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Wo die Vertreibung bildhaft wird

Auf Einladung Karl Holmeiers besuchte Klaus Brähmig, der Vertriebenen-Beauftrage der CDU/CSU-Fraktion, Grafenried.
Von Petra Schoplocher

Original regional vor vielen Jahren: Ziegel aus Waldmünchen wurden für den Bau des Gasthofs in Grafenried verwendet, erklärte Waldmünchens Bürgermeister Markus Ackermann Bundestagsabgeordnetem Klaus Brähmig (links). Dass diesem die Themen Vertreibung und Flucht ganz offenkundig am Herzen liegen, zollte Ortsbetreuer Hans Laubmeier (Mitte) großen Respekt ab. Fotos: Schoplocher
Original regional vor vielen Jahren: Ziegel aus Waldmünchen wurden für den Bau des Gasthofs in Grafenried verwendet, erklärte Waldmünchens Bürgermeister Markus Ackermann Bundestagsabgeordnetem Klaus Brähmig (links). Dass diesem die Themen Vertreibung und Flucht ganz offenkundig am Herzen liegen, zollte Ortsbetreuer Hans Laubmeier (Mitte) großen Respekt ab. Fotos: Schoplocher

Waldmünchen.„Granatenmäßig“ ist sicherlich ein Wort, das Bundestagsabgeordnetem Klaus Brähmig nicht jeden Tag bei offiziellen Terminen über die Lippen kommt. In Grafenried aber waren dem CDU-Bundestagsabgeordnetem nach der mehrmaligen Feststellung „toll“ offenbar die Superlative ausgegangen. Beim Rundgang durch das verschwundene Dorf auf tschechischer Seite der Grenze jedenfalls war auch nonverbal zu erkennen, wie sehr der Vorsitzende der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion beeindruckt war.

Eingeladen hatte den Abgeordneten aus Pirna sein Fraktionskollege Karl Holmeier. Nicht nur, weil die Plätze der Bayern und Sachsen im Reichstag aneinandergrenzen würden, verbindet beide eine enge Zusammenarbeit. Während Holmeier im Programmbeirat für Sonderbriefmarken sitzt, ist Brähmig im Gestaltungsbeirat vertreten. In dieser Kombination trat das Politikerduo bei der Vorstellung der Marke „1000 Jahre Neunburg vorm Wald“ im März in der Jubiläumsstadt auf.

Von der Region angetan

Erinnerung: In drei Etappen wurden die Bewohner von Grafenried, Anger, Seeg und Haselbach 1946 vertrieben. Eine Tafel auf deutscher Seite erinnert seit 1995 an die frühere Heimat – ein guter Einstieg für Ortsbetreuer Hans Laubmeier, der Bundestagsabgeordneten Klaus Brähmig und die anderen Gäste mit viel Informationen versorgte. Fotos: Schoplocher
Erinnerung: In drei Etappen wurden die Bewohner von Grafenried, Anger, Seeg und Haselbach 1946 vertrieben. Eine Tafel auf deutscher Seite erinnert seit 1995 an die frühere Heimat – ein guter Einstieg für Ortsbetreuer Hans Laubmeier, der Bundestagsabgeordneten Klaus Brähmig und die anderen Gäste mit viel Informationen versorgte. Fotos: Schoplocher

Brähmig war derart angetan von der Region, dass beide prompt einen weiteren Besuch ins Auge fassten. Für diesen habe Grafenried nahe gelegen, erklärte Karl Holmeier auf dem Weg über die Grenze. Schließlich sei Brähmig mit dem Thema nicht nur über die Funktion in der Fraktion, sondern auch als Mitglied des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds sowie des Stiftungsrates der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und aus persönlichem Interesse eng verbunden. Zwar seien weder er noch seine Familie vertrieben worden, erläuterte der Abgeordnete, nicht zuletzt viele Ostpreußen in seiner Heimat hätten ein „Rieseninteresse“ für die Thematik geweckt; wie auch die Nähe seines Wahlkreises zu „Altösterreich, wie ich es liebevoll nenne“.

Macher: Neben Hans Laubmeier durfte sich auch „Maulwurf“ Helmut Roith (Zweiter von rechts) über viel Lob für seinen Einsatz freuen. Bürgermeister Markus Ackermann (links) trug weiteres Wissen bei, auch Landtagsabgeordneter Dr. Gerhard Hopp (rechts) war Karl Holmeiers (Dritter von rechts) Einladung nach Grafenried gefolgt. Fotos: Schoplocher
Macher: Neben Hans Laubmeier durfte sich auch „Maulwurf“ Helmut Roith (Zweiter von rechts) über viel Lob für seinen Einsatz freuen. Bürgermeister Markus Ackermann (links) trug weiteres Wissen bei, auch Landtagsabgeordneter Dr. Gerhard Hopp (rechts) war Karl Holmeiers (Dritter von rechts) Einladung nach Grafenried gefolgt. Fotos: Schoplocher

Brähmig verwies auf erreichte Ziele von einem nationalen Gedenktag bis zur Zwangsarbeiterentschädigung, die freilich nicht mehr als eine Geste sein könne, und auf neue Herausforderungen. In Grafenried, so schien ihm, noch ehe Ortsbetreuer Hans Laubmeier mit seinen Erläuterungen begonnen hatte, werde „europäische Geschichte gelebt“.

