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Hilfsaktion

Seit 21 Jahren Unterstützung für Jagotin

Das Krankenhaus im ukrainischen Jagotin fährt der Pfreimder Konvoi seit 1992 an. Trotz Fortschritten ist der Bedarf in der Region noch immer groß.
Von Andrea Rieder

  • So sieht ein Krankenwagen von innen aus, mit dem die Patienten ins Krankenhaus Jagotin gebracht werden.Fotos: Rieder
  • Diese Einrichtung eines Krankenzimmers stammt bereits aus einer früheren Lieferung der Aktion Tschernobyl.
  • Der Zustand des Notfallkoffers entsetzte sogar den Ukraine-erfahrenen Dr. Josef Ziegler.
  • Ein für die Ukraine typischer Krankenwagen vor der Klinik in Jagotin
  • Die Krankenschwestern aus der Notaufnahme kümmern sich um 25 bis 30 Eingänge pro Tag.
  • Ein Behandlungsraum in der Notaufnahme: Der Boden ist eingebrochen, die Wände sind feucht.
  • Der Haupteingang des Krankenhauses in Jagotin

Pfreimd. Wenn die Helfer der Aktion Tschernobyl durch die Gänge des Krankenhauses in Jagotin gehen, wundert sich niemand mehr über die Männer und Frauen in den Rot-Kreuz-Jacken. Man kennt sich längst, die Begrüßung ist herzlich. Am Abend laden Chefarzt und Stadtvertreter zum Bankett. Es ist die Klinik, die am längsten vom Hilfskonvoi aus Pfreimd angefahren wird. Seit 1992 liefern die Oberpfälzer medizinische Versorgungsgüter in die Stadt, die rund 150 Kilometer östlich von Kiew liegt.

„Es ist die beste Beziehung, die wir haben“, sagt der Initiator der Aktion Tschernobyl, Dr. Josef Ziegler, der ukrainischen Journalistin, die die Konvoifahrer in der Klinik besucht. Schon mehrmals war die örtliche Presse vor Ort, wenn der Trupp aus Deutschland Hilfsgüter lieferte. Am gleichen Tag schaut auch noch das örtliche Radio vorbei. In Jagotin sei es unkomplizierter, humanitäre Hilfe zu leisten, so Ziegler. Er habe außerdem den Eindruck, „dass hier alles mögliche für die Patienten gemacht wird“.

Jagotin ist die zweite Station des diesjährigen Konvois. Am Dienstag erreicht der Tross die Stadt nach einer vierstündigen Fahrt. Früh morgens um 4.30 Uhr machen sich die Konvoifahrer auf den Weg von Slawutytsch, der ersten Station, Richtung Jagotin. Der Zoll hat sich für morgens um neun Uhr angekündigt, man will pünktlich sein – nicht ahnend, dass der Zoll es wieder einmal mit der Pünktlichkeit nicht so genau nimmt und erst um 17 Uhr an der Klinik eintrudelt. Die Konvoifahrer nehmen es sportlich, „kann man nicht ändern“, ist der allgemeine Tenor.

Außer den Verantwortlichen des Krankenhauses begrüßt noch jemand die Konvoifahrer: Auch die Mechaniker haben sich am 19. April auf den Weg gemacht. Um keine Zeit zu verlieren, reisten sie mit dem Flugzeug in die Ukraine. Sie sind also bereits seit Tagen eifrig am werkeln. Die Aktion Tschernobyl zeichnet sich dafür aus, dass sie sich nach der Lieferung der medizinischen Geräte um Wartung und Reparaturen kümmert. Zweimal im Jahr fliegen die Mechaniker in die Ukraine. „Rüberfahren, hinkippen und wieder zurück“ sei nicht im Sinne des Vereins, sagt Ziegler.

Beim Rundgang durch das Krankenhaus erkennt man deutlich den Stempel der Pfreimder Hilfsorganisation. Viele OP-Tische, Betten, Schränke und Untersuchungsgeräte hat der Konvoi bereits nach Jagotin gebracht. Es geht etwas vorwärts, doch von einem Vergleich mit westlichen Einrichtungen ist das Krankenhaus, das 40.000 Menschen versorgen soll, weit entfernt. In der Notaufnahme ist ein Teil des Bodens eingebrochen, alte Holzmöbel und Pritschen stehen an den kahlen Wänden. Der Zustand des Notfallkoffers ist selbst für den Ukraine-erfahrenen Ziegler ein entsetzlicher Anblick. Kurzerhand übergibt der Mediziner den Krankenschwestern der Notaufnahme seinen eigenen Notfallkoffer.

