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Urteil

Siebeneinhalb Jahre für Kinderschänder

Im Pfreimder Missbrauchsprozess wurde der 56-jährige Angeklagte in Amberg zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.
Von Cornelia Lorenz

Zwei Polizisten führen den 56-jährigen Pfreimder in den Saal im Amberger Landgericht. Der Mann wurde zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt.
Zwei Polizisten führen den 56-jährigen Pfreimder in den Saal im Amberger Landgericht. Der Mann wurde zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Foto: J. Fichtner

Amberg.Das Amberger Landgericht hat den Pfreimder Kinderschänder zu einer sieben Jahre und sechs Monate langen Haftstrafe verurteilt. Bereits nach zwei Tagen endete damit der Prozess um den 56-Jährigen, der wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen angeklagt war. Die Staatsanwaltschaft hatte für den Angeklagten zuvor eine zehnjährige Haftstrafe gefordert. Der Verteidiger forderte für seinen Mandanten eine Haftstrafe von vier Jahren und sechs Monaten.

Staatsanwältin Franziska Bücherl sah nur wenige Umstände, die man dem Angeklagten zugute halten könne. Zwar habe er die Taten eingeräumt. „Ich sehe aber kein reumütiges, schuldeinsichtiges Geständnis. Ich sehe ein Verharmlosen der Taten“, sagte sie. Gezielt habe sich der 56-Jährige Buben in schwierigen Lebensphasen und mit Geldnöten ausgesucht, systematisch Vertrauen aufgebaut und dann missbraucht. Ingesamt rund 48 000 kinder- und jugendpornografische Dateien habe man auf Rechnern und Festplatten des Angeklagten gefunden, 798 davon habe er selbst aufgenommen. Gründe für ein niedrigeres Strafmaß könne sie nicht entdecken, so Bücherl. Das sah auch die Vertreterin der Nebenklage so: „Scham und Ekel werden die Kinder noch lange begleiten“, sagte sie.

Kein Wischi-Waschi-Geständnis

Verteidiger Tim Fischer betonte, sein Mandant habe „kein Wischi-Waschi-Geständnis“ abgelegt, sondern zu allen Vorwürfen klar Stellung bezogen. Er habe auch vor, eine Therapie zu machen. Der Angeklagte sei „in etwas hineingeraten“. Von einem ausgeklügelten System, mit dem er Kinder in seinen Keller gelockt habe, könne keine Rede sein, so Fischer weiter. Auch an die Pfreimder Bürger richtete er einen Hinweis: „Es hätte nicht zu den Taten kommen können, wenn man geschaut hätte, was da läuft.“ Der zweite Verteidiger, Dieter Spieß, betonte, dass der Angeklagte eine echte Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen aufgebaut hätte. „Die allermeisten haben den Partykeller als Zuhause betrachtet“, sagte er. Dort hätten viele von ihnen mehr Aufmerksamkeit bekommen als Zuhause und seien mit Essen und Trinken versorgt worden. Sein Sexualverhalten habe der Angeklagte vermutlich im Internat gelernt und als Erwachsener beibehalten. Wichtig sei jetzt, dass er das alles nun in einer Therapie aufarbeiten könne und nicht einfach für zehn Jahre im Knast verschwinde.

Gutachter und Polizistin sagten aus

Bereits am Vormittag wurden noch zwei Zeugen befragt, außerdem äußerte sich ein Sachverständiger zur Persönlichkeit des Angeklagten. Von einem Schneeballsystem bei den Ermittlungen sprach im Zeugenstand eine mit dem Fall befasste Polizeibeamtin. Anfangs habe man vier mutmaßliche Opfer befragt - und dabei immer mehr Namen von möglicherweise ebenfalls missbrauchten Partykeller-Besuchern erfahren. Am Ende hätten die Beamten rund 200 Personen befragt. Viele hätten bei der ersten Vernehmung aus Scham schroff abgeblockt und erst bei weiteren Befragungen die sexuellen Übergriffe des Angeklagten geschildert - zum Teil auch erst, nachdem die Beamten sie mit Fotos konfrontierten, auf denen sie eindeutig zu identifizieren waren. Von manchen Jugendlichen wurden beim Angeklagten ganze Bilderserien festgestellt, die sie bereits im Kindesalter zeigen.

