MyMz
Anzeige

Serie

Kinderlachen macht Strapazen vergessen

Am siebten Tag der Reise erreichte der Hilfskonvoi aus Pfreimd die verstrahlte Stadt Naroditschi. Die Gruppe besuchte Krankenhaus und Kindergarten.
Von Andrea Rieder

  • Mit leuchtenden Augen nahmen die Kinder in Naroditschi ihre Geschenkpäckchen aus Deutschland entgegen. Fotos: Rieder
  • Auch Krankenhausbetten brachte der Hilfskonvoi nach Naroditschi.
  • Das neue Trampolin kam super an.
  • Jedes Jahr hält der Konvoi in Welyki Klitschi. Die Kirche ist das einzige erhaltene Gebäude in dem seit der Katastrophe verlassenen Dorf.
  • Dr. Josef Ziegler entzündet eine Kerze in der Kirche in Welyki Klischtschi.

Pfreimd. Frühmorgens brechen die Konvoifahrer in Kiew auf, um sich auf den Weg nach Naroditschi zu machen. Es ist der siebte Tag ihrer Reise. Die Stadt liegt am Rande der 30-Kilometer-Todeszone um den zerstörten Reaktor herum. Auf diese Station haben sich die Konvoifahrer am meisten gefreut. Der Besuch im dortigen Kindergarten lässt sie die Strapazen der Fahrt vergessen. Das Lachen der Kinder, wenn sie ihre Geschenkpäckchen entgegen nehmen, ist der beste Dank für ihre Mühe.

Über viele Kilometer lang fährt der Tross durch die Natur. Außer Wald, unbestellten Feldern und Wiesen gibt es kaum etwas in diesem Landstrich. Wer etwas genauer hinsieht, entdeckt die zerfallenen Häuschen zwischen Bäumen und Sträuchern. Ganz selten fährt der Konvoi an noch bewohnten Häusern vorbei. Genauso selten kommt dem Tross ein Auto entgegen. Viele Dörfer wurden nach der Katastrophe evakuiert. Nur wenige Bewohner sind geblieben. Heute, 27 Jahre nach der Katastrophe, scheint sich die Natur einen großen Teil des Gebietes zurückgeholt zu haben, Gebäude brechen unter der Last von Ästen ein. Von der Strahlenbelastung ist der Natur äußerlich nichts anzumerken.

Mitten in der Einsamkeit taucht eine Kirche am Straßenrand auf. Der Konvoi hält an. Es ist schon zur Tradition geworden, im Dorf Welyki Klischtschi innezuhalten, eine Kerze in der dortigen Kirche zu entzünden. Sie ist das einzige erhaltene Gebäude im Dorf. Oma Nastja, vor einiger Zeit verstorben, hat sie bisher gepflegt. Ganz allein ist sie dafür im verlassenen Dorf zurückgeblieben.

Die Truppe setzt ihre Reise fort und erreicht die Stadt Naroditschi in der Verstrahlungszone 2. Ursprünglich sollte sie nach der Nuklearkatastrophe evakuiert werden. Dazu kam es nie. Wie stark die Flächen verstrahlt sind, ist nicht bekannt. Mittlerweile leben von den einst 30.000 Einwohnern noch etwa 10.000 in der Stadt. Der Konvoi besucht die dortige Klinik und den Kindergarten. Die Begrüßung vor der Klinik ist herzlich und lässt erahnen, dass mittlerweile eine Freundschaft zwischen Konvoifahrern und Verantwortlichen des Krankenhauses entstanden ist. Auch Dr. Josef Ziegler, Vorsitzender der Aktion Tschernobyl, bezeichnet den Kontakt mit dem Krankenhaus in Naroditschi, das von zwei Frauen geleitet wird, als herzlichsten und persönlichsten. Gleichzeitig ist es wohl das Krankenhaus, das am meisten Hilfe benötigt. Nach seinem Eindruck habe der Konvoi einen „Abstieg“ von Slawutytsch über Jagotin bis Naroditschi erlebt, was die bauliche Substanz und den Zustand der Krankenhäuser betrifft. In Naroditschi sehe er ein Fass ohne Boden. „Wir sind aber ein paar Jahre nicht hingefahren, weil es evakuiert werden sollte“, erzählt er.

Der Zoll kommt diesmal pünktlich. Das Abladen kann beginnen. Ein Schallkopf für Schilddrüsendiagnostik, Reanimationsbetten für Kinder und andere Hilfsgüter werden in einer Halle, die der Zoll für die nächsten 90 Tage zur Zollkontrollzone erklärt hat, abgestellt. Danach geht es zur Bescherung in den Kindergarten. Zig Päckchen haben Spender in Deutschland gepackt. Die Erwartungen der Konvoifahrer werden nicht enttäuscht. Mit leuchtenden Augen nehmen die Kleinen die Pakete in Empfang.

Der letzte Teil der Berichtserie unserer Autorin Andrea Rieder über den diesjährigen Tschernobyl-Hilfskonvoi ist für die Ausgabe vom 4. Mai geplant.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht