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Rückblick

Pirkensee war ein Pulverfass

Heimatpfleger Manfred Henn holt Erinnerungen einer Zeitzeugin über die letzten Kriegstage aus dem Archiv. Das erklärt vieles.
Von Thomas Rieke

Ein Teil der Granaten, die am 9. Juni geborgen wurden Foto: Polizei
Ein Teil der Granaten, die am 9. Juni geborgen wurden Foto: Polizei

Maxhütte-Haidhof. Den 6. Juni 2018 werden die Bewohner von Pirkensee vermutlich so schnell nicht vergessen: Bei Erdarbeiten, nur 50 Meter vom westlichen Ortseingang entfernt, legt ein Raupenfahrer eine Kiste Handgranaten frei; Polizei, Kampfmittelexperten und Sprengmeister werden alarmiert. Bis zum Abend des 9. Juni werden insgesamt rund 400 Eierhandgranaten, 100 Sprenggranaten, beide englischen Fabrikats, und 50 deutsche Sprengmienen geborgen. Das Gros der Kampfmittel, allesamt Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg, wird in sichere Entfernung gebracht und auf einer Wiese kontrolliert gesprengt.

Das Staunen über den Fund war nicht nur bei der Baufirma, sondern auch Dorfbewohnern groß. „Nie“, so ein 93-Jähriger, hätte er geglaubt, dass unter der Pirkenseer Ackerkrume so eine Gefahr verborgen sein könnte. Landwirt Andreas Graf, dessen Familie das Feld seit vielen Jahren bewirtschaftet, war ungezählte Male mit Traktor über die Fundstelle gepflügt. Nicht auszudenken, was ihm hätte passieren können.

Wild entschlossene SS

Manfred Henn arbeitet seit Jahrzehnten in der Stadtverwaltung und ist Ortsheimatpfleger. Für uns hat der 62-Jährige ins Archiv geschaut – und das Gedächtnisprotokoll von Olga Gröninger zur Verfügung gestellt. Foto: Stadt M-H
Manfred Henn arbeitet seit Jahrzehnten in der Stadtverwaltung und ist Ortsheimatpfleger. Für uns hat der 62-Jährige ins Archiv geschaut – und das Gedächtnisprotokoll von Olga Gröninger zur Verfügung gestellt. Foto: Stadt M-H

Unterdessen hat nun Heimatpfleger Manfred Henn aus seinem Archiv ein Dokument gefischt, das ein wenig Licht ins Dunkel bringt. Es sind dies die Aufzeichnungen von Olga Gröninger, die als junge Frau die letzten Kriegstage in ihrem Heimatdorf erlebt und darüber eine Art Gedächtnisprotokoll erstellt hat. Auf fünfeinhalb Schreibmaschinenseiten, DINA4, schildert sie ihre Erlebnisse, die nur einen Schluss zu lassen: Pirkensee war im April 1945 in doppelter Hinsicht ein wahres Pulverfass.

Zum einen drohte ständig die Gefahr, dass das Munitionslager im Ponholzer Forst in die Luft gejagt werden könnte (von wem auch immer); zum anderen hatten sich ungarische SS-Kämpfer eingenistet, die wild entschlossen ankündigten, sie würden das Dorf mit Mann und Maus verteidigen; die heranrückenden Alliierten wollte man einen passenden Empfang bereiten...

Panzersperren an jedem Eingang

Am 17. April 1945, 10 Uhr, gab es, so heißt es in dem Protokoll, einen Tieffliegerangriff. Truppenansammlungen im Ort und eine letzte Lokomotive bei der Tropfsteinhöhle seien das Ziel gewesen. Am 19. April trafen die Ungarn konkrete Vorbereitungen, den Sturm von Amerikanern oder Engländern abzuwehren. Sie „fuhren drei bis vier Auto voll Tellermienen, Handgranaten, Panzerfäuste und dergleichen an alle Ortseingänge, um Panzersperren zu errichten“, notierte Gröninger. Ihr eigenes Haus stand an so einem Ortsausgang. „Da hatten wir allerhand zu erwarten.“ In der gesamten Region wurde außerdem die Sprengung zahlreicher Brücken vorbereitet, und all diese Vorgänge lösten bei der Zivilbevölkerung wachsenden Nervosität aus. „Wie weit die Front eigentlich herangerückt war, erfuhren wir nicht. Da wir ohne Strom waren, konnten wir uns nicht über Radio informieren.“

Olga Gröninger war im letzten Kriegsjahr 31 Jahre alt. Bereits vor 20 Jahren ist sie gestorben. Nichte Doris Stegerer entdeckte das Dokument bei der Haushaltsauflösung. Vor zwei Jahren übergab sie es ans Stadtarchiv. Foto: privat
Olga Gröninger war im letzten Kriegsjahr 31 Jahre alt. Bereits vor 20 Jahren ist sie gestorben. Nichte Doris Stegerer entdeckte das Dokument bei der Haushaltsauflösung. Vor zwei Jahren übergab sie es ans Stadtarchiv. Foto: privat

In den umliegenden Wäldern sollten bis zu 4000 Mann ungarische SS und deutsche Soldaten versteckt gewesen sein, hatte Gröninger trotzdem erfahren. Ein Unteroffizier, der noch immer an einen Sieg Hitler-Deutschlands glaubte, kommentierte: „Wenn das alles fertig – dann Servus Tommy!“ Die Dorfbevölkerung konnte er damit nicht mehr überzeugen. „Wir sagten, dass der Krieg längst verloren ist.“

„Panzer beschießen Burglengenfeld!“ Diese Nachricht verbreitete sich am 22. April wie ein Lauffeuer. Bald gab es daran keinen Zweifel mehr. „Alles redete und lief durcheinander.“ Die ungarische SS habe zunächst völlig ratlos gewirkt, berichtet Gröninger. Dann aber erfasste sie doch die Situation. „Die Ungarn verhielten sich, als wollten sie Pirkensee verteidigen.“ Plötzlich sei Bewegung in die Truppe gekommen. Lastwagen, voll besetzt mit Soldaten, auch Pferdewagen, Motorräder und Fußtruppen verließen Pirkensee. Sie waren nach Regensburgs abkommandiert worden. Die Reaktion im Dorf? „Wir atmeten erleichtert auf, denn die Verteidigung Pirkensees war abgewendet...“

An der Kampfmittelbeseitigung in Pirkensee waren mehrere Firmen beteiligt. Landwirt Andreas Graf stellte für die Sprengungen eine Wiese zur Verfügung. Die Kosten übernimmt laut Stadtverwaltung der Freistaat Bayern. Foto: ht
An der Kampfmittelbeseitigung in Pirkensee waren mehrere Firmen beteiligt. Landwirt Andreas Graf stellte für die Sprengungen eine Wiese zur Verfügung. Die Kosten übernimmt laut Stadtverwaltung der Freistaat Bayern. Foto: ht

Tags darauf wurden rasch weiße Fahnen zurechtgemacht; den Amerikanern wollte man Friedfertigkeit signalisieren. Jeder hoffte, dass das nahe Munitionsdepot nicht doch noch in die Luft gejagt würde. Am 23. April, 16 Uhr, rollte der erste US-Panzer ein; ein Soldat kletterte auf die Straße, verlangte nach Eiern. Als sein Wunsch umgehend erfüllt wurde, sagte er: „Danke schöne, Mutter“. Panzer um Panzer folgten; viele Pirkenseer hatten sich skeptisch in ihre Häuser zurückgezogen. Olga Gröninger aber stand über den Dingen: „Ich lachte nur und versuchte zu beruhigen. Denn warum sollten uns die Amerikaner etwas tun? Wir liefen ja nicht davon, sondern auf sie zu.“

Damit war die Gefahr aber noch nicht verflogen. Bei Pirkensee bauten die Amerikaner am 24. April schwere Artillerie auf. Wenn die nun mit vergleichbaren Waffen beschossen würde? „Dann ade Pirkensee!“, brachte Gröninger die Stimmung auf den Punkt. Die Geschütze feuerten bis zum nächsten Morgen. „Die Erde bebte, alles wankte.“ Ein deutscher Flieger wurde abgeschossen. Im Ort waren rund 2000 Mann Besatzung, unzählige Panzer und andere Militärfahrzeuge. „Kolosse rollten durch Pirkensee.“

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