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Auslandseinsatz

Kenianern auf den Zahn gefühlt

Der Nittenauer Zahnarzt Dr. Gerhard Jutz behandelte Menschen in Kapnyeberai. Dort ist Zucker als Fluch der Zivilisation längst angekommen.
von Oxana Bytschenko

  • Dr. Gerhard Jutz bei einer Zahnbehandlung in Kapnyeberai (Kenia); unterstützt wurde er von Francis, einem Zahnmedizinstudenten. Foto: Daniel Jutz
  • Das Praxisteam vor der Station: Sohn Daniel Jutz (3. von rechts) unterstützte seinen Vater, indem er die Instrumente und Medikamente ordnete. Foto: Daniel Jutz
  • Die Patienten warten schon im Flur der Zahnstation auf den Doktor. Foto: Daniel Jutz
  • Dr. Jutz besuchte auch AIDS-Waisenhäuser, in denen Kinder leben, die selbst nicht infiziert sind. Foto: Daniel Jutz

Nittenau/Kapnyeberai. Eine Landschaft wie im Bayerischen Wald machte es Dr. Gerhard Jutz einfach, sich in Kapnyeberai heimisch zu fühlen. Der Nittenauer Zahnarzt, der kürzlich in Ruhestand gegangen ist, hat zwei Wochen lang in der kenianischen Stadt, doppelt so groß wie Nittenau, verbracht. Dort bot er Menschen eine Behandlung an – und lernte eine andere Kultur kennen.

Schnell hat es sich herumgesprochen, dass es in Kapnyeberai wieder einen Zahnarzt gibt. Ein Viertel Jahr lang mussten die Menschen ohne einen Zahndoktor auskommen. Im Gottesdienst, zu dem Dr. Jutz und sein mitreisender Sohn Daniel (14) eingeladen wurden, blieben die Deutsche nicht lange unerkannt. Sie wurden vom Pfarrer zum Altar gebeten, vorgestellt und erhielten tosenden Beifall von den Besuchern der Messe. So lernten sie auch die Unterschiede bei Gottesdiensten kennen: In Kenia dauert eine Messe etwa drei Stunden, weil immer wieder jemand unterbricht, um ein Lied zu singen oder zu tanzen.

Afrika war immer sein Traum

Gerhard Jutz suchte schon lange nach einer Möglichkeit, im Ausland zu helfen, und Afrika war dabei immer seine Präferenz. Sobald er seine Praxis in Nittenau abgegeben hatte, machte er sich auf die Suche nach einer passenden Hilfsorganisation. Diese fand er im Verein „Dentists for Africa“. Die Arzt- und Zahnarzthilfe wurde 1999 von Thüringer Zahnärzten gegründet und arbeitet mit kenianischen Franziskanerschwestern zusammen. In Kapnyeberai verwalten fünf Schwestern die Gebäude, bieten Unterkunft und Verpflegung für Ärzte.

Dr. Jutz und sein Sohn kamen im Nebengebäude der Zahnstation unter. Am ersten Arbeitstag stand der Zahnarzt aber erst mal vor einem chaotischen Haufen aus Instrumenten und Medikamenten. Daniel Jutz brachte jedoch Ordnung in die Station; am Ende lagen die Bohrer, Kratzer und Extraktionszangen sorgfältig nebeneinander. Die Ausstattung der Station war vollständig, sagt Gerhard Jutz. Vom Lichthärtegerät über UV-Licht bis zu einem Röntgengerät war alles vorhanden. Der 65-Jährige hatte aus Deutschland Medikamente für Anästhesie und Handschuhe mitgebracht. Bei der Arbeit wurde Jutz von Francis, einem Studenten der Zahnmedizin, und einem Laboranten unterstützt. So konnte der erfahrene Zahnarzt sein Wissen weitergeben. Er legte Wert darauf, die richtige Desinfektion und Sterilisation der Geräte zu zeigen. In einem Land mit HIV/AIDS sei das besonders wichtig.

„Wir waren gut beschäftigt“, erzählt der Mediziner. Da der nächste Zahnarzt 30 Kilometer entfernt und teuer ist, standen die Kenianer Schlange in der kleinen Station. Die Schwestern verlangten nur ein kleines Honorar. „Die Menschen waren so dankbar für die Behandlung“, sagt Jutz, „selbst Kinder ertrugen sie ganz tapfer.“ Auch umfangreiche Schmerzbehandlungen und Zähne, die gezogen werden mussten, was vor allem die Aufgabe von Jutz war. Zwei Drittel der Patienten waren Kinder, die durch Zucker und mangelnde Hygiene schlechte Zähne bekommen hatten. „Mit den Segnungen der Zivilisation ist auch der Zucker nach Kenia gekommen“, sagt Jutz, „aber leider nicht die Zahnbürste“. So werden Zähne „eher wenig“ geputzt. Der Zahnarzt findet es deshalb wichtig, Menschen auszubilden, die die Zahnhygiene an Schulen erklären. „Eine kostenlose Zahnbürste ist wichtiger als die Zahnbehandlung selbst“, sagt der Arzt.

Auto gekauft, das nicht fährt

Beim Hilfseinsatz müssen die Zahnärzte für die Reisekosten und Verpflegung selbst aufkommen. Dafür wollten Dr. Jutz und Daniel auch etwas von der Umgebung sehen, wie den Victoriasee und ein Naturschutzreservat. Sie sahen die schlechten Straßen – in einem Land, wo Handys und Internet fast überall funktionieren. Bei Regenzeit sei die Zahnstation nicht erreichbar. Das Geld für die Straße sei längst bewilligt, sagt Dr. Jutz, jedoch in den dunklen Kanälen verschwunden. Im Gesundheitszentrum in der Nähe standen leere Betten übereinander, die stationäre Abteilung war in Auflösung. „Eigentlich soll es dort kostenlose Behandlung von Malaria und HIV geben, doch eine systematische Behandlung fand nicht statt“, erzählt er. Sie besuchten ein AIDS-Waisenhaus. „Diese gibt es in Kenia in jedem Ort der Größe von Nittenau“, sagt Jutz. Doch die Kinder lebten dort isoliert, obwohl sie nicht infiziert sind. Dr. Jutz und seine Begleiter waren die ersten Besucher seit Wochen. Die Franziskanerschwestern kümmern sich um die Kinder, ums Essen und die Schuleinschreibung.

Dann lud der Laborant Gerhard und Daniel Jutz zu sich nach Hause ein. Er zeigte stolz sein Auto, das jedoch nicht fährt, weil der Mann sich von seinem Gehalt (80 Euro/Monat) kein Benzin (ein Euro/Liter) leisten kann. Auch gab es keinen Strom in seinem Haus, weil er die Rechnung nicht zahlen konnte. Doch für die Gäste gab es Süßigkeiten, Bananen und Cola. Diese Begegnungen mit Menschen und Problemen lassen Jutz Kenia nicht vergessen. Mit Francis und den Schwestern hält er Kontakt. Das nächste Mal möchte er für längere Zeit, vier bis acht Wochen, nach Kenia. „Ich möchte aber diesmal einen anderen Ort sehen“, sagt er.

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