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Integration

Zwei Azubis wagen den Neustart

Auf einem guten Weg in eine sichere Zukunft: Zwei Syrer sind im Schwandorfer Elisabethenheim ins Berufsleben eingestiegen.
von Cornelia Lorenz

Sami Saleh hat in Damaskus als Anwalt gearbeitet. Jetzt macht der 35-Jährige im Elisabethenheim eine Ausbildung zum Koch. Fotos: Lorenz
Sami Saleh hat in Damaskus als Anwalt gearbeitet. Jetzt macht der 35-Jährige im Elisabethenheim eine Ausbildung zum Koch. Fotos: Lorenz

Schwandorf. Hayan Hakimeh beugt sich zu der älteren Dame im Rollstuhl hinunter und legt ihr behutsam den Arm um die Schultern. „Wie geht es Ihnen denn heute? Haben Sie gut geschlafen?“, fragt der 20-jährige Syrer. Die Seniorin lächelt und erzählt. Das sind die Momente, die Hakimeh an seinem neuen Beruf am meisten liebt – anderen Menschen etwas Gutes zu tun, indem er ihnen einfach aufmerksam zuhört. Seit 1. September macht er deshalb im Schwandorfer Elisabethenheim eine Ausbildung zum Altenpfleger. Insgesamt fünf junge Menschen haben dort eine Lehre begonnen, und Hakimeh ist nicht der einzige Syrer: Auch Sami Saleh (35) kommt aus dem vom Krieg gebeutelten Land. Der studierte Jurist hatte bis zu seiner Flucht in Damaskus als Anwalt gearbeitet. Jetzt absolviert er im Elisabethenheim eine Ausbildung zum Koch.

Egon Gottschalk, der Leiter der Einrichtung, ist glücklich darüber, mit den beiden Azubis aus Syrien zwei äußerst engagierte Nachwuchskräfte verpflichtet zu haben. Schließlich sei es nicht einfach, geeignete Bewerber für Berufe im sozialen Bereich finden. „Wir brauchen die Integration für den deutschen Arbeitsmarkt. Ich bin sehr froh, dass wir die Beiden haben“, sagt er.

Viel Potenzial für den Beruf

Die beiden frischgebackenen Lehrlinge haben Gottschalk recht schnell von ihrer Eignung überzeugt. Hakimeh hatte zunächst auf eigenen Wunsch hin im Elisabethenheim ein Praktikum absolviert und danach ein paar Monate als Pflegehelfer gearbeitet. So hatte er ausreichend Gelegenheit, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. „Er kann sehr gut auf die Leute zugehen und hat aus unserer Sicht viel Potenzial für seinen Beruf“, sagt Gottschalk.

Dass er einmal in einer oberpfälzischen Kleinstadt sein Geld als Altenpfleger verdienen würde, hätte sich Hakimeh als Jugendlicher nicht träumen lassen. Nach dem Abitur hatte er in Damaskus sein Mathematikstudium begonnen. Doch die Angst vor dem Krieg in seiner Heimat brachte ihn vor gut zwei Jahren dazu, alle bisherigen Pläne auf Eis zu legen und zu flüchten. „Das war die schwierigste Entscheidung in meinem Leben. Aber ich musste doch an meine Zukunft denken“, sagt er.

Für diesen Mut ist Hakimeh in Schwandorf belohnt worden. „Meine Familie lebt noch in Syrien. Aber ich habe hier viele Freunde gefunden“, sagt er. Mit ihnen unternimmt er in der Freizeit viel und hat so die Region schon gut kennengelernt. „Ich war schon am Schwammerling, am Kreuzberg und an jedem See hier in der Nähe“, sagt er und lacht. Auch das Wetter findet er in Schwandorf viel angenehmer als in Syrien.

Gut aufgehoben im Kollegenkreis

Im Elisabethenheim fühlt sich Hakimeh im Kollegenkreis bereits gut aufgehoben – und die Entscheidung, sein Studium nicht fortzusetzen, sondern alte und pflegebedürftige Menschen zu betreuen, hat er nicht bereut. Besonders gern unterhält er sich mit den älteren Herrschaften und fragt sie nach Erlebnissen aus ihrer Jugend – zum Beispiel, wie es war, als sie zum ersten Mal verliebt waren. Viele von ihnen haben selbst einen Krieg und eine strenge Erziehung erlebt – das sind Dinge, die Hakimeh gut nachfühlen kann. „Ich finde es megacool, was die Menschen mir aus ihrem früheren Leben erzählen“, sagt er.

Verständigungsprobleme sind mittlerweile die große Ausnahme. „Die Bewohner sind respektvoll und reden auch Hochdeutsch mit mir, wenn ich nachfrage“, sagt er. Doch das kommt nicht besonders häufig vor, denn Hakimeh spricht nach seinen zwei Jahren in der Bundesrepublik hervorragend Deutsch und hat sich mit Hilfe von Freunden auch schon in den Schwandorfer Dialekt eingearbeitet. Sein Ziel ist es, sich so schnell wie möglich seinen Akzent abzutrainieren.

Wenn er in drei Jahren seine Ausbildung abgeschlossen hat, will sich der junge Syrer gern einen weiteren Traum erfüllen: Er möchte mit Mitte 20 eine Familie gründen. Hakimeh weiß, dass das für deutsche Verhältnisse recht früh ist und viele hier ihr erstes Kind erst mit Mitte 30 bekommen. Doch bei ihm sei der Wunsch jetzt schon sehr stark, räumt er freimütig ein.

Eine Familie zu haben – davon träumt auch sein Kollege Sami Saleh. Der 35-Jährige aus Damaskus kam Anfang 2015 nach Deutschland, absolvierte hier einen Integrationssprachkurs und anschließend eine siebenmonatige vom Jobcenter geförderte Einstiegsqualifizierung, um ihn auf die Kochausbildung vorzubereiten. Weil Saleh Moslem ist, hätte es theoretisch Probleme in der Küche geben können. „Ich habe ihn gleich gefragt, wie er zu Schweinefleisch steht und ob es für ihn problematisch ist, es anzufassen“, erinnert sich Heimleiter Gottschalk. Saleh jedoch musste nicht lang überlegen und beschloss, sich ohne Einschränkung der deutschen Küche anzupassen. Mittlerweile hat er viel Spaß daran, Fleischpflanzerl zuzubereiten, Bratenfleisch in Scheiben zu schneiden und Nachspeisen zu verzieren.

Auf der Suche nach Demokratie

Jeden Tag fährt Saleh nun mit dem Zug von seinem aktuellen Wohnort Nabburg nach Schwandorf ins Seniorenheim. Die Kollegen seien für ihn zur neuen Familie geworden, sagt er. Die Entscheidung, Damaskus zu verlassen und nach Europa aufzubrechen, ist auch ihm schwergefallen. Zuhause arbeitete er nach seinem Jurastudium als Rechtsanwalt, doch dass diese Kenntnisse ihm in Deutschland nicht viel helfen würden, war ihm klar. Abhalten ließ er sich von all seinen Zukunftsängsten nicht. Saleh muss ein bisschen nach den passenden Worten suchen, doch auch wenn er ab und zu noch Probleme mit der deutschen Sprache hat, ist seine Aussage klar. „Ich wollte Demokratie haben“, sagt er.

Für die nächsten drei Jahre ist seine Zukunft und die seines Azubi-Kollegen Hakimeh in Deutschland gesichert. Während der angehende Altenpfleger recht optimistisch nach vornblickt, hat Saleh mit Existenzsorgen zu kämpfen. Schließlich hat er schon einmal wieder von Null anfangen müssen. „Ich habe Angst, dass ich nochmal alles verliere“, sagt er.

Hayan Hakimeh kümmert sich äußerst liebevoll um die Senioren im Elisabethenheim.

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