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Geistesgeschichte

Der vergessene Schatz auf dem Kreuzberg

Die einzigartige Atmosphäre der Bibliothek im Schwandorfer Kreuzbergkloster ist in Gefahr. Ein Umzug steht bevor.
Von Reinhold Willfurth

Pater Francis ist stolz auf die Klosterbibliothek. Pflegen können die Patres sie allerdings nicht. Foto: Willfurth
Pater Francis ist stolz auf die Klosterbibliothek. Pflegen können die Patres sie allerdings nicht. Foto: Willfurth

Schwandorf.Die unscheinbare, hellgraue Tür ist verschlossen, wie es sich für das Portal zu einer Schatzkammer geziemt. Wer das seltene Glück hat, eingelassen zu werden, blickt auf meterhohe Regale, gefüllt mit ledergebundenen Folianten aus der Barockzeit, mehrsprachigen Bibeln aus allen Epochen und in jeglichem Zustand, Enzyklopädien, Biografien, Heiligenlegenden, wuchtigen Geschichtsbänden, philosophischen Abhandlungen, Bänden über Kirchenrecht und was sich sonst noch an Gedankengut angesammelt hat in 340 Jahren Wallfahrtsgeschichte auf dem Kreuzberg. Ein ganzes Regal ist auch der Heimat dieser in der Region einzigartigen Bibliothek gewidmet: „Suandorfensia“ steht im Bibliothekaren-Latein über den Büchern, die sich mit Schwandorf beschäftigen.

Folianten wie dieser von 1737 finden sich in den Regalen zuhauf. Foto: Willfurth
Folianten wie dieser von 1737 finden sich in den Regalen zuhauf. Foto: Willfurth

Den meisten Besuchern auf dem Kreuzberg bleibt die Schatzkammer verschlossen – nicht etwa, weil die Klosterbibliothek unansehnlich geworden wäre. Im Gegenteil, die rund 25 000 Bücher, Bände und Folianten verleihen dem Raum eine unvergleichliche Würde, eine Atmosphäre, der sich auch Angehörige leseferner Schichten nicht entziehen können.

Sehen Sie sich in unserem Video in der Bibliothek um:

Zu Besuch in der Klosterbibliothek

Auch die „Generation Smartphone“ lässt staunend das Handy sinken, wenn sie die Geisteskraft der um sie versammelten analogen Medien spürt, mag deren Inhalt auch über weite Strecken verstaubt oder nur etwas für theologische Forscher sein. Die Schüler einer Nittenauer Schule, die er kürzlich durch die Bibliothek geführt habe, seien begeistert gewesen, erzählt Pater Francis, Stadtpfarrer in der Kreuzbergpfarrei und selbst engagierter Leser.

 In Karteikästen sind die Werke katalogisiert. Foto: Willfurth
In Karteikästen sind die Werke katalogisiert. Foto: Willfurth

Wiewohl gut erhalten, liegt der wundersame Bücherschatz auf dem Kreuzberg brach. Die Besucher konzentrieren sich auf die monumentale Kirche und die wechselvolle Geschichte des geistlichen Lebens auf dem Kreuzberg. Da ist die Bibliothek in Vergessenheit geraten. Pater Francis und seine beiden Mitbrüder auf dem Kreuzberg müssen sich auf ihre pastoralen Aufgaben konzentrieren, für die Pflege der Bibliothek bleibt keine Zeit.

Die Bibliothek ist in den Dornröschenschlaf gefallen

Von der Empore aus kann der Besucher die Atmosphäre genießen. Foto: Willfurth
Von der Empore aus kann der Besucher die Atmosphäre genießen. Foto: Willfurth

Es war das Jahr 2009, als der Bücherschatz in den Dornröschenschlaf fiel. Damals zogen die deutschen Karmeliten-Brüder nach Regensburg und übergaben das Kloster indischen Brüdern. Auch Pater Lambert wechselte damals ins Karmeliten-Kloster am Regensburger Kornmarkt. Er war der Kloster-Bibliothekar. Über viele Jahr hinweg katalogisierte er die teils Jahrhunderte alten Bände, teilte sie akribisch in Themenfelder ein. Die Regalschilder mit kirchlichen Domänen wie „Pastoral“, „Liturgie“, „Kirchenrecht“, „Moral“, aber auch weltliche Kategorien wie Biografien, Enzyklopädien oder Geschichte zeugen noch heute von der Sammelleidenschaft des Buch-Enthusiasten in der braunen Karmeliten-Kutte.

Franz Sichler half damals zusammen mit Alfred Wolfsteiner, dem pensionierten Leiter der Stadtbibliothek dem Pater, die Buchschätze zu ordnen. „Man wollte nicht den gleichen Fehler machen wie die Neumarkter Karmeliten“, sagt Sichler. „Die haben ihre Bibliothek bis auf einige besonders wertvolle Stücke verramscht“.

340jährige Wallfahrtstradition

  • Anfänge:

    Im Zuge der Rekatholisierung wurde vor 340 Jahren auf der ehemaligen Hinrichtungsstätte am Kreuzberg eine Marienwallfahrt eingerichtet, die bis zur Säkularisierung 1803 von Kapuzinern betrieben wurde. Ab 1889 unterstützten Karmeliten aus Regensburg die Priester auf dem Wallfahrtshügel.

  • Entwicklung:

    1894 entschloss sich der Orden zu einem Neubau der Niederlassung neben der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt. Zwei Jahre nach seiner Einweihung wurde der Sitz auf dem Provinzkapitel 1897 zum Priorat erhoben. Unter den Brüdern wurde auch das Gotteshaus immer wieder renoviert.

  • Nachkriegszeit:

    Die 1945 völlig zerstörte Kirche wurde ab 1949 wieder aufgebaut. 1967 erfolgte die Erhebung zur Pfarrei „Unsere Liebe Frau vom Kreuzberg“. Die Karmeliter übernahmen die Betreuung. Seit 30 Jahren nimmt die Zahl der Brüder stetig ab. 2009 übernahmen Patres aus Indien Pfarrei und Kloster.

Vielleicht ist es ein Glück, dass die Schwandorfer Bibliothek in Vergessenheit geraten ist. Sonst wäre die einzigartige Atmosphäre dieser gar nicht so kleinen Buch-Kathedrale, die dem Besucher trotz der beißenden Kälte das Herz erwärmt, womöglich heute dahin. Die Zeichen mehren sich jedoch, dass auch die Tage der Klosterbibliothek gezählt sind.

Ungewöhnliche Nachbarn: Oscar Wilde und Papst Benedikt XVI. Foto: Willfurth
Ungewöhnliche Nachbarn: Oscar Wilde und Papst Benedikt XVI. Foto: Willfurth

Um den Bestand zu retten und die Bände der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, verhandelt die Stadt über eine Übernahme. Auch wenn es kaum vorstellbar erscheint, dass die vielen tausend Bände eine neue Heimat finden sollen: Das Stadtarchiv, deren Räume demnächst erweitert werden, ist im Gespräch als neuer Hüter des Schatzes. „Wir haben unsere Zustimmung gegeben“, teilt Pater Ulrich Dobhan, Provinzial der bayerischen Karmeliter, auf Anfrage der MZ am Freitag vom fernen Spanien aus mit.

Bilanz

Vom Fallschirmspringer zum Stadtarchivar

Josef Fischer hütet viele historische Schätze. Er hat das Schwandorfer Archiv in 20 Jahren zur Forschungsstätte ausgebaut.

Der Traum von einer neuen Nutzung

Ungewöhnliche Buchstützen halten die Ordnung aufrecht. Foto: Willfurth
Ungewöhnliche Buchstützen halten die Ordnung aufrecht. Foto: Willfurth

Ludwig Krammer hofft, dass dieser Kelch an der Bibliothek vorübergehen möge. Nicht, dass das Stadtarchiv sorglos mit den alten Bänden umgehen würde. Aber der Pfarrgemeinderat, der schon als Ministrant in der Kreuzbergkirche diente, fürchtet um das einzigartige Flair der Bibliothek mit ihren Bücherwänden und ihrer eindrucksvollen Empore. Krammer träumt von einer Wiederbelebung. „Dichterlesungen mit einem Schalerl Kaffee“ stellt er sich vor. Damit steht Krammer nicht alleine da. Auch Brigitte Eisenhofer will die einzigartige Atmosphäre erhalten.

Ein großer Bücherhaufen wartet noch auf die Einordnung. Foto: Willfurth
Ein großer Bücherhaufen wartet noch auf die Einordnung. Foto: Willfurth

„Das ist ein wunderbarer Raum“, schwärmt die Pfarrsekretärin. Ihr würde das Herz bluten, sollte der Bücherschatz wegziehen, sagt sie. Ob die alte Bibliothek, gegründet vermutlich 1889 nach dem Einzug der Karmeliten, noch eine Chance hat? Das Kreuzbergkloster soll saniert und der Pfarrei übertragen werden. Die sucht dann zusammen mit der Diözese eine neue Nutzung. Ob dann noch Platz ist für eine ehrwürdige Büchersammlung, ist fraglich.

Sehen Sie sich in unserem Video in der Bibliothek um:

Zu Besuch in der Klosterbibliothek

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