Die Frage, wie der Angeklagte sich seine Opfer aussuchte, stellte Staatsanwältin Franziska Bücherl auch am zweiten Prozesstag in den Raum. Die Polizeibeamtin konnte dazu lediglich eine Vermutung äußern: Vor allem die jüngeren Opfer seien anfällig für die Übergriffe des Angeklagten gewesen, weil sie im Partykeller mehr Aufmerksamkeit als zuhause bekommen hätten. Denn, so räumte sie ein, es habe auch viele Partykeller-Besucher gegeben, die den Angeklagten als „sehr positiv“ beschrieben hätten. „Für die, die nicht betroffen waren, war das eine coole Location“, so die Polizistin. Die jungen Burschen durften Bier trinken, rauchen, an Spielautomaten spielen und laute Musik hören. Einige Eltern brachten ihre Söhne sogar persönlich zum Anwesen des Angeklagten - und manche wussten überhaupt nicht, wo ihre Kinder ihre Nachmittage verbringen. Trotz der kursierenden Gerüchte habe sich niemand über den Partykeller beschwert. „So lange man nicht persönlich betroffen ist, macht man auch nichts“, so das Fazit der Polizeibeamtin.

Schweigen im Umfeld machte alles möglich

Das Schweigen der Menschen im Umfeld des Angeklagten habe es möglich gemacht, dass er seine sexuellen Neigungen über Jahre hinweg ausleben konnte. „Er will es nicht wahrnehmen, dass er den Kindern durch sein Verhalten schadet“, sagte Thomas Lippert, der als forensischer Psychiater und Sachverständiger den 56-Jährigen begutachtete. Dieser habe völlig ausgeblendet, dass seine Taten strafrechtlich relevant seien.

Woher das Verhalten des Angeklagten kommt, lässt sich laut Lippert schwer sagen. Möglicherweise hat seine Zeit im Internat damit zu tun, wo er sehr unter der Trennung von den Eltern litt, von Mitschülern wegen seiner zurückhaltenden Art gehänselt wurde und abends im Schlafsaal zusammen mit Gleichaltrigen onanieren musste. Auf die Frage, ob er homosexuell sei, gab der Angeklagte vor Gericht an, eher bisexuell zu sein. Er räumte auch ein, noch nie eine feste Beziehung zu erwachsenen Personen gehabt zu haben. „Ich bin gern mit Jugendlichen zusammen, mit denen komme ich besser zurecht“, sagte er. Der Sachverständige wollte den Angeklagten nicht als pädophil bezeichnen und konnte ihm auch keine seelische Abartigkeit oder Persönlichkeitsstörung attestieren. Richtiger sei es, von einer „allgemeinen Störung der Sexualpräferenz“ zu sprechen - wobei der dem Angeklagten zugute hielt, dass er „durchaus in der Lage war zu verzichten, wenn die Situation nicht passte“. Den Partykeller habe er nicht nur aus sexuellen Gründen betrieben, sondern auch, weil er als Junggeselle die sozialen Kontakte genossen habe.

Mindestens 18 Fälle

Seit 18. August steht der 56-jährige Pfreimder vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts Amberg, weil er sich in mindestens 18 Fällen in seinem Partykeller an Kindern und Jugendlichen vergangen haben soll. Der Angeklagte räumte die sexuellen Kontakte ein, bestritt aber, in irgendeiner Form Gewalt angewendet zu haben. „Ich habe nie etwas gegen ihren Willen gemacht“, beteuerte er.

Betroffen sind sieben Geschädigte, die zum Tatzeitpunkt zum Teil unter 14 Jahre alt waren. Dazu kommt noch der Besitz von kinder- und jugendpornografischen Bildern. Tausende von Dateien seien beim Angeklagten gefunden worden, erläuterte Bücherl – darunter auch Fotos, die ihn selbst zum Beispiel beim Oralverkehr mit einem Zwölfjährigen zeigen.

Was die sexuellen Übergriffe bei den Betroffenen auslösen können, beschrieben im Zeugenstand eindringlich zwei Mütter. Beide berichteten, ihre Söhne seien regelmäßig im Partykeller gewesen, um sich dort mit Freunden zu treffen. Doch plötzlich hätten sie sich verändert und seien aggressiv geworden. „Mein Sohn hat in ihm einen Ersatzvater gesehen“, brachte es eine Mutter auf den Punkt. Deshalb habe er sich auch wie ein Verräter gefühlt, als er von seinen Erlebnissen mit dem Angeklagten erzählte – und sei danach von Partykeller-Besuchern bedroht und beschimpft worden.

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