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„Tschernobyl bleibt noch länger bei uns“

Das Krankenhaus in Slawutytsch besuchte der Hilfskonvoi zum ersten Mal. Die Klinik versorgt die nach der Atomkatastrophe evakuierten Menschen.
Von Andrea rieder

  • Die Helfer der Aktion Tschernobyl brachten selbst gestrickte Babyschühchen ins Krankenhaus. Fotos: Rieder
  • Weil das Wärmebett für die Neugeborenen nicht mehr funktioniert, kommt ein Heizlüfter zum Einsatz.
  • Die Babywaage in der Klinik ist verrostet.
  • Auch der Kreißsaal hat schon bessere Zeiten gesehen.
  • Das Krankenhaus von Slawutytsch

Pfreimd. Die Fassade des Krankenhauses in Slawutytsch bröckelt, dabei ist das Gebäude erst vor gut 25 Jahren gebaut worden. Den Konvoifahrern aus Deutschland ist es unverständlich, wie ein relativ junges Gebäude bereits so dem Verfall preisgegeben sein kann. Die Pfreimder Aktion Tschernobyl fährt die Klinik in der 26.000-Einwohner-Stadt nahe der weißrussischen Grenze zum ersten Mal mit dem Hilfskonvoi an. Der Eindruck von Dr. Josef Ziegler: „Das Krankenhaus hat schon mal bessere Zeiten gesehen, und dahin sehnen sie sich zurück.“ Doch diesen Wunsch könne humanitäre Hilfe allein nicht erfüllen.

Bürgermeister spricht Dank aus

Ob der Kontakt nach Slawutytsch irgendwann genauso intensiv wie mit den Häusern in Jagotin und Naroditschi sein kann, die bereits seit vielen Jahren von der Pfreimder Hilfsorganisation unterstützt werden? „Das muss man sehen“, antwortet der Vorsitzende der Aktion Tschernobyl. Grundsätzlich setze der Verein in seiner Hilfe auf Kontinuität, nur müsse man abwarten, wie diese vor Ort auch angenommen wird.

Der Empfang in der Klinik spricht dafür, dass die humanitäre Hilfe aus Deutschland ersehnt wurde. Chefarzt und Bürgermeister begrüßen die Besucher, danken ihnen für die mitgebrachten Güter und überreichen Geschenke. Dass der örtliche Bürgermeister seine Unterstützung bekundet, ist wichtig. Einige Krankenhäuser, bei denen sich die ukrainische Politik zu sehr in den Weg gestellt hat, werden vom Hilfskonvoi aus der Oberpfalz nicht mehr angefahren. Ohnehin müssen sich die Konvoifahrer mit aufgeblähter Bürokratie herumschlagen. Dazu kommen die Zollkontrollen, die in jedem Jahr neue Überraschungen bereithalten.

„Tschernobyl bleibt noch länger bei uns“, sagt der Bürgermeister von Slawutytsch und deutet damit an, dass Stadt und Krankenhaus – wie das gesamte Land – auch 27 Jahre nach der Katastrophe noch mit den Folgen zu kämpfen haben. Slawutytsch liegt etwa 50 Kilometer vom Kernkraftwerk Tschernobyl und der evakuierten Stadt Pripjat entfernt.

Baulich gesehen ist das Krankenhaus Slawutytsch in einem besseren Zustand als die beiden anderen Krankenhäuser, die der Konvoi anfährt. Doch die Ausstattung ist ebenso mangelhaft und in schockierendem Zustand. Die Konvoifahrer werden durch die Geburtsklinik geführt. Zum dortigen Personal hat Ziegler bereits einen recht guten Kontakt. Das Wärmebett für die Neugeborenen funktioniert nicht mehr, ein Heizlüfter steht deshalb daneben. Die Babywaage ist verrostet, ebenso der OP-Tisch in der Notaufnahme. Der Hilfskonvoi hat Ersatz für alle drei Sachen dabei, ebenso Narkosegeräte, Röntgengeräte und chirurgische Instrumente.

Babyschuhe für Neugeborene

Die Gruppe aus Deutschland besucht bei ihrem Rundgang durch die Geburtshilfe eine junge Mutter in ihrem Krankenzimmer. Sie hat gerade einen Sohn zur Welt gebracht und darf sich für ihn selbst gestrickte Babyschühchen aussuchen. Einen ganzen Karton voll davon übergeben die Konvoifahrer später der Station.

Die gestrickten, bunten Babyschuhe sind nur ein Beispiel für die vielen kleinen Geschenke und Spenden, die das Ziel der Aktion Tschernobyl mittragen und den Konvoi zu einem großen Ganzen machen. Immer wieder betont Dr. Ziegler, wie wichtig Sponsoren und Spender für den Hilfskonvoi sind.

Zwei Nächte verbringen die Helfer der Aktion Tschernobyl in Slawutytsch. Sie übernachten in einem stillgelegten Stockwerk des Krankenhauses. Wie die ganze Stadt wäre auch die Klinik für viel mehr Menschen ausgelegt gewesen als dort tatsächlich leben. Es herrscht Leere in vielen Gängen des großen, tristen Baus.

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