Am späten Nachmittag können die Männer mit dem Abladen beginnen. Krankenbetten, OP-Einrichtung und chirurgische Instrumente, Inkubatoren, ein EKG und viele weitere medizinische Geräte wechseln unter den wachsamen Augen eines Zollvertreters von den Sattelschleppern in eine Lagerhalle. Etwa 90 Tage wird es dauern, bis der Zoll die Güter endgültig freigibt.

Am gleichen Tag noch verabschiedeten sich die Konvoifahrer. Frühmorgens soll es gleich weitergehen. Nach einem Zwischenstopp in Kiew ist als letzte Station die Stadt Naroditschi in der verstrahlen Zone geplant.

Beharrlich über Stock und Stein

Die letzten 200 Kilometer sind die schlimmsten, sagen die Konvoifahrer. Dann fällt die ganze Anspannung ab und erst da machen sich die Strapazen der letzten neun Tage so richtig bemerkbar. Wenig Schlaf, lange Fahrtzeiten, die Warterei – das alles bedeutet für die Konvoifahrer eine enorme Anstrengung. Hinzu kommt so manch unvorhergesehener Stolperstein. Jeder Konvoi ist eben auch ein Abenteuer.

Geplant wird im Vorfeld zwar alles ganz akribisch, um das Abenteuer in Grenzen zu halten. Doch die Überraschungen blieben bisher nie aus, da ist auch der diesjährige Konvoi keine Ausnahme. Ein defekter Lkw bremst den Tross auf der Hinfahrt aus, noch vor der Grenze zu Polen.

Pannen kommen „alle Jahre wieder“

Solche Ereignisse werfen erfahrene Konvoifahrer aber längst nicht mehr aus der Bahn. „Alle Jahre wieder“, so der Kommentar einer Konvoifahrerin. „Wir nehmen es gelassen, ändern können wir es eh nicht“, sagt auch „Leitwolf“ Dr. Josef Ziegler. Wer seit über 20 Jahren mit zehn bis 15 Fahrzeugen über mehrere Tausend Kilometer unterwegs ist, der bleibt von Pannen eben nicht verschont. Nach einem Tag warten kann es mit dem reparierten Lkw endlich weitergehen. Die verlorene Zeit wird schnell wieder eingeholt, der freie Tag muss ausfallen.

Sowieso ist dieser Zwischenfall schnell wieder vergessen. Schließlich stehen den Konvoifahrern noch mehrere Tausend Kilometer bevor – wer weiß schon, was sonst noch auf die Truppe wartet. Vor allem die Straßenverhältnisse in der Ukraine sind bekanntlich eine Herausforderung. Geplatzte Reifen, verlorene Radkappen – alles schon da gewesen, berichten die Fahrer der Aktion Tschernobyl.

Straßen wie Emmentaler

Als wäre man mit einem Matchboxauto auf Emmentalerkäse unterwegs, lautet der Versuch, die Straßenverhältnisse zu beschreiben. Vier Tage später, gerade auf einer ukrainischen Landstraße unterwegs, leuchtet dieser Vergleich ein. Mit 20 bis 60 Stundenkilometern arbeitet sich der Fahrzeugtross von Schlagloch zu Schlagloch vor – über 80 Kilometer lang. Schlafen ist da kaum möglich. Wer zu dieser Zeit Fahrtdienst hat, hat fast das bessere Los gezogen.

Dabei haben die Konvoifahrer fast schon befürchtet, diese Erfahrung in diesem Jahr missen zu müssen. Die Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2012 hat in der Ukraine ihre Spuren hinterlassen. Zumindest Teile der Autobahnen kommen besser daher als noch im vergangenen Jahr. Immerhin gibt es auf den Landstraßen das vertraute Geruckel.

Immer für ein Abenteuer gut ist auch der ukrainische Zoll. Vieles haben die Konvoifahrer schon erlebt: Mal sind die Dokumente nicht vollständig, dann fehlt ein Stempel. Viele Stunden haben die Konvoifahrer schon im Zollhof gewartet, bevor sie in die Ukraine einreisen durften. Mit acht bis 14 Stunden Wartezeit rechneten sie auch in diesem Jahr. Tatsächlich sind es dann nur knapp sieben Stunden. Dafür lassen die Zollvertreter vor Ort recht lange auf sich warten. Die Konvoifahrer nehmen es mit Humor. Schon lange hätten sie gelernt, „dass eine ukrainische Stunde 120 Minuten hat“.

Unsere Autorin Andrea Rieder wird in den kommenden Tagen weitere Berichte über den diesjährigen Tschernobyl-Hilfskonvoi verfassen. Der nächste Teil ist für die Ausgabe vom 2. Mai geplant.

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