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Sicherheit

Mit dem Handschuh am Zünder

Sprengmeister Michael Weiß entschärft die Bombe am Krankenhaus. Mit ihren 125 Kilo Sprengstoff ist sie höchst gefährlich.
von Cornelia Lorenz

Sprengmeister Michael Weiß wird am Samstag die Fliegerbombe am Schwandorfer Krankenhaus entschärfen. Sie ist etwas kleiner als das Exemplar, das auf dem Bild zu sehen ist. Foto: dpa
Sprengmeister Michael Weiß wird am Samstag die Fliegerbombe am Schwandorfer Krankenhaus entschärfen. Sie ist etwas kleiner als das Exemplar, das auf dem Bild zu sehen ist. Foto: dpa

SCHWANDORF.Für Sprengmeister Michael Weiß aus Pfreimd und seinen Kollegen Christian Scheibinger wird es am Samstagvormittag, 30. September, auf der Baustelle am Krankenhaus Sankt Barbara ernst: Wenn sie beim Entschärfen der dort gefundenen britischen Fliegerbombe einen Fehler machen, bringt sie das in akute Lebensgefahr. Vorab wollen und dürfen die beiden nicht mit den Medien über ihren Einsatz und die Arbeitsabläufe beim Entschärfen des 250 Kilogramm schweren Blindgängers sprechen. „Wir vertuschen nichts. Wir schützen damit nur Dritte vor Nachahmung, die mit Sicherheit tödlich endet“, betont Andreas Heil, Betriebsleiter der Firma Tauber, bei der die beiden Experten angestellt sind und die seit 2001 im Auftrag des Freistaats in ganz Bayern Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg beseitigt.

Rund 1000 Mal sind Sprengstoffexperten der Firma Tauber in diesem Jahr schon im Einsatz gewesen. Im Jahr 2016 gab es nach Angaben des Bayerischen Innenministeriums über 60 Tonnen Weltkriegsmunition zu entsorgen und knapp 200 Bombenblindgänger zu entschärfen. Dafür hat der Freistaat insgesamt rund 900 000 Euro investiert.

„Sie wissen genau, was sie tun“



Für Sprengmeister Weiß und seinen Kollegen ist der Einsatz am Sankt-Barbara-Krankenhaus somit Routine. „Sie sind geschult und wissen sehr genau, was sie tun. Und wenn sie einen schlechten Tag haben, also indisponiert sind, geht ein Kollege ran“, sagt Heil. Über die Bombe selbst äußert sich der Tauber-Betriebsleiter ebenfalls nur sehr vorsichtig. Mit ihrer Länge von einem Meter und einem Durchmesser von 30 Zentimetern handle es sich um „ein gängiges Modell mittlerer Größe“. Hinter ihrer Stahlhülle verbirgt sich eine Ladung von rund 125 Kilogramm TNT oder Hexogen. Welcher der beiden Stoffe es genau ist, lasse sich von außen in der Regel kaum erkennen – es sei denn, es seien Markierungen angebracht.

Der Aufschlagzünder aus Messing hat beim Abwurf der Bombe – vermutlich am 17. April 1945 – ganz offensichtlich versagt.

Beim Bombenangriff vom 17. April 1945 gingen tausende Tonnen an Sprengkörpern über Schwandorf nieder. Unsere Karte zeigt, welche Bereiche der Stadt am stärksten betroffen waren:

Warum das so war, darüber lässt sich heute nur spekulieren. Laut Heil könnte es sein, dass die Bombe aus zu geringer Höhe abgeworfen wurde oder sie in einem falschen Winkel am Boden aufschlug. Möglicherweise hat auch das Sicherungssystem nicht funktioniert, das die Bombe beim Abwurf scharf stellen sollte. Außerdem kommen Fabrikationsfehler in Frage. „Oftmals war bei alliierten Waffen auch Sabotage im Spiel“, sagt Heil.

Ein kleiner Knall ist normal

Wenn der Sprengmeister die derzeit vor Ort mit Erde abgedeckte Bombe freigelegt hat, kommt es darauf an, zunächst den Zünder herauszuziehen. Anschließend entfernt Weiß den sogenannten Detonator – eine kleine, mit Sprengstoff gefüllte Kapsel, die die eigentliche Explosion in Gang bringt. Ist das geschafft, ist die Zündkette unterbrochen. Einen kleinen Knall wird es trotzdem geben, denn Weiß wird vor Ort den Detonator zur Explosion bringen. Der Knall ist kein Grund zur Besorgnis, sondern Zeichen dafür, dass die Entschärfung nach Plan läuft.

Zuerst muss der Zünder heraus. Foto: Daniel Karmann/dpa
Zuerst muss der Zünder heraus. Foto: Daniel Karmann/dpa

Auch wenn nach Einschätzung der Experten von der Fliegerbombe keine unmittelbare Gefahr ausgeht: Verharmlosen will Heil den Fall nicht. „Eine Bombe ist immer kritisch“, betont er. Dennoch sei die Gefahr, die von diesem Exemplar ausgehe, nicht so dramatisch einzuschätzen wie bei so manchen anderen Fällen in der Region, beispielsweise in Nürnberg.

Dass eine Schutzzone in einem Umkreis von 300 Metern um den Fundort der Bombe nötig ist, lässt sich leicht nachvollziehen, wenn man sich die möglichen Auswirkungen einer tatsächlichen Explosion vor Augen führt. Für den Sprengmeister und seinen Kollegen gäbe es keine Überlebenschance. „Selbstrettung ist in aller Regel unmöglich. Die Bombe ist garantiert schneller, wenn man das so salopp sagen darf“, betont Heil. Deshalb tragen die Sprengmeister bei der Entschärfung auch keine besondere Schutzausrüstung, sondern Handschuhe und flammhemmende Bekleidung. „Sie müssen sich frei und ungehindert bewegen können. Bei einer dreistelligen Anzahl an Kilogramm TNT hilft keine Panzerung der Welt“, sagt Heil.

Gefahr durch Stahlsplitter

Doch auch im Umkreis von mehreren hundert Metern hätte eine tatsächliche Explosion der Bombe gravierende Auswirkungen. Stahlsplitter in der Größe von mehreren Millimetern bis hin zu zehn Zentimetern würden zur tödlichen Gefahr, und die enorme Druckwelle könnte je nach Konstruktion und Stabilität der Häuser für enorme Schäden sorgen.

Unsere Karte zeigt das Sperrgebiet, das vor der Entschärfung evakuiert werden muss:

Menschen, die sich in der Schutzzone aufhalten, müssten außerdem mit schweren Gehörschäden rechnen. Detaillierter will Heil die möglichen Auswirkungen nicht beschreiben. „Vergleiche sind blöd. Kurz gesagt: Das Gefahrenpotenzial ist sehr hoch“, betont Heil.

Was mit der Bombe nach ihrer Entschärfung genau passiert und wohin sie gebracht wird, will der Experte nicht verraten. Nur so viel: Sie wird in ihre Einzelteile zerlegt, abtransportiert und entsorgt.

Weitere Informationen zur Fliegerbombe am Schwandorfer Barbara-Krankenhaus finden Sie in unserem Publikationsthema!

Evakuierung nicht stören

  • Das öffentliche Interesse an Bombenentschärfungen ist stets groß. Nach Erfahrung von Andreas Heil, Betriebsleiter bei der Kampfmittelbeseitigungsfirma Tauber, gibt es immer wieder Menschen, denen die Gefahren nicht klar sind. Wenn sie selbst auf Weltkriegsmunition stoßen, versuchen sie sich eigenhändig am Entschärfen – manchmal, weil sie zuvor in den Medien Berichte über Bombenentschärfungen verfolgt haben. Davor warnt Heil eindringlich.

  • Der Experte bittet auch dringend darum, die Evakuierung nicht zu stören. „Neunmalkluge Zeitgenossen, die nicht raus wollen, hindern uns, gefährden die Sicherheit und kosten den Steuerzahler unnötig Geld“, betont er. Schadenersatzforderungen an die störenden Personen seien die logische Konsequenz. Der Evakuierung könne sich niemand entziehen. „Raus muss jeder, notfalls im Rahmen eines robusten Einsatzes“, sagt Heil.

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