dorothea Seitz-Dobler.

Mitveranstalterin Helga Forster, sieht den Minijob als (Wieder-) Einstieg in die Arbeitswelt. „Das ist absolut o.k., wenn es um ein, zwei Jahre geht“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Schwandorf. Auch Rentner oder Studenten profitierten davon. Aber die Risiken als Dauerarbeitsplatz seien viel zu groß, als dass sie Frauen dieses Modell ans Herz legen könne.

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