Wie intensiv dies in der Tat geschehe, führte Markus Ackermann aus. Aus einem Ort des Schreckens und der Vertreibung sei ein guter Ort der Kommunikation und des Miteinanders geworden, stellte er heraus. Die Zusammenarbeit mit den tschechischen Partnern – auch ein gemeinsames ETZ-Projekt betreffend – sei hervorragend.

Lesen Sie hier: Deutsche und Tschechen arbeiten, damit über dem verfallenen Grafenried kein Gras wächst. Alles ist bereit fürs Heimattreffen.

Kirche: Der Taufstein, „an dem wir alle getauft wurden“, liegt Laubmeier besonders am Herzen. Die Grundmauern der Kirche animierten den CDU-Politiker zu Überlegungen, eine Präsentation wie die der Dresdner Frauenkirche vor dem Wiederaufbau anzudenken. Hans Laubmeier erklärte, wie die oberste Schicht der Mauer geschützt wird. Fotos: Schoplocher
Kirche: Der Taufstein, „an dem wir alle getauft wurden“, liegt Laubmeier besonders am Herzen. Die Grundmauern der Kirche animierten den CDU-Politiker zu Überlegungen, eine Präsentation wie die der Dresdner Frauenkirche vor dem Wiederaufbau anzudenken. Hans Laubmeier erklärte, wie die oberste Schicht der Mauer geschützt wird. Fotos: Schoplocher

Dieses solle helfen, Grafenried als Naturmuseum und Mahnmal zu erhalten und alles auf zukunftsfähige Beine zu stellen, „raus aus der Improvisationsphase“. Derzeit laufen Vorarbeiten für archäologische Forschungsarbeiten und für Begegnungspunkte für Schulklassen. Die Jugend anzusprechen, sei ein entscheidender Punkt: „Hier können junge Menschen erfahren, was passiert, wenn Politik, wenn Europa nicht funktioniert“, meinte er. Insofern sei das Projekt Grafenried politisch hochaktuell.

So aufmerksam Brähmig zuhörte, so sehr brachte er sich mit Ideen und Anregungen ein. Gerne werde er Vorhaben in den deutsch-tschechischen Zukunftsfonds hineinkippen, ermunterte er mit Verweis darauf, dass die Nachbarn weit mehr Initiative(n) aufbrächten. Brähmig bot an, Grafenried bei der nächsten Sitzung auf’s Tableau zu bringen. „Das hier gehört größer aufgezogen“, meinte er schon nach der Hälfte der Besichtigungstour.

Zahlreiche Ideen

Überblick: Wie hier auf dem Gelände der früheren Brauerei wurde offenkundig, wie sehr sich die Natur ihren Raum wieder zurückerobert. Auch ein Grund, warum es derzeit in Grafenried darum geht, welche Flächen langfristig freigelegt bleiben sollen und was nur dokumentiert wird. Die Pflegemaßnahmen sind immens. Fotos: Schoplocher
Überblick: Wie hier auf dem Gelände der früheren Brauerei wurde offenkundig, wie sehr sich die Natur ihren Raum wieder zurückerobert. Auch ein Grund, warum es derzeit in Grafenried darum geht, welche Flächen langfristig freigelegt bleiben sollen und was nur dokumentiert wird. Die Pflegemaßnahmen sind immens. Fotos: Schoplocher

Hans Laubmeier hatte von der Geschichte erzählt, aber auch, welche Bedeutungen einzelne Ausgrabungsfunde wie das Taufbecken oder der Opferstock für die Familien hätten. Zwischen Gasthof und Kirche, zwischen Brauerei und Friedhof ging es aber auch um Probleme bei den Grabungen selber, die aufwendigen Pflegemaßnahmen, das Ringen um Genehmigungen und das Bemühen um Spenden. Laubmeier berichtete von Plänen, die freigelegte Brauerei zu überdachen und Ortswege begehbar zu machen, um eines Tages einen Rundgang zu schaffen.

So unkonventionell manches Kompliment des Politikers für das Engagement verpackt war, so unkonventionell lautete auch ein Wunsch des 60-Jährigen. Hans Laubmeier „möge der Herrgott noch 20 Jahre schenken“. Für ihn persönlich, aber auch, um die Geschichte weiterzuerzählen.

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