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Geschichte

Wackersdorf kommt in die Kinos

Im Herbst beginnen die Dreharbeiten über den Widerstand gegen die Wiederaufarbeitungsanlage. Die Produktion sucht Statisten.
Von Renate Ahrens

Aus dem privaten Fotoalbum von Ingo Fliess stammt dieses Foto vom 6. Dezember 1986. Der Produzent (Mitte) machte damals wie viele Menschen einen Familienausflug zum Bauzaun. Foto: Ingo Fliess/privat
Aus dem privaten Fotoalbum von Ingo Fliess stammt dieses Foto vom 6. Dezember 1986. Der Produzent (Mitte) machte damals wie viele Menschen einen Familienausflug zum Bauzaun. Foto: Ingo Fliess/privat

SCHWANDORF.„Was wir erzählen, findet man sonst nirgendwo.“ So bringt es der Münchener Filmproduzent Ingo Fliess auf den Punkt. „Vieles haben wir verdichtet. Vor allem aber haben wir vieles weggelassen.“ Unzählige Veröffentlichungen gibt es über die geplante Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Kernstäbe in Wackersdorf, bis heute fasziniert dieser Mythos die Menschen. Sollte es tatsächlich jetzt, über 30 Jahre danach, neue Aspekte und Blickwinkel geben?

Den meisten Zeitzeugen werden die dramatischen Ereignisse am Bauzaun in den 1980er Jahren für immer ins Gedächtnis eingebrannt sein. „Die heute 20-Jährigen wissen jedoch nichts mehr darüber. Auch das war für uns ein Ansporn, den Film zu drehen“, sagt Ingo Fliess.

Ingo Fliess recherchierte selbst jahrelang für den Film. Foto: Ingo Fliess/privat
Ingo Fliess recherchierte selbst jahrelang für den Film. Foto: Ingo Fliess/privat

Der 51-Jährige ist in Sulzbach-Rosenberg aufgewachsen und hat die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Wackerdorf selbst miterlebt. Eine breite gesellschaftliche Mitte wehrte sich über Jahre gegen die Anlage.

„Ich gehörte nicht zu den Wilden aus der ersten Reihe. Aber man kam dem Ganzen gar nicht aus.“ In Koproduktion mit dem BR und arte dreht Fliess‘ Firma if Productions im Herbst unter der Regie von Oliver Haffner einen Kinofilm nach einer „wahren Geschichte“ über die Jahre 1982 bis 1986 – eine Geschichte, die so eigentlich keiner genau kenne.

Hans Schuierer im Mittelpunkt

Beleuchten will dieser Politthriller – denn das soll er werden – die Hintergründe, wie es überhaupt zu den Auseinandersetzungen in Wackersdorf kam. Eine wesentliche Rolle darin wird der damalige Landrat Hans Schuierer spielen – wie in Wirklichkeit auch. „Es gibt schließlich nicht so viele bayerische Helden“, erklärt Fliess. Denn ein Held sei Schuierer in seinen Augen durchaus, wie für viele andere Menschen auch, ein „Fels in der Brandung“.

Schuierer wollte der strukturschwachen Gegend zu dieser Zeit helfen. „Er wurde mit einem angeblichen wirtschaftlichen Aufschwung geködert. Bald wurde er als Retter des Landkreises gefeiert.“ Bedenken gegen die geplante WAA habe es zu Anfang nur von ein paar „Spinnern“ gegeben. Doch das eigentlich heldenhafte des Alt-Landrats sei für Filmemacher Oliver Haffner, vom dem auch die Idee zum dem Film stammt, und seinen Produzenten Fliess, dass Schuierer seine Meinung geändert und sich plötzlich gegen den Bau ausgesprochen habe.

Altlandrat Hans Schuierer kommt in dem Film eine besondere Rolle zu. Foto: ssu/Archiv
Altlandrat Hans Schuierer kommt in dem Film eine besondere Rolle zu. Foto: ssu/Archiv

„Eiskalt“ habe der Wind ihm entgegengeweht. „Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern als ihr treu zu bleiben“, zitiert Fliess den Dichter Friedrich Hebbel. „Sturschädel“ und „Gestriger“ seien noch harmlose Ausdrücke gewesen. Schließlich, so Fliess, würde der Oberpfälzer grundsätzlich als geradlinig und unumstößlich betrachtet.

Dreh an Originalschauplätzen

Klar sei deshalb von Anfang an gewesen, die Hauptszenen an Originalschauplätzen rund um Wackersdorf zu drehen, mit „echten Oberpfälzern“ als Statisten und Komparsen. Ein Teil der 100 Minuten werden Einblendungen aus Originalaufnahmen sein, vor allem vom Bauzaun. Dort nämlich eskalierte damals die Widerstandsbewegung, weitete sich in andere Städte aus und bestimmte die Schlagzeilen.

•2000 Bereitschaftspolizisten räumten am 7. Januar 1986 das Hüttendorf „Freies Wackerland“ auf dem geplanten WAA-Gelände. Foto: MZ-Archiv
•2000 Bereitschaftspolizisten räumten am 7. Januar 1986 das Hüttendorf „Freies Wackerland“ auf dem geplanten WAA-Gelände. Foto: MZ-Archiv

Fast so lang wie die Gegenbewegungen selbst, nämlich sechs Jahre, dauerten nun die Vorbereitungen zu diesem Spielfilm im Oberpfälzer Dialekt, der „kein Actionfilm“ werde. Fliess hat zusammen mit den Drehbuchautoren Gernot Krää und Oliver Haffner unzählige Akten gewälzt, recherchiert und Zeitzeugen gefragt. „Wir gingen analytisch vor und haben uns gefragt: Wer war eigentlich am meisten betroffen? Die Schwierigkeit lag darin, das Material auf 100 Minuten zu verdichten. Aber nun steht das Konzept.“

Der damalige Geschäftsführer der geplanten WAA, Gert Wölfel, äußert jedoch Zweifel und erklärte am Freitag gegenüber unserem Medienhaus: „Ich freue mich über jede Sachaufklärung, weil genug Unsinn über die WAA erzählt worden ist. Aber ich bin skeptisch.“

Drei Jahre lang kämpfte Fliess um die Finanzierung. 30 große Rollen werden mit Profischauspielern besetzt. Eine weibliche Hauptrolle habe die bekannte Schauspielerin Anna-Maria Sturm, die im Landkreis aufgewachsen ist und deren Mutter selbst eine „Galionsfigur der Widerstandsbewegung“ gewesen sei. Der erste große Film überhaupt über die geplante WAA sei dieses Projekt, sagt Fliess.

Zu erheblichen Auseinandersetzungen kam es auf dem Gelände der geplanten Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe im oberpfälzischen Wackersdorf am 7. Juni 1986. Foto: dpa/Archiv
Zu erheblichen Auseinandersetzungen kam es auf dem Gelände der geplanten Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe im oberpfälzischen Wackersdorf am 7. Juni 1986. Foto: dpa/Archiv

Ihn selbst habe diese Zeit der Widerstandsbewegung geprägt: „Das Misstrauen gegenüber der Polizei sitzt tief, immer noch und heute völlig ungerechtfertigt. Damals aber habe ich die Polizei als Verlängerung der Exekutive erlebt. Ich habe die Bomben fallen sehen.“ Die Polizei warf im Jahr 1986 Reizgas-Patronen ab, etwa 600 Personen wurden verletzt. „Das hier ist Krieg“, hatten Betroffene später zu den Medien gesagt. Im Mai 1989 wurde der bis dahin zehn Milliarden teure Bau eingestellt.

Noch heute denkt man in ganz Deutschland, wo auch der Kinofilm im Herbst 2018 ausgestrahlt werden soll, bei dem Wort Wackersdorf an die Ereignisse von damals. Der Filmtitel sei deshalb keine große Frage gewesen: Er lautet schlicht und einfach „Wackersdorf“. Sofort würden so die Geschehnisse assoziiert; der Titel bringe das Thema auf einen Punkt. „Wenn man Tschernobyl, Fukushima oder Gorleben hört, weiß man auch sofort, um was es geht. Es ist ein toller Titel.“

Casting zum WAA-Film

  • Interesse: Bereits kurz nach Bekanntgabe über Casting und Drehbeginn erregt der Kinofilm Aufmerksamkeit. Rund 1000 Mal bekam die Facebookseite des Films in den ersten drei Tagen ein „Gefällt mir“, viele positive Kommentare sind zu lesen. „Spannend“ findet das Produzent Ingo Fliess das. Er sei überwältigt von der Anteilnahme. In den nächsten Wochen werde er, so kündigt er an, eine Statistenrolle verlosen. Einzelheiten werden noch bekanntgegeben.

  • Suche: Für den Spielfilm „Wackersdorf“, der im Oktober und November in der Oberpfalz gedreht wird, werden noch Komparsen und Statisten (Darsteller ohne Text) gesucht. Für Frauen und Männer sowie Kinder im Alter von Null bis 99 Jahren, die Interesse haben, finden am 2. und 3. September Komparsencastings statt. Ort: Café Lawendls, Maximilianstraße 8, Schwandorf-Fronberg. Zur Registrierung kann man einfach am 2. September zwischen 9 und 18 Uhr kommen.

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