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Musikgeschichte

Mit Richard Wagner auf Du und Du

August Röckel (1814 bis 1876), ein Abkömmling der Neunburger Familie Röckl, war einer der engsten Freunde des großen Komponisten.
Von Karl-Heinz Probst

  • Hofschauspielerin Luisabeth Mathes-Röckel Foto: Privatarchiv Probst
  • August Röckel (l). und Richard Wagner in München, aufgenommen am 17. Mai 1865 von Joseph Albert. Foto: Richard Wagner Gedenkstätte Bayreuth

NEUNBURG. Am 22. Mai 2013 jährte sich der Geburtstag von Richard Wagner, des Komponisten und Gründers der Bayreuther Festspiele, zum 200. Mal, sein Todestag am 13. Februar 1883 zum 130. Mal Dies ist ein willkommener Anlass, an einen Wegbegleiter Wagners zu erinnern, dessen familiäre Wurzeln in die Pfalzgrafenstadt reichen.

Karl August Röckel wurde am 1. Dezember 1814 in Graz als Sohn des aus Neunburg stammenden Sängers Josef Röckel (wir berichteten über ihn in einer der nächsten Ausgaben) geboren. August genoss zunächst musikalischen Unterricht bei seinem Vater, den er bei seinen Engagements im In- und Ausland begleitete. Die weitere musikalische Ausbildung vor allem in Komposition und Klavierspiel übernahm dann sein Onkel, der Komponist und Klaviervirtuose Johann Nepomuk Hummel.

1830/32 unterstützte August seinen Vater, der als Theaterdirektor die deutsche Oper im Ausland populär machen wollte, als Korrepetitor in Paris. Zudem assistierte er dort auch Gioacchino Rossini am Theatre Italien. 1832 ging er mit seinem Vater nach England, wo er als Assistent Giacomo Meyerbeers an der französischen Oper, als Musiklehrer und Operettenkomponist wirkte. 1837/38 gab er ein Zwischenspiel als Klavierlehrer in Melun bei Paris. 1838 fand Röckel ein kurzes Engagement als Musikdirektor des Theaters in Bamberg. 1839/40 lebte er in Wien und dann in Weimar, wo er an seiner Oper Farinelli, welche die Lebensgeschichte des berühmten Kastraten Farinelli zum Inhalt hatte, tüftelte.

1841 heiratete August Röckel die Tochter eine Vetters des bekannten Komponisten Albert Lortzing, Karoline (1809-1871). Röckel hatte die Schauspielerin in Weimar kennengelernt, wo sie am Hoftheater das erste „Gretchen“ in Goethes „Faust“ darstellte. Zwei Jahre später siedelte die junge Familie nach Dresden in die Friedrichstraße 46 über, nachdem Röckel am Hoftheater die Stelle als Musikdirektor erhalte hatte. Hofkapellmeister Richard Wagner förderte Röckel, dem er eine „mit Talent und Kenntnissen nicht gering ausgestattete Künstlernatur“ attestierte. Der junge Mann sprach Englisch und Französisch, spielte ausgezeichnet Klavier, konnte Partituren lesen und komponieren. August Röckel war der erste der ergebenen Freunde Wagners, die ganz die Last der freiwilligen Knechtschaft auf sich nahmen, wie ein Wagner-Experte einmal formulierte.

Revolutionär in Dresden

1843 verfasste Röckel für Wagner den Klavierauszug für den „Fliegenden Holländer“. Die Werke seines Freundes übten einen so überwältigenden Eindruck auf Röckel aus, dass er auf die Aufführung seiner eigenen Oper „Farinelli“ verzichtete und sein schöpferisches Talent völlig hintanstellte. Andererseits beeinflusste wiederum Röckel mit seinen sozialrevolutionären Ideen Richard Wagner nachhaltig. Röckel, der die Julirevolution 1830 in Paris und 1832 die Reformbewegung in England miterlebt hatte, engagierte sich in politischen Clubs wie dem radikalen „Vaterlandsverein“, gab seit 1845 die politische Wochenschrift „Volksblätter“ heraus, für die auch Richard Wagner Beiträge verfasste, gehörte als Abgeordneter der zweiten Kammer des sächsischen Landtages an und war in Dresden einer der Führer der Revolution von 1848/49. Ab April 1849 organisierte Röckel mit Unterstützung Wagners und seines Freundes Gottfried Semper, dem Architekten des Dresdner Hoftheaters - der „Semperoper“, den bewaffneten Volksaufstand, bereits ein Jahr zuvor hatte er eine Denkschrift „Organisation der Volksbewaffnung in Deutschland“ verfasst.

Nach dem Maiaufstand von 1849 wurden Röckel und sein Freund, der russische Anarchist Michael Bakunin, verhaftet, während Wagner und Semper die Flucht gelang. Für seine Teilnahme am Aufstand verurteilten die Richter August Röckel zum Tode; die Strafe wurde dann in eine lebenslängliche Haft umgewandelt, die Röckel im berüchtigten Zuchthaus Waldheim absaß. Als letzter der politischen Gefangenen erlangte Röckel nach einer Amnestie erst am 10. Januar 1862 wieder die Freiheit.

Seine Familie fristete diese dreizehn Jahre ein armseliges Dasein in Weimar, finanziell unterstützt von seinem Bruder Eduard (1816-1899), der als Pianist und Klavierpädagoge im englischen Bath lebte. Eine Schwester von August, die Sängerin Henriette Moritz-Röckel, war 1850 bis 1852 als erste Sängerin in Schwerin engagiert, und maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Opern Richard Wagners damals in der Provinzstadt Schwerin aufgeführt worden sind, wie Wagner selbst in seiner Biographie schrieb.

13 Jahre im Zuchthaus Waldheim

Röckel hat über seine Beteiligung am Dresdner Volksaufstand und seine dreizehnjährige Haft ein Buch geschrieben „Sachsens Erhebung und das Zuchthaus zu Waldheim“, in dem er sich kritisch mit dem damaligen Strafvollzug befasste. Röckel blieb in der Haft auch unter unmenschlichen Bedingungen standhaft und seinen Überzeugungen treu. Richard Wagner, der mit seinem Freund auch während dieser schwierigen Zeit im Briefkontakt stand, urteilte über Röckel: „Mit deinem Glauben musst du Berge versetzen können.“ In diesem Briefwechsel – Wagners Briefe an Röckel, insgesamt zwölf, sind übrigens in Buchform erschienen – standen neben politischen vor allem musikalische Themen im Vordergrund etwa über den „Ring des Nibelungen“; einen der 50 von Wagner selbst finanzierten Privatdrucke des „Ring“ erhielt der Freund im Gefängnis.

Nach der Haftentlassung blieb August Röckel der Politik treu und verdiente sein Brot mit schriftstellerischen und journalistischen Arbeiten, die Musik trat vollends in den Hintergrund. Seit 1863 redigierte er die Zeitschrift „Die Reform“ in Frankfurt am Main. 1866 schlug er mit seiner Familie die Zelte in München auf, bald darauf übernahm er die Redaktion der „Kleinen Presse“ in Wien. Dort erlitt der gesundheitlich angeschlagene Röckel 1875 einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Am 18. Juni 1876 starb er bei seinem Sohn Richard in Budapest. August Röckel ist nicht nur in seinen Büchern verewigt, auch filmisch wurde ihm ein Denkmal gesetzt. In dem US-Streifen „Magic Fire“ (Wagner und die Frauen), den der Regisseur William Dieterle 1956 drehte, verkörpert der Schauspieler Robert Freitag unseren August Röckel.

Tochter am Burgtheater

Luisabeth Röckel (1841 bis 1913), eine Tochter von August und Karoline, trat beruflich in die Fußstapfen ihrer Mutter und wurde ebenfalls Schauspielerin. Zunächst im Sophienstift in Weimar erzogen, wo sie durch die Fürsprache der Großherzogin eine Freistelle erhalten hatte, genoss sie von ihrer Mutter und dem Hofschauspieler Emil Kaibel die erste dramatische Ausbildung. Ihre Bühnenlaufbahn begann sie 1858 am Weimarer Hoftheater als „Käthchen von Heilbronn“. Als Naive und jugendliche Heldin feierte sie dort bis 1863 große Erfolge. Sie gab Gastspiele in Prag, Leipzig und Berlin am Viktoria-Theater.

Nach dreijährigem Zwischenspiel am Hoftheater in Schwerin mit Gastspielauftritten in Frankfurt, Hannover, Halle, Magdeburg, Köln, Heidelberg, Berlin und Königsberg wurde sie Mitte April 1866 ans Burgtheater in Wien berufen. Unter der Leitung von Franz Dingelstedt verkörperte sie zunächst die jugendliche Heldin und später als Heroine. Als ihre bedeutendste Rolle gilt „Wildfeuer“, wo sie bei der Erstaufführung mitwirkte.

1871 zog sich Luisabeth von der Bühne zurück und widmete sich dem Privatleben. Sie hat den Oberinspektor der Kaiser-Ferdinand-Nordbahn Heinrich Mathes geheiratet und führte seitdem den Doppelnamen Mathes-Röckel. Ein Sohn aus dieser Verbindung, Sohn Eduard (*1869), machte als Sänger Karriere. Nach einigen Jahren unternahm Mathes-Röckel Gastspielreisen ins Ausland nach Ungarn, Nordamerika und Russland, wo sie an den kaiserlichen Hoftheatern in Moskau und St. Petersburg umjubelt wurde. 1879 kehrte sie ans Burgtheater zurück, wo sie eineinhalb Jahrzehnte zahlreiche Mutterrollen spielte.

Ende des 19. Jahrhunderts war sie schließlich kurze Zeit am Schiller-Theater in Berlin engagiert, bevor sie sich endgültig ins Privatleben zurück zog. Am 21. April 1913 starb Luisabeth Mathes-Röckel in Kassel.

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