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Idealismus

Visionen für die Integration entwickelt

Neunburgs Integrationsbeauftragte Elke Reinhart war jüngst bei der EU in Brüssel. Mit der MZ sprach sie über ihre Arbeit.
Von Roland Thäder

Elke Reinhart unterstützt Mona und Amir Al Wakkaa beim Ausfüllen von Anträgen. Die syrische Familie wohnt in Neunburg. Amir hat einen Deutschkurs abgeschlossen und sucht nun Arbeit. Foto: Thäder
Elke Reinhart unterstützt Mona und Amir Al Wakkaa beim Ausfüllen von Anträgen. Die syrische Familie wohnt in Neunburg. Amir hat einen Deutschkurs abgeschlossen und sucht nun Arbeit. Foto: Thäder

Neunburg.Menschen aus 54 Nationen leben in Neunburg, insgesamt 1010 Mitbürger ohne deutschen Pass. Das weist die Statistik des Einwohnermeldeamts aus. Die zahlenmäßig stärkste Gruppe stellen die Polen mit 156. Aber auch ein Japaner, ein Chinese und zwei Inder befinden sich darunter. Das Gros lebt mit ihren Familien in der Pfalzgrafenstadt und ist wegen der Arbeit hergezogen und trägt zum Wohlstand der Stadt bei. Der Flüchtlingsanteil unter den 1010 Ausländern beträgt etwa 15 Prozent.

Teilweise suchen die Betriebe händeringend Facharbeiter. Und daran, dass die Wirtschaft floriert haben sie einen erheblichen Anteil, weiß auch Bürgermeister Martin Birner. Er belegt dies mit eindrucksvollen Zahlen. So verweist er auf 4065 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in der Pfalzgrafenstadt. Als er sich 2011/12 anschickte, Bürgermeister zu werden, waren es noch rund 3300. „Das damals anvisierte Ziel, 1000 neue Arbeitsplätze zu schaffen, haben wir nun fast erreicht“, sagte er gegenüber dem Reporter unseres Medienhauses

Ein kleiner Schmelztigel

Die Forschungsgruppe bei ihrem Aufenthalt in Brüssel. Foto: Sebastian Haas
Die Forschungsgruppe bei ihrem Aufenthalt in Brüssel. Foto: Sebastian Haas

Damit das Zusammenleben der vielen Nationen in diesem kleinen Schmelztiegel auch gelingt, ist aber noch etwas anderes nötig – eine gelungene Integration. Dafür hat die Stadt Neunburg seit geraumer Zeit Elke Reinhart engagiert. Sie ist mittlerweile landkreisweit in Sachen Migration und Integration unterwegs. Dazu gehören die Lernförderung für Kinder in Schule und Hort, die Aktion „Frieden stiften“, bei der junge Migranten vor Neunt- und Zehnklässlern über ihr Schicksal berichten oder die Arbeitsmarktintegration. Noch bis zum Herbst dieses Jahres arbeitet Elke Reinhart bei dem politischen Forschungsprojekt „Wege der Integration“ im Rahmen eines Stipendiums mit. Eine Gruppe von 15 Wissenschaftlern besetzt mit Juristen, Philosophen und Praktikern, wie der Schwarzhofener Marketingfachfrau, soll für die Bayerische Staatsregierung ein Handlungskonzept in Sachen Migration erstellen.

„Wir schließen niemanden aus.“

Elke Reinhart, Integrationsbeauftragte in Neunburg

Dafür war sie in jüngst in Köln, Mechelen und bei der EU in Brüssel unterwegs. In Mechelen erfuhr sie wie Bürgermeister Bart Somers aus der „dreckigsten Stadt Belgiens“ eine Vorzeigestadt gemacht hat. Der Weltverband der Bürgermeister hat Somers dafür schon zum „besten Bürgermeister der Welt“ gewählt. In Köln hat sie sich über kommunale Integrationszentren und bei der EU über den europäischen Blick auf die Migration informiert.

Die Grundlagen

  • Motivation:

    Es gebe zwei unterschiedliche Motivationsformen für die Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Für Migranten sei dies die Hoffnung, für Flüchtlinge Angst, so Elke Reinhard.

  • Schwerpunkte:

    Die Integrationsbeauftragte setzt bei ihrer Arbeit einige Schwerpunkte. Dazu gehören primär das Erlernen der deutschen Sprache, die Integration in den Arbeitsmarkt und Begegnungen fördern.

Nun gehe es darum, was man davon wie für den Mikrokosmos Neunburg nutzen kann. Schließlich gebe es auch in Neunburg viele EU-Ausländer, wie Bulgaren und Rumänen, die nur eine ausreichende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erlangen könnten, wenn sie über ausreichende Deutschkenntnisse verfügten. So organisiert die Integrationsbeauftragte unter anderem Deutschkurse für Mütter.

Im Gespräch mit der MZ erläutert Integrationsbeauftragte Elke Reinhard die Erfahrungen, die sie bei der Beratung von Menschen aus vielen Nationen gemacht hat und ihre Sicht auf die Dinge. Foto: Thäder
Im Gespräch mit der MZ erläutert Integrationsbeauftragte Elke Reinhard die Erfahrungen, die sie bei der Beratung von Menschen aus vielen Nationen gemacht hat und ihre Sicht auf die Dinge. Foto: Thäder

„Anders als bei staatlich geförderten Kursen schließen wir niemanden aus“, weil die Teilnahme nicht an einen Status, beispielsweise als anerkannter Flüchtling, gebunden sei, so Reinhart über die Initiative Integration SAD. Sie wird von den Serviceclubs getragen.

„Mein Job ist auf der Straße, nicht im Büro.“

Elke Reinhart, Integrationsbeauftragte in Neunburg

Dass Elke Reinhart eine Anlaufstelle für Hilfesuchende ist, habe sich schnell herumgesprochen. Sie ist behilflich bei Job- oder Wohnungssuche und vielem mehr. „Mein Job ist auf der Straße, nicht im Büro“, sagt sie dazu. Zum Glück hätten der Neunburger Stadtrat, Bürgermeister Birner und sein Geschäftsleiter Peter Hartl frühzeitig erkannt, welch riesigen Bedarf an Beratung es gebe, so Reinhart. Allerdings habe sie als Integrationsbeauftragte auch ständig mit Vorurteilen zu kämpfen. „Wir müssen endlich aufhören eine Verbindung zwischen Migration und Kriminalität herzustellen, die es nicht gibt. Soziale Brennpunkte sind das Problem“, ist sie überzeugt.

Es ist kein Spurwechsel möglich

Ein weiteres Problem sei es, dass bislang in Deutschland „kein Spurwechsel möglich ist.“ Wer als Asylbewerber komme, könne nicht zum Einwanderer werden, auch wenn er einen Job findet und sich und seine Familie ernähren kann. Deshalb spricht sich Reinhart für ein Einwanderungsgesetz aus.

Die Neunburger Gruppe der „Friedensstifter“, die in Schulen über ihr Schicksal berichtet. Foto Tanja Kraus
Die Neunburger Gruppe der „Friedensstifter“, die in Schulen über ihr Schicksal berichtet. Foto Tanja Kraus

Als sie 2015 mit der Integrationsarbeit begonnen habe, sei sie zur Asylsozialberatung gegangen, um sich zu informieren, was sie tun könne. Es habe sich schnell herausgestellt, dass es einen sehr großen Bedarf gebe. Dann habe sie den Secondhand-Laden Emma aufgebaut und schließlich ging es darum, die Arbeit der vielen Ehrenamtlichen zu koordinieren. „Da hat die Stadt clever reagiert“, sagt Reinhart.

Alles in allem funktioniere das Zusammenleben in Neunburg ganz gut, aber es gebe natürlich auch Probleme. Während die Frauen über Kinderbetreuung oder Sprachkurse meist leicht miteinander in Kontakt kämen, sehe dies bei den Männern nicht so gut aus. Deshalb schwebt ihr eine Art Treff vor, wo deutsche und arabische Männer miteinander ins Gespräch kommen können, sozusagen „Bier und Sisha zusammenbringen“. Dafür sucht die Integrationsbeauftrage Reinhart noch geeignete Räume.

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