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Musik

Kirchenchor feiert ein seltenes Jubiläum

Der Sänger der evangelischen Gemeinde Schwandorf traten 1929 erstmals auf. Wir blenden in die bewegte Geschichte zurück.
Von Reinhold Willfurth

  • Der Gospelchor „Heavenbound“ ist das musikalische Aushängeschild der evangelischen Kirchengemeinde. Foto: Archiv Huber
  • Fritz Kammerer, Gründer des Kirchenchors Foto: Archiv Huber

Schwandorf.Es ist ein ganz besonderes Jahr für die evangelische Kirchengemeinde Schwandorf: Vor 90 Jahren wurde Kirchenchor gegründet, seit 25 Jahren gibt es den Gospelchor „Heavenbound“. Ein gemeinsames Konzert am 30. November krönt das Jubiläumsjahr. Dabei ist auch eine Frau, die seit mehr als 70 Jahren ihre Alt-Stimme zur Ehre Gottes erklingen lässt.

Ein ganzer Chor für 200 Gemeindemitglieder

Ende Oktober 1929. Vor einem Monat ist mit dem „Schwarzen Freitag“ an der New Yorker Börse die Weltwirtschaftskrise ausgebrochen, deren Folgen Arbeitslosigkeit und Not auch nach Schwandorf bringen werden. In diesen unsicheren Zeiten hat ein junger, musikalischer Lehrer seinen Dienst in Schwandorf angetreten – und sich in den Kopf gesetzt, einen evangelischen Kirchenchor zu gründen. In einer Stadt mit gerade einmal 200 Gemeindemitgliedern ein ehrgeiziger Plan.

Der Kirchenchor unter der Leitung von Fritz Kammerer, der den Chor im Oktober 1929 gründete, im Jahr 1965 Foto: Archiv Huber
Der Kirchenchor unter der Leitung von Fritz Kammerer, der den Chor im Oktober 1929 gründete, im Jahr 1965 Foto: Archiv Huber

Doch Fritz Kammerer, Hauptmann a. D. und auch sonst ein strenger Herr, hat als Lehrer Mittel, die heute undenkbar wären: „Er hat seine Schüler einfach dazu verdonnert, im Chor mitzumachen“, sagt Willi Stöhr, der heutige Chorleiter, mit einem Lächeln. Kammerer, stets in Anzug und Fliege unterwegs, war auch in Stilfragen unerbittlich. Das bekam der heutige Chorleiter zu spüren. „Herr Stöhr, Sie in diesem Aufzug?“, kanzelte Kammerer Willi Stöhr einmal ab, als dieser es gewagt hatte, ihm in kurzer Hose und Sandalen gegenüberzutreten.

Willi Stöhr (l.) und Thomas Huber leiten die beiden Chöre. Foto: Willfurth
Willi Stöhr (l.) und Thomas Huber leiten die beiden Chöre. Foto: Willfurth

Die Anfänge waren trotz der Rekrutierungskünste Kammerers schwierig. „Im evangelischen Bethaus an der Ecke Bahnhof-/Augustenstraße ging es eng zu, ein Harmonium musste als Begleitinstrument herhalten und als Proberaum ein Nebenzimmer des Hubmann-Bräustüberls“, sagt Thomas Huber, Leiter von „Heavenbound“.

Der gestrenge Chorleiter amtierte von 1929 bis 1975

Doch Kammerer ließ sich nicht beirren und führte den Chor mit einer Unterbrechung in der Zeit des Nationalsozialismus bis 1976. Seit 1959 bespielte er auch die Orgel in der nach dem Krieg erbauten Erlöserkirche, an seiner Seite stets sein geliebter Jagdhund.

Nachwuchssorgen gab es auch keine mehr: Durch den Zuzug von Flüchtlingen wuchs die evangelische Gemeinde nach dem Krieg stark an. Heute zählt sie rund 4000 Mitglieder.

Gudrun Fuhlbrügge ist seit 71 Jahren aktive Sängerin. Foto: Huber
Gudrun Fuhlbrügge ist seit 71 Jahren aktive Sängerin. Foto: Huber

Auch Gudrun Fuhlbrügges Familie wurde vertrieben. 1946 in Mitterteich gestrandet, rettete die Familie Fuhlbrügge aus Niederschlesien ihre Musikbegeisterung in die neue, fremde Heimat. Eine musikalische Gemeindeschwester überzeugte die 14-Jährige Gudrun, in den örtlichen Kirchenchor einzutreten. Seitdem hat die Begeisterung für den Chorgesang sie nicht mehr verlassen. Seit 1973 leiht sie ihre Altstimme dem evangelischen Kirchenchor Schwandorf. Bach ist ihr Lieblingskomponist, sie schätzt aber auch die modernen Gesänge, und den Gospel sowieso.

„Mir würde was fehlen, wenn ich nicht mehr mitsänge.“

Gudrun Fuhlbrügge, sei 71 Jahren aktive Sängerin

„Mir würde was fehlen, wenn ich nicht mehr mitsänge“, sagt die 87-Jährige im Gespräch mit der Mittelbayerischen. Vor einem Jahr wurde sie für 70 Jahre aktives Singen im Chor ausgezeichnet. „Das Singen macht mir einfach Spaß, und auch ansonsten ist es ein schöner Kreis von Menschen“, sagt Fuhlbrügge. Dass die Geselligkeit bei beiden Chören nicht zu kurz kommt, können Willi Stöhr und Thomas Huber bestätigen. Neben den bis zu zwölf Auftritten pro Jahr stärken mehrtägige Ausflüge den Gemeinsinn.

Kirchenchor und „Heavenbound“

  • Jubiläumskonzert:

    Die beiden Chöre feiern am 30. November gemeinsam mit den Schwandorfern Geburtstag in der Erlöserkirche. Um 15 Uhr gibt es Kaffee und Geburtstagskuchen, das Konzert startet um 17 Uhr. Der Eintritt ist wie immer frei. Auch einen Adventsbasar gibt es.

  • Würdigung:

    Pfarrer Arne Langbein würdigt die Chöre als „Aushängeschilder“ der evangelischen Gemeinde, auch wegen ihrer sozialen Funktion. „Willi Stöhr und Thomas Huber führen die Leute zusammen“, sagt Langbein.

Dass es in 90 Jahren Chorgeschichte auch einmal disharmonisch zugeht, liegt auf der Hand. Hans Hübner, der 1976 den Chor übernahm, hatte in den Ohren mancher Chormitglieder den Bogen überspannt, als er das höchst schwierige Stück „Wenn der Himmel schreit“ einstudierte. Austritte waren die Folge. „Der Chor war am Scheitern“, sagt Thomas Huber. Das Dekanat Sulzbach-Rosenberg schickte mit Sigrun Strobl eine junge Chorleiterin nach Schwandorf, seitdem lief es wieder harmonisch. 1989 übernahm dann Willi Stöhr den Dirigentenstab. Er leitet den Chor bis heute.

In unserem Video beeindrucken die Sänger von „Heavenbound“ im Felsenkeller mit dem Gospelsong „Stay in Touch“:

Aus dem damaligen Jugendchor der Gemeinde entwickelte sich seit 1994 der Gospelchor „Heavenbound“ („Himmelwärts“). „Anfangs bestand der Chor aus zwei Familien: den Stöhrs und den Hubers“, sagt Chorleiter Thomas Huber. Bald aber begeisterten sich immer mehr Schwandorfer für diese emotionale, mitreißende Art, das Evangelium zu predigen. Dazu komme, dass Gospels schnell zu erlernen seien, sich die Sangesfreude rascher entwickele, sagt Huber.

Jeden Montag ist Probe für den Kirchenchor. Foto: Huber
Jeden Montag ist Probe für den Kirchenchor. Foto: Huber

Heute üben jeden Mittwoch um die 40 Sänger im Gemeindesaal der Erlöserkirche. Evangelisch-lutherisch muss man übrigens nicht sein, um mitmachen zu können. Katholiken singen hier ebenso mit wie drei Mitglieder der mennonitischen Gemeinde. Und für „Heavenbound“ muss man natürlich auch nicht jung sein, auch wenn die jüngste Sängerin Anna-Lena Brandl erst 16 Jahre zählt. Richard Kühnl (74), der älteste Aktive, begeistert sich für die „moderne“ Art des Gotteslobs, den mitreißenden Rhythmus und auch die englische Sprache, die für diese Art von Musik optimal sei. „Es ist eine Art Lebensgefühl“, sagt der pensionierte Pfarrer.

Nachwuchssänger sind herzlich willkommen

Wie so viele Vokalgruppen bleiben auch die beiden Chöre nicht von Nachwuchssorgen verschont. Besonders der 22-köpfige Kirchenchor könnte Verstärkung gebrauchen, vor allem Männerstimmen. Dass es seinen Chor eines Tages nicht mehr geben könnte, ist in Willi Stöhrs Gedankenwelt gleichwohl nicht vorgesehen. Und so lautet seine Antwort auf die Frage, wie die Zukunft aussehen werde: „Nicht aussichtslos“.

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