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Region Schwandorf
Donnerstag, 16. August 2018 27° 1

Literatur

Radikale Verknappung zum Konzept gemacht

Der Passauer Philosoph und Theologe Friedrich Hirschl las im Oberpfälzer Künstlerhaus in Fronberg aus seinem neuen Gedichtband „Flussliebe“.
Von Christina Röttenbacher

Die konzertante Begleitung der Lesung von Friedrich Hirschl übernahm die Harfenistin Veronika Miller-Wabra.Foto: hcr

Schwandorf.Es braucht seine Zeit, bis man in Friedrich Hirschls Gedichte eintauchen kann. Nicht, dass sie literarisch wortgewaltige Rahmen sprengen würden. Es sind seine minimalistische Sprache, seine Sparsamkeit im Ausdruck und seine doppelbödigen Begrifflichkeiten, die seine Gedichte so nachdenkenswert machen.

Mit dem „lesen“ allein ist es bei dem 58-jährigen Passauer Literaten, katholischen Theologen und Philosophen nicht getan. Jedes seiner Wortgefüge will auch in seiner Dichtheit verstanden sein. Das gelingt nur, wenn man sich auf seine Aussagen einlässt und die maximal sechszeiligen Wortergüsse als das versteht, was sie sein sollen: als „Wortschnappschüsse“, wie es die Mitinitiatorin der Lesung, die Geschäftsführerin der Volkshochschule Schwandorf, Barbara Genzken-Schindler, bei der Begrüßung der nur knapp 20 Zuhörer ausdrückte.

Zustande kam die Lesung im Oberpfälzer Künstlerhaus in Fronberg auf Initiative von Monika Kalischek, der Begründerin der literarischen Reihe „Schwandorf liest“. Aktuell stellte Hirschl seinen neuesten Gedichtband „Flussliebe“ vor, der sich deutlich von den Vorgängerwerken unterschied; denn erstmals nahm Friedrich Hirschl auch die technischen Folgen der Zivilisation in seine Naturbetrachtungen auf. In „Flussliebe“ widmet er sich erstmals dem Spannungsfeld Mensch – Natur und Technik, der Erkenntnis, dass der Mensch nicht die Krönung der Evolution ist. Und doch betrachtet er die Rolle der Menschheit in seiner technisierten Umwelt als lyrische Gemeinsamkeit, als verlorenen Zauber, als Verlust des Zwischenmenschlichen im urbanen Raum: „Im Dunkel der Nacht / sind wir / unser Gesicht los / Ein Schloss / vor dem Mund / gehen wir / aneinander vorbei“.

Thematischer Schwerpunkt der „Flussliebe“ ist der Winter, der dem Philosophen mit all seinen Begleiterscheinungen ausreichend Stoff für Verskunst und Innenschau liefert. „Die Natur ist klug“, erklärte Friedrich Hirschl, der die Rolle, die Symbiose der Natur mit der technisierten Umwelt immer wieder in seinen kurzzeiligen Gedichten hinterfragt. Da werden ein Laternenmast, ein Kamin, der Schneemann oder der Regenschirm zu Protagonisten des Winters, der Beschaulichkeit und zu einem Reservat spielerischer Naturbetrachtung. „Herr Winter / trägt die Sonne / unter dem Arm. / Vermutlich / ist es ihm selbst / zu kalt.“ Eine Prise Humor, rhetorische Disziplin und literarischer Minimalismus seiner Wortkompositionen machen die Hirschl-Gedichte zu einer Tugend der radikalen Verknappung und anonymen Wahrnehmung.

Auch musikalisch kamen die Zuhörer im Oberpfälzer Künstlerhaus auf ihre Kosten. Die konzertante Begleitung der Lesung durch die Harfenistin Veronika Miller-Wabra mit Kompositionen von Monika Stadler, Dewey Owens oder Bernard Andrès gab den Zuhörern Raum und Zeit, sich in die „zum Mitdenken, nicht zum Einlullen“ gedachten Gedichte zu vertiefen, deren philosophische Nuancen zu erfassen. Die Auswahl aus den insgesamt 135 Texten der „Flussliebe“ gab einen umfassenden Überblick über die nächtlichen, während seiner Bahnfahrten geschriebenen frappanten Einsichten und Solitäre, die sich in aphoristischen Miniaturen ohne Reim- und Strophenform, aber mit Sprachwitz, originellen Umkehrungen und Doppelbödigkeit niedergeschlagen haben.

In der Lesung zeichnete sich Friedrich Hirschl nicht nur als lapidarer, leiser und stiller Lyriker aus. Als gut geschulter Rezitator spielte der studierte Theologe und Religionslehrer an einer Grundschule seine Fähigkeiten als Sprecher voll aus und gab so seinem menschlichen Verhaltensweisen angepassten Naturgeschehen einen kritischen und nachdenkenswerten Sinn und Tiefe. Beeindruckt, fast überfüttert mit aphoristischen Erkenntnissen, verzichtete das Publikum auf das Angebot, mit Friedrich Hirschl ins Gespräch zu kommen, die Aussagen der Gedichte zu hinterfragen und sich so einen neuen Kosmos der Literatur zu erschließen.

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