MyMz
Anzeige

Initiative

Medizinische Hilfsaktion über 3500 Kilometer

Der 23. Hilfskonvoi der Pfreimder Aktion Tschernobyl ist zurückgekehrt. Eine MZ-Reporterin hat die Fahrer auf ihrer neuntägigen Reise begleitet.
Von Andrea Rieder

  • Nach einer Lkw-Panne rollte der Konvoi mit einem Tag Verspätung Richtung ukrainische Grenze. Fotos: Rieder
  • In der neurochirurgischen Kinderklinik in Kiew herrscht Enge. Der kleine Anton muss sich von seiner Operation in einem Zimmer mit fünf weiteren Kindern und deren Müttern erholen. Fotos: Rieder
  • Der OP-Tisch in der Geburtsklinik in Slawutitsch rostet. Für erfahrene Konvoifahrer ist das kein unbekannter Anblick. Fotos: Rieder

Pfreimd. Über 3500 Kilometer haben die Konvoifahrer zurückgelegt, als sie am vergangenen Samstag in Pfreimd eintreffen. Nächte- und tagelang haben sie in ihren Lkw und Autos verbracht, um tonnenweise medizinische Geräte und Versorgungsmaterial in ukrainischen Krankenhäusern abzuladen. Die Strapazen der letzten neun Tage kann kaum einer der 25-köpfigen Gruppe verbergen. Dennoch überwiegen Freude und Ausgelassenheit bei der Ankunft in der Heimat um 6 Uhr morgens. Ihre Mission haben die Mitglieder der Aktion Tschernobyl wieder erfüllt. Und alle sind gesund und wohlbehalten zurückgekehrt. „Es war ein guter Konvoi“, sagt deshalb auch der Initiator des Hilfskonvois, Dr. Josef Ziegler. Fast scheinen sogar die zermürbenden Zollkontrollen und die Lkw-Panne – ein defekter Turbolader hat den Konvoi einen Tag gekostet – vergessen.

Es bleibt ein Stückwerk

Und dennoch bleibt immer eine gewisse Unzufriedenheit, sagt Ziegler: „Es bleibt das Gefühl, dass es ein Stückwerk ist, was wir machen. Das irritiert mich.“ Dieses Gefühl hat sich in den vergangenen 20 Jahren, in denen sich die Aktion Tschernobyl jährlich auf den Weg in die Ukraine gemacht hat, kaum geändert. Was die Hilfsorganisation trotzdem immer wieder antreibt: das miserable Gesundheitswesen, das eher schlechter als besser zu werden scheint.

In der Ukraine gibt es in der medizinischen Versorgung ein Dreiklassensystem, sagen Einheimische: Die Privatkliniken stehen ganz oben, dann kommen die Militärkrankenhäuser. Ganz unten stehen jene Kliniken für die breite Bevölkerung. Die finanzielle Situation in diesen Häusern ist katastrophal. Triste Gänge, die längst in die Jahre gekommene Ausstattung von OP-Sälen und Behandlungsräumen und heruntergekommene Fassaden zeugen von den Problemen der Kliniken. Hinzu kommen die mangelnde Hygiene, die Enge in den Krankenzimmern, der Geruch. Für Besucher aus Deutschland scheint der Zustand kaum erträglich. Für Ukrainer sind die Krankenhäuser schlichtweg Normalität, sofern sie sich eine Behandlung dort leisten können. Ein Krankenversicherungssystem existiert in der Ukraine nämlich nicht. Zwar ist jedem ukrainischen Bürger eine Behandlung auf dem Papier garantiert, die Realität sieht jedoch anders aus. Medikamente müssen Patienten selbst bezahlen. Wie also behandelt werden, wenn das Geld für die Medikamente fehlt?

Jahrzehntelange Hilfe aus Pfreimd

Ein Stückwerk mögen die Anstrengungen der Pfreimder Aktion Tschernobyl deshalb tatsächlich sein. An der Politik und den Rahmenbedingungen können die Konvoifahrer nicht rütteln. Stattdessen müssen sie sich selbst mit aufgeblähter Bürokratie herumschlagen. Der Zoll macht immer mehr Probleme. Das sagt Dr. Ziegler auch der ukrainischen Journalistin, die den Konvoifahrern einen Besuch abstattet. In ihrem Notizblock notiert sie nichts davon.

Vergebene Mühe sind die Anstrengungen aber keineswegs. Wer sich mit eigenen Augen von den Zuständen in den vom Hilfskonvoi angefahrenen Krankenhäusern überzeugt, dem bleiben die Entwicklungen und die Spuren der jahre- und sogar jahrzehntelangen humanitären Hilfe aus Pfreimd nicht verborgen: hier ein Aufkleber mit „Universitätsklinik Regensburg“, dort ein Aufkleber mit dem Emblem der Aktion Tschernobyl. Niemand kann mehr sagen, wie viel medizinische Geräte und Instrumente schon dorthin geschafft worden sind. Sicher ist jedenfalls, dass damit schon unzählige Patienten behandelt werden konnten. Dieses Wissen spornt die Konvoifahrer an.

Es fehlt an allen Ecken und Enden

Einiges hat sich seit 1992 also schon getan, das bestätigen jene, die schon seit langem mit dabei sind. Immer wieder erzählen sie von den Anfängen des Hilfskonvois, um zu zeigen, dass das, was die „Neulinge“ beim diesjährigen Trupp vielleicht erschrecken mag, schon eine deutliche Verbesserung zu damals ist. Und doch bleiben die Mängel in keiner der drei Kliniken, die der Konvoi in diesem Jahr anfährt, verborgen. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Der Anblick rostiger OP-Tische, fleckiger Böden und der Enge in den überfüllten Zimmern der neurochirurgischen Kinderklinik in Kiew hinterlässt auch bei den alteingesessenen Konvoifahrern noch seine Spuren. „Ich brauche immer zwei Wochen, um das zu verarbeiten“, sagt ein Mitglied der Aktion Tschernobyl. Andere verzichten ganz auf den Rundgang durch die Klinik – nach dem Motto „das muss man einmal gesehen haben, und dann reicht es“.

Auch 27 Jahre nach der Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl kämpfen die Menschen in der Ukraine mit den Folgen. „Wer damals zwischen null und 16 Jahre alt war, hat immer noch gesundheitliche Probleme“, erzählt Dr. Ziegler. Dennoch ist seiner Meinung nach nicht die Katastrophe der Grund des Elends: „Das Problem war von Anfang an das miserable Gesundheitswesen“, betont er immer wieder, „Mit der Katastrophe an sich hätte der Staat eigentlich fertig werden müssen.“

Die Hilfe aus Deutschland wird dringend benötigt, das steht fest. Ob der Konvoi deshalb auch in den kommenden Jahren Fahrt aufnehmen kann? „Wenn wir gesund bleiben“, antwortet Ziegler dem Bürgermeister der Stadt Slawutytsch. Im Gespräch mit der MZ äußert er sich hin- und hergerissen: „Ich kann es eigentlich kaum mehr verantworten, dass so viel Sponsorengeld in den Transport gesteckt wird. Auf der anderen Seite sehen wir so genau, wo die Hilfsgüter hinkommen.“ Die Zukunft könnte deshalb tatsächlich weg vom Konvoi gehen – „aber nicht sofort“.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht