mz_logo

Region Schwandorf
Freitag, 21. September 2018 26° 1

Tradition

Kein Gebäck wie jedes andere

MZ-Reporterin Renate Ahrens hat am Brunnerhof zugesehen beim Küchlbacken und beschreibt, worauf es ankommt.
Von Renate Ahrens

Hauchdünn muss das Innere sein - so, dass man einen Liebesbrief lesen könnte, heißt ein Bauernspruch. Fotos: Ahrens
Hauchdünn muss das Innere sein - so, dass man einen Liebesbrief lesen könnte, heißt ein Bauernspruch. Fotos: Ahrens

Schwandorf.Keinesfalls Zugluft darf der Hefeteig bekommen, mahnte die Oma immer wieder. Stets mussten die Türen geschlossen sein. So haben es viele noch gut in Erinnerung, wenn in Großmutters Küche am holzgeheizten Herd wieder Küchl gebacken wurden. Unvergleichlich ist dann der Moment, wenn es köstlich duftete. Ein großer Tag war das immer, ein richtiges Ereignis. „Der Ehemann wurde meist auch hinausgeschickt, weil er im Weg stand“, sagt Ernährungsfachfrau Maria Münz aus Teublitz lachend. Wie Apollonia Brunner vom Brunnerhof in Richt gibt sie Küchl-Backkurse, und beide Expertinnen stellen einen Trend fest: Küchl zu backen wird immer beliebter. „Frauen und auch Männer möchten es wieder lernen und diese Tradition aufleben lassen.“

Eine wahre Mystik ranke sich gar um die Küchl, kein anderes Gebäck hat zudem so viele Namen: Auszogne, Kirwa-Kiachl oder Knieküchle – denn früher hätten die Bauersfrauen angeblich die Teigkugeln über ihren Knien ausgezogen. Sogar eine Art von Meditation bedeute es, sagt Apollonia Brunner, denn ohne Ruhe gehe gar nichts. „Wenn manche Frauen sagen, die Küchl werden einfach nichts, liegt es meist an fehlender Geduld.“

Der Teig muss sich wohlfühlen

Appolonia Brunner muss es wissen, denn sie bäckt jeden Freitag 200 bis 400 Küchl für ihren Hofladen. „Das sind 230000 Stück in 16 Jahren“, rechnet Tochter Veronika Peters-Brunner schnell nach. Zu Festtagen machen die Brunners natürlich noch mehr. Oft hilft auch die Großmutter mit, also dann drei Generationen. „Am schönsten ist Küchlbacken nicht allein.“ Das merken auch die Frauen beim Kurs an diesem Samstagvormittag, einem schönen Sommertag. Apollonia Brunner hat in ihrer Küche bereits alles vorbereitet. Denn die erste Regel lautet: Genauigkeit ist wichtig.

In das „Schüsselchen“ in der Mitte des Küchl darf kein Fett beim Backen.
In das „Schüsselchen“ in der Mitte des Küchl darf kein Fett beim Backen.

Die Teigkugel ist schon aufgegangen, eineinhalb Stunden ruhte sie im warmen Heizungsraum, und ist nun perfekt zum Verarbeiten. Doch zunächst zeigt die Bäuerin die eigentliche Zubereitung des Hefeteigs. Alle sind gespannt und voller Vorfreude. „Für warme Küchl tue ich alles“, sagt Sybille Huber zu Maria von Stern, und diese nickt. „Es ist dieser Sehnsuchtsmoment, den ich damit verbinde. Es duftet gut, es ist gemütlich, lustig und warm“, schwärmt Maria von Stern von ihren Kindertagen, als sie der Großmutter geholfen hat.

Die ersten Küchl sind nicht rund - aber machen Spaß.
Die ersten Küchl sind nicht rund - aber machen Spaß.

Zutaten immer nach Gefühl

Warm ist es auch heute in Brunners moderner Küche – gemütlich und lustig ebenfalls. Die Bäuerin hat alle Zutaten bereits am Abend zuvor in die Küche gestellt, damit sie Zimmertemperatur haben. Das ist also der zweite wichtige Punkt. Das Rezept verrät die 57-Jährige gern, sie selbst hat es von ihrer Freundin Vroni bekommen, als der Hofladen vor 16 Jahren eröffnet wurde – denn was wäre ein Bauerncafé ohne Küchl? Ihre Mutter backt zwar selbst welche, sogar heute mit 84 Jahren noch, aber sie wiege die Zutaten nicht ab, sondern nehme alles nach Gefühl. „Damit kann ich nichts anfangen“, erklärt Brunner und bröckelt Hefe in die handwarme Milch. Dann kommen nach und nach die weiteren Zutaten hinzu. Die Küchenmaschine knetet den Teig. Früher, so werden bei den Frauen Erinnerungen wach, habe die Oma mit einem riesigen Holzlöffel den Teig ewig lange geschlagen.

Naschen ist erlaubt – denn warm schmecken die Küchl am besten.
Naschen ist erlaubt – denn warm schmecken die Küchl am besten.

Dann wird er zum Gehen warm gestellt. Brunner nimmt nun aber den bereits vorbereiteten Teig und macht in der 100 Jahren alten, noch voll funktionsfähigen Semmelschleifmaschine kleine Teigportionen. Nun sind die Frauen an der Reihe und formen diese zu gleichmäßigen Kugeln. „In der gewölbten Hand nur in eine Richtung drehen. Der Teig muss sich wohlfühlen“, sagt die Fachfrau. Nachdem die Teiglinge dann noch eine Weile abgedeckt im Warmen verbracht haben, geht es ans Ausziehen: Mit dem Handballen drückt man, so demonstriert Brunner, eine Kuhle in die Kugel, dann nimmt man den Teig und dreht ihn, bis er in der Mitte dünn wird und außen einen gleichmäßigen Rand hat. Das erledige die Schwerkraft eigentlich von allein.

Gleichmäßig rund werden die Teigkugeln ausgerollt.
Gleichmäßig rund werden die Teigkugeln ausgerollt.

Die Frauen, die munter geplaudert hatten, werden ruhig und konzentrieren sich auf diese Aufgabe.„Nach fünf oder sechs Umdrehungen muss es passen“, stellt Brunner fest – und fügt gleich vorsorglich hinzu: „Wenn die Küchl nicht schön werden, liegt es am Mond.“ Vollmond oder abnehmender Mond sei nämlich am besten, und natürlich ist gerade zunehmender Mond. Die ersten Küchl sind tatsächlich nicht ganz rund, doch: „Oval ist modern“, sagen die Frauen lachend, und alle haben ihren Spaß. Ronja und Elisa, die kleinen Töchter von Maria von Stern, formen derweil andere Kunstwerke aus dem Teig, zum Beispiel Knochen. Auch diese baden bald im heißen Butterschmalz. In das „Schüsselchen“, das helle Innere der Küchl, darf kein Fett geraten.

Und dann kommt endlich der ersehnte Moment: Man beißt in das noch warme, mit Puderzucker bestäubte Küchl. Andächtige Stille macht sich breit. „Köstlich“, seufzen alle. Zur Feier des Tages gibt es heute Prosecco statt Kaffee dazu, und die Teilnehmerinnen sagen: Küchl zu backen ist gar nicht so schwierig.

Weitere Nachrichten aus Schwandorf und Umgebung lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht