MyMz
Anzeige

Unterricht

Mittelschulen in der Kritik

Für Minister Spaenle ist die Welt nach der Reform in Ordnung. Für BLLV-Funktionärin Maria Karg-Pirzer aus Teublitz gibt es noch viel zu tun.
Von elisabeth Hirzinger

  • Aus Sicht der Lehrer und Schulleiter gibt es an den Mittelschulen noch viel zu verbessern. Foto: dpa
  • Maria Karg-Pirzer ist stellvertretende Bezirksvorsitzende des BLLV.

Schwandorf. Was hat die Reform der Mittelschulen gebracht? Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Während Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle nicht müde wird, die Erfolge herauszustellen, beurteilen Lehrer die Situation eher nüchtern. Das wurde auch bei einer Umfrage des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) deutlich, bei der über 1000 Mittelschullehrer, unter ihnen auch 200 Schulleiter, Aussagen aus dem Kultusministerium bewertet haben. Das Urteil fiel zum Teil vernichtend aus.

Die befragten Lehrer waren zum Schuljahresbeginn 2012/13 um eine kritische Bewertung von Aussagen aus dem Kultusministerium gebeten worden. 63 Prozent von ihnen teilten schon mal nicht die Meinung Spaenles, dass die Unterrichtsversorgung weiter verbessert worden sei. Knapp 84 Prozent gaben an, nicht mehr Stunden für Arbeitsgruppen oder zusätzliche Angebote zur Verfügung zu haben als im Vorjahr.

Wunsch und Wirklichkeit liegen hier weit auseinander, findet der BLLV und forderte das Kultusministerium auf, „die Situation an den Mittelschulen nicht länger zu beschönigen“. Stattdessen solle Kultusminister Spaenle dafür sorgen, dass sich die Lern- und Arbeitsbedingungen deutlich verbessern, „und zwar so, wie sie längst sein sollten“.

Genau das würde sich auch Maria Karg-Pirzer wünschen. Die stellvertretende BLLV-Bezirksvorsitzende macht kein Hehl aus ihrer kritischen Haltung gegenüber den Verlautbarungen aus dem Ministerium. Maria Karg-Pirzer leitet eine Grund- und Mittelschule mit mehreren Ganztagsklassen und weiß, wo der Schuh drückt. „Da gibt es noch viel zu tun“, sagt die Verbandsfunktionärin, die findet, dass auch die Situation an den Grundschulen verbesserungswürdig ist.

Als „Erfolgsmodell“, wie sie das Kultusministerium gerne propagiert, würde Karg-Pirzer die Mittelschule jedenfalls noch nicht bezeichnen. Das sehen auch die meisten der befragten Lehrer so. Nur zwölf Prozent sind davon überzeugt, dass sich die Weiterentwicklung der Hauptschule zur Mittelschule bewährt hat. Nur zehn Prozent bestätigen die Aussage des Kultusministeriums, dass an den Mittelschulen die individuelle Förderung der Schüler weiter ausgebaut werden konnte. Und 73 Prozent der Lehrer und Schulleiter können bei der Zahl der Unterrichtsausfälle keine Verbesserungen erkennen. Sie hätten sich nicht reduziert.

Auch bei der Bewertung der Qualität des Schulabschlusses gehen die Meinungen auseinander. Auf der einen Seite rührt das Kultusministerium die Werbetrommel für die Mittelschulen und stellt den Mittleren Abschluss auf eine Ebene mit dem Realschulabschluss. Auf der anderen Seite sagen knapp 77 Prozent der Lehrer, dass Mittelschüler bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz geringere Chancen haben als Realschüler. 70 Prozent schätzen für ihre Schüler auch die Erfolgsaussichten an Fachoberschulen ungünstiger ein.

Mittlerweile hat das Kultusministerium angekündigt, die Aussagen der Lehrer in das „Monitoring zur Weiterentwicklung der Mittelschulen“ einzubeziehen. Im selben Atemzug werden die Ergebnisse der Umfrage relativiert. Sie bezögen sich auf Erfahrungen im vergangenen Jahr und berücksichtigten so „nicht genügend den wichtigen Umbruch 2009 und 2010“.

Interview mit Maria Karg-Pirzer

Die schärfsten Kritiker der bayerischen Schulpolitik finden sich in den Reihen des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes. Die MZ sprach mit Maria Karg-Pirzer, der stellvertretenden BLLV-Bezirksvorsitzenden, über die Situation an den Grund- und Mittelschulen, über Lehrermangel und Unterrichtsqualität.

Frau Karg-Pirzer, der Lehrerberuf steht auf der Beliebtheitsskala – unter 32 Berufsbildern – auf dem zehnten Platz. Ein Traumberuf?

Die meisten Lehrer lieben ihren Beruf, wollen das Beste für die ihnen anvertrauten Schüler und haben pädagogische Visionen, aber sie sehen auch tagtäglich die Unzulänglichkeiten ...

Unzulänglichkeiten? Wenn man die Verlautbarungen des Kultusministeriums liest, ist in Bayern alles im grünen Bereich. Ausreichend Lehrer, die Zeit für Intensivierung haben und den Schülern den Weg ebnen, um ihre Talente zu entfalten. Leiden die Verantwortlichen im Kultusministerium unter Realitätsverlust?

Fakt ist: Es fehlen Lehrer. Täglich müssen an vielen Schulen Unterrichtsstunden aufgefangen werden – irgendwie. Dann unterrichten Fachlehrer oder Förderlehrer fachfremd; Arbeitsgemeinschaften werden aufgelöst; es gibt keine Differenzierung in den Ganztagsklassen oder große Klassen.

Das ist starker Tobak. Die vom Kultusministerium hochgelobte individuelle Förderung findet also an vielen Grund- und Mittelschulen nur auf dem Papier statt?

Ja. Die Schulleitungen sind schon glücklich, wenn sie überhaupt eine Vertretung bekommen – auch wenn es jemand nach dem ersten Staatsexamen ist, oder netterweise sogar ein Pensionist einspringt.

Aber was ist mit der Mobilen Reserve, die, laut Kultusministerium aufgestockt wurde, und Ausfälle auffangen sollte.

Die ist zwar faktisch vorhanden, wurde auch von den Schulämtern vorschriftsmäßig mit entsprechender Stundenzahl gebildet, ist aber oft schon nach der ersten Krankheitswelle im Herbst verplant und reicht bei Weitem nicht aus.

Das ist bitter angesichts der vielen jungen Lehrer, die nicht eingestellt werden. Wie viele Junglehrer stehen denn auf der Warteliste?

Rund 2000. Wenn sie Glück haben, bekommen sie ab November einen Angestelltenvertrag, der zeitlich befristet ist. Weil aber viele auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen sind, können sie nicht warten, bis sie vielleicht im November oder Januar einen befristeten Vertrag bekommen, und müssen sich nach ihrer Prüfung ab September etwas anderes suchen.

Wo nehmen die Schulämter dann die benötigten Lehrer her?

Laut einer Mitteilung des Kultusministeriums wurden im Februar 2012 als „Aushilfen“ bis zum Juli 24,3 Prozent von der Warteliste, 16,8 Prozent mit nur 1. Staatsexamen, 12,7 Prozent freie Bewerber, 30,3 Prozent mit Lehramt Gymnasium und vier Prozent mit 1. Staatsexamen für Lehramt Realschule eingestellt.

Da stellt sich die Frage, wie es mit der Unterrichtsqualität aussieht, wenn Schüler von Aushilfen unterrichtet werden, die ihre Ausbildung noch gar nicht abgeschlossen haben oder nur für eine andere Schulart ausgebildet sind?

Solche Lösungen sind nach Meinung des BLLV Billiglösungen für den Staat und nicht gerade motivationsfördernd für unsere Lehrkräfte im täglichen Einsatz. Und schon gar keine Lösung für unsere Junglehrer auf den Wartelisten. Aber wenigstens gibt es dadurch weniger Klassenauflösungen und vor allem keinen Unterrichtsausfall.

Nach der Definition des Ministeriums ist ein Unterrichtsausfall dann gegeben, wenn Schüler heimgeschickt werden …“

... und das kommt, hier stimmen wir mit dem Ministerium überein, wirklich äußerst selten vor. Was logisch ist, denn Unterricht in (immer mehr) Ganztagsklassen kann nicht einfach ausfallen, sondern wird durch schulhausinterne Maßnahmen aufgefangen. Ein Erfolg für die Statistik – auf Kosten der individuellen Förderung.

Der BLLV hält mit seiner Kritik bekanntlich nicht hinterm Berg.

Wir sind keine Nörgler und Jammerer, wir sprechen nur aus unserer täglichen Erfahrung in und mit der Schule und aus pädagogischer Verantwortung heraus. Der BLLV sieht es als seine Pflicht an, auf Unzulänglichkeiten hinzuweisen und Verbesserungen einzufordern.

Viele Eltern beobachten mit Sorge die Entwicklung an den Grundschulen. Hier geht es fast nur noch um Übertritt. Können Sie diese Beobachtung bestätigen?

Absolut. Schule und Lernen reduzieren sich hier mittlerweile in ihrer Bedeutung auf drei Fächer und abfragbares, kognitives Wissen, auf Noten und damit verbundene Berechtigungen.

Ist die Grundschule zur Sortieranstalt verkommen?

Fakt ist, dass immer mehr Kinder den Lernstoff schon kennen, bevor er in der Schule besprochen wird. Sie werden vor den angekündigten Proben regelrecht gedopt. Kinder, die zu Hause Unterstützung haben, werden gefördert, bekommen Nachhilfe, bekommen aber häufig auch unglaublichen Druck, und diejenigen, die keinen haben, bleiben oft auf der Strecke.

Wie sieht es denn mit der Anerkennung der Mittelschulen aus, die vom Kultusministerium gerne als Erfolgsmodell verkauft werden?

Die Aufwertung der Mittelschule ist aus meiner Sicht bisher noch nicht gelungen. Die meisten Eltern versuchen nach wie vor, ihre Kinder auf andere Schularten zu schicken.

Wenn Sie drei Wünsche freihätten, was würden Sie sich wünschen?

Das, was sich die meisten Lehrer wünschen: Eine Schule, in der das Lernen und Lehren wieder Freude macht, eine Schule, in der der einzelne Schüler im Mittelpunkt steht und mehr Zeit ist, dessen individuelle Stärken und Schwächen zu erkennen und zu fördern – zum Beispiel durch eine längere gemeinsame Schulzeit.

Zurück zur Realität. Was tut der BLLV, um diese hehren Ziele zu erreichen?

Wir fordern immer wieder und mit Nachdruck Verbesserungen ein. Wir setzen uns zum Beispiel ein für mehr Ressourcen für individuelle Förderung, kleinere Klassen und mehr Lehrer; wir fordern mehr Leitungszeit für die Schulleitungen der Grundschulen und Mittelschulen und die „eigenverantwortliche Schule“ auch für die Grund- und Mittelschulen, außerdem weniger Ungerechtigkeiten zwischen den Schularten, mehr Verwaltungsangestellte und dass Wartelistenbewerber bereits im Juli die Zusage bekommen für Einstellungen im November. Interview: Elisabeth Hirzinger

Umfrage

Ist die Mittelschule ein Erfolgsmodell?

Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle feiert die Schulreform. Für Schulleiter und Lehrer gibt es hingegen noch viel zu tun.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht