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„Ehrenamt, das kann auch ein Flüchtling“

„Wo Not ist, da hilft man“, sagt Daniela Balkie. Sie hat nicht lange überlegt, als Paten für Flüchtlinge gesucht wurden.
Von Elisabeth Hirzinger

Der Job als Sprachpatin erfüllt Daniela Balkie auch mit Dankbarkeit.
Der Job als Sprachpatin erfüllt Daniela Balkie auch mit Dankbarkeit.Foto: Hirzinger

Burglengenfeld.Daniela Balkie hat schon einige Schicksalsschläge verkraften müssen. Ihr erster Mann ist einen Monat bevor ihre Zwillinge ein Jahr alt wurden gestorben. Die gebürtige Berlinerin, die „der Liebe wegen“ nach Regensburg gezogen war, stand plötzlich mit zwei kleinen Kindern alleine da. „Das hat mich stark gemacht“, sagt die gelernte Hauswirtschaftsleiterin, die 2004 einen Arbeitsunfall erlitt, der ihr Leben erneut auf den Kopf stellte. Daniela Balkie ist seitdem schwer gehbehindert und erwerbsunfähig. Aber all das ist für sie kein Grund, sich nur mit ihren eigenen Problemen zu beschäftigen.

Für Daniela Balkie war es schon immer eine Selbstverständlichkeit, sich ehrenamtlich zu engagieren, in der Schule als Elternbeirätin, bei der Frauenunion, bei den Amateurfunkern und, seit 2014, in der Flüchtlingshilfe. Die Bereitschaft anderen zu helfen, ergibt sich für die Berlinerin, die mit ihrem zweiten Mann seit 2009 in Burglengenfeld lebt, „schon aus dem christlichen Glauben heraus“.

Daniela Balkie gehört nicht zu denen, die wegschauen, aber auch nicht zu denen, die alles idealisieren. Als sie 2014 erfahren hat, dass in ihrer Nachbarschaft eine Unterkunft für Flüchtlinge geschaffen werden soll, hat sie nicht Hurra geschrien, sondern, wie die meisten anderen auch, erst mal skeptisch reagiert. Doch als sich dann bei der ersten Informationsveranstaltung Fremdenfeindlichkeit hemmungslos Bahn brach, wusste Daniela Balkie auf welcher Seite sie steht. Auf den ersten Aufruf in der Zeitung, dass Sprachpaten gesucht werden, hat sie sich gemeldet.

„Das Schlimmste ist doch, dass die Menschen, die in größter Not ihre Heimat verlassen haben, nicht wissen, wie und wo es hier lang geht“, sagt Daniela Balkie, die bei allem was sie tut, auf ihren Mann und ihre Kinder zählen kann. Natürlich gab es da bei ihren Jungs auch Vorbehalte, erzählt sie. Nicht gegenüber Fremden, sondern gegenüber Gleichaltrigen, die ihre Mutter in Beschlag nahmen, die zu ihrer Mutter auch „Mama“ sagten.

Bei den ersten Anflügen von Eifersucht hat Daniela Balkie den Spieß umgedreht und ihre Söhne gefragt, ob sie das schaffen würden, wenn in Deutschland Krieg wäre, alleine über Italien und das Meer nach Syrien zu flüchten? Und sie hat ihnen klar gemacht, dass sie als Mutter froh wäre, wenn sich in dem fremden Land jemand um ihre Jungs kümmern würde.

Familie steht an erster Stelle

Aber bei allem ehrenamtlichen Engagement hat Daniela Balkie stets darauf geachtet, dass das Familienleben nