mz_logo

Region Schwandorf
Sonntag, 20. Mai 2018 22° 3

Gesellschaft

Mit Socken gegen die WAA angestrickt

In einem neuen Film blickt Irmgard Gietl aus Maxhütte-Winkerling auf ihr Leben und ihren Widerstand gegen Atomkraft zurück.
Von Norbert Wanner

  • Tokyo: Zu einer Konferenz über Atomkraft sprach Irmgard Gietl per Video ein Grußwort. Fotos: DENKmal-Film
  • Irmgard Gietl strickte Socken gegen Atomkraft und wurde damit auch in Japan bekannt.
  • Widerstand: Irmgard Gietl 1986 bei einer Demonstration gegen die WAA in Wackersdorf.
  • Leben: Der Film von Claus Strigel zeichnet die „Lebenslinie“ von Irmgard Gietl nach.

Maxhütte-Haidhof.Am Sonntag, 6. Mai, ist Premiere für „Wer sich nicht wehrt – Irmgard und die Widerstandsocken“. Ein Film, der für die Reihe Lebenslinien, die im Fernseh-Programm des BR läuft, entstanden ist und im Burglengenfelder Starmexx-Kino in einer Sondervorführung zu sehen sein wird.

Für diesen Film mit sehr lokalem Bezug haben sich alte Bekannte wieder getroffen: Der Dokumentarfilmer Claus Strigel und die Maxhütterin Irmgard Gietl. Kennengelernt haben sich die beiden, als in der Oberpfalz der Kampf gegen die WAA in Wackersdorf tobte. Bertram Verhaag und Strigel machten damals den vielfach ausgezeichneten Film „Spaltprozesse“ von 1986, der untern anderem auf der Berlinale lief. Der Film dokumentierte, auch mit Wortmeldungen von Gietl, die gesellschaftlichen Spaltprozesse, die die WAA in der Oberpfalz auslöste.

Die heute 88-jährige Gietl gehörte damals zu den Säulen des Widerstands, wie Hans Schuierer oder Wolfgang Nowak. Mit ihrem bis heute größten Hobby strickte sie regelrecht für den Widerstand und gegen die WAA an. Vom widerspenstigen Landrat Schuierer bis zum Pfarrer Leo Feichtmeier wurden alle von ihr mit Socken ausgestattet.

Das Dokumentarfilmer-Duo war von der strickenden Widerstandskämpferin so beeindruckt, dass 1988 der nächste Film folgte: „Irmgard Gietl kämpft um ihre Heimat“, eine 45-minütige Dokumentation, die in der Reihe „Frauengeschichten“ lief.

Im vergangenen Jahr wurde der alte Kontakt zwischen Strigel und Gietl wieder aktiviert. In Japan fand die internationale Plutoniumkonferenz in Tokyo statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung diskutierten kritische Wissenschaftler auf Einladung des Citizens‘ Nuclear Information Center, dessen Motto „Create No Nukes World With Us“ heißt. Gietl hatte eine Einladung zur Konferenz nach Tokyo, um als Rednerin aufzutreten. Diese Einladung lief über Strigel, der seit dem Film „Spaltprozesse“ Verbindungen ins Land der aufgehenden Sonne hat.

Durch den Besuch von japanischen Atomkraftgegnern, die sich den Kampf der Oberpfälzer gegen die WAA vor Ort ansahen, war dieser Kontakt entstanden. Außerdem sind beide Filme, in denen Gietl eine tragende Rolle spielt, in Japan bekannt. Strigel erzählte, dass die strickende Widerständlerin bis heute ein populäres Vorbild der japanischen Atomkraftgegner ist, beide Filme dort bis heute laufen. Da die Reise weit und anstrengend gewesen wäre, schlug Strigel vor, ein Grußwort in Winkerling aufzuzeichnen. So entstand im Haus von Gietl ein 20-minütiger Film, der so gut ankam, dass der Plan mit den „Lebenslinien“ entstand. Zunächst war Gietl nicht davon begeistert, die alten Zeiten aufzuwärmen. Dabei kann sie eine Menge erzählen. Von La Hague (Frankreich) über Gorleben bis Sellafield (Großbritannien) war sie mit ihren Strickutensilien unterwegs.

Im September 2017 begannen die Drehabreiben zu dem neuen Film. Insgesamt 16 Drehtage standen an und für Gietl war es eine Reise in eine Vergangenheit, die sie heute noch sehr bewegt. Die Erlebnisse von damals sind ihr präsent geblieben. „Ich habe diesen Staat 40 Jahre unterstützt, Steuern gezahlt und drei Kinder großgezogen. Als Belohnung dafür habe ich beim Protest gegen die WAA einen Lungenschaden davon getragen“ sagt sie. So ähnlich wird es auch im Film klingen und das zeigt exemplarisch, wie damals die Staatsmacht und ganz normale Bürger, die nichts anderes wollten, als ihre Rechte in Anspruch zu nehmen, aufeinanderprallten. Gietl: „Es gehört ihnen immer wieder auf Butterbrot geschmiert, dass damals der Staat Reizgas gegen seine eigenen Bürger eingesetzt hat, das laut Genfer Konvention völkerrechtlich geächtet ist.“

Die WAA ist inzwischen Geschichte, „Gott sei Dank, sag’ ich alle Tage“, wie es Gietl formuliert. Ihr Engagement, hat damals aus der „braven“ Hausfrau eine strickende Rebellin gegen die Obrigkeit gemacht, die dann auch engagiert blieb. Gietl trat in die SPD ein und blieb dem Einsatz gegen Atomanlagen verbunden. In einer Zeit, in der die Menschen angeblich immer unpolitischer werden, ist sie ein Vorbild, wie der Film zeigt. Strigel verwebt darin die Lebensgeschichte von Gietl, beginnend mit Jugend- und Kriegserlebnissen, mit den Erfahrungen am Bauzaun. „Die Frage, die mich so fasziniert hat, ist, woher nimmt jemand den Mut sein bisheriges Leben zu verlassen und eine Dekade lang dieses Leben dem Widerstand gegen die WAA zu widmen“, sagt Strigel über die Dreharbeiten. Altgriechisch gebildet wie er ist, fasst der Dokumentarfilmer seine Kernfrage so zusammen: „Dem griechischen Wortstamm von Idiot entsprechend bezeichnete man in der Antike damit Menschen, die sich nur um das Wohlergehen des eigenen Hausstandes kümmerten und nicht um das Gemeinwesen.“ Gietl sei das Gegenteil davon. „Wie hat Irmgard diesen weiten Sprung geschafft?“

Weitere Nachrichten aus Maxhütte-Haidhof lesen Sie hier

Eintritt im Starmexx frei

  • Film-Premiere:

    „Irmgard und die Widerstandssocken“ feiert am kommenden Sonntag um 16 Uhr Premiere im Burglengenfelder Starmexx. Der Film wird in der ungekürzten 56 Minuten-Version zu sehen sein, während er im BR nur 45 Minuten dauern wird. Der Eintritt ist frei und zeigt – wie es der Dokumentarfilmer Claus Strigel zusammenfasst: „Die Genese einer charmanten Rebellin“

  • Die WAA in Wackersdorf:

    1985 fiel die Entscheidung, eine Wiederaufarbeitungsanlage in den Taxöldner Forst bei Wackersdorf zu bauen. Dagegen formierte sich ein bis dahin in der Oberpfalz einmaliger bürgerlicher Widerstand. 1989 wurde der Bau eingestellt. Im Angesicht der Atomkatastrophe von Fukushima wurde 2011 beschlossen, in Deutschland aus der Atomenergie auszusteigen. (bxh)

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht