MyMz
Anzeige

Gedenkfeier

Kein Platz für Extremismus in Schwandorf

Der Brandanschlag auf das „Habermeier-Haus“, bei dem vier Menschen starben, macht auch 29 Jahre danach noch fassungslos.
Von Renate Ahrens

  • Die Gedenkfeier fand am „Schlesierplatz“ statt, wo seit dem vergangenen Jahr auch ein Gedenkstein steht. Foto: Ahrens
  • Leyla Kellecioglu steckte die Nelken behutsam an die Gedenktafel. Foto: Ahrens

Schwandorf.Rote Nelken hält Leyla Kellecioglu in der Hand, als sie gestern Abend die Gedenkstunde zu Ehren ihrer Familie besucht, die bei einem Brandanschlag im Jahr 1988 ums Leben kam. Nach all den Jahren, so erklärte Oberbürgermeister Andreas Feller, sei man immer noch fassungslos, wie „so eine widerwärtige Tat“ bei uns geschehen konnte. Vier Menschen wurden vor 29 Jahren bei dem Attentat auf das ehemalige „Habermeier-Haus“ durch einen Schwandorfer Rechtsextremisten getötet.

Die gestrige kommunale Gedenkfeier fand erstmals direkt am Ort des Geschehens, am „Schlesierplatz“ statt, wo neben der Erinnerungstafel seit dem vergangenen Jahr ein Gedenkstein steht. Allen sei bewusst, so Feller, wie aktuell diese Veranstaltung sei – vor dem Hintergrund der Berichte und Bilder über Anschläge auf Asylunterkünfte und der „Vielzahl von Flüchtlingen, die aus Ländern, in denen Krieg und Terror ihr Leben bedrohen, zu uns kommen“. Man habe die Schwandorfer Opfer nicht vergessen: Osman, Fatma und Mehmet Can sowie Jürgen Hübener. „Dieses abscheuliche Verbrechen hat sich in unser Gedächtnis unauslöschlich eingebrannt“, erklärte Feller.

Aus der Chronik

  • Am 18. Dezember 1988

    kamen bei einem Brandanschlag auf ein Haus an der Ecke Schwaiger/Postgartenstraße vier Menschen ums Leben. Die jährliche Gedenkstunde soll ein „deutliches Zeichen gegen Terror, Gewalt, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ setzen.

  • Vor zehn Jahren

    wurde am ehemaligen „Habermeier-Haus“ eine Gedenktafel angebracht: „Den Lebenden zur bleibenden Mahnung und Erinnerung“.

  • Im November 2016

    wurde die Gedenktafel um einen Gedenkstein ergänzt, gestiftet vom Bündnis gegen Rechtsextremismus.

Solisten der VHS-Jugendblaskapelle umrahmten die Gedenkfeier musikalisch. Man wolle zeigen, dass Schwandorf eine „bunte Stadt“ sei und es hier keinen Platz für Extremismus gebe. Schnell könnten Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit entstehen: „Je weniger wir voneinander wissen, desto fremder erscheint uns der andere.“ Aufeinander zugehen solle man, so der Oberbürgermeister. Nicht früh genug könne man lernen, Werte anderer Kulturen und Religionen zu respektieren. Feller bedankte sich bei Schulen, Eltern, Lehrern, den Kirchen, dem Bündnis gegen Rechtsextremismus, den Vereinen und allen, die Kindern mit ihren Initiativen frühzeitig aufzeigen, dass „ein Zusammenleben ohne Hass, Neid und Missgunst möglich ist“. In Schwandorf sei kein Platz für Ausgrenzung und Verachtung. „Wir sind eine tolerante Stadt“, so Feller, und verwies als Beispiel auf diese Gedenkstunde, die von Vertretern der katholischen und evangelischen Kirche und einem türkischen Imam mit seiner Kulturgemeinde mitgetragen werde.

Pfarrer Arne Langbein und Dekan Hans Amann trugen gemeinsam ein Glaubensbekenntnis vor, Imam Ibrahim Deniz ein Friedensgebet. Foto: Ahrens
Pfarrer Arne Langbein und Dekan Hans Amann trugen gemeinsam ein Glaubensbekenntnis vor, Imam Ibrahim Deniz ein Friedensgebet. Foto: Ahrens

Viele Politiker und Verantwortliche von Schulen und Vereinen nahmen an der Gedenkveranstaltung teil. Pfarrer Arne Langbein und Dekan Hans Amann trugen gemeinsam ein Glaubensbekenntnis vor, das Mut machen sollte. „Ich will nicht glauben, dass Krieg, Zerstörung und Hunger unvermeidlich sind und Friede unerreichbar ist“, so die beiden Geistlichen, die Leyla Kellecioglu ein Friedenslicht aus Bethlehem als Zeichen des Trostes übergaben.

„Ich will glauben, dass es viele kleine Taten gibt, die eine scheinbar machtlose Liebe haben, durch die Frieden auf Erden möglich ist.“ Ein Friedensgebet trug auch Imam Ibrahim Deniz vor, übersetzt von Hülya Ertürk. Der Imam bat um Vergebung und Hilfe. „Gieße Geduld an die Hinterbliebenen und verhindere solche Anschläge.“

Gyrol Bas vom türkischen Konsulat erinnerte an die NSU-Prozesse. Auch nach fast 400 Sitzungen, so mahnte er, hätte man noch kein Ergebnis erreicht. Eine „angemessene Bestrafung“ sei sehr wichtig. Die rechtsextremen Aktivitäten, so erklärte er, seien für alle Schichten der Gesellschaft besorgniserregend.

Gemeinsam legte man Blumen am Gedenkstein ab – und Leyla Kellecioglu steckte die Nelken behutsam an die Tafel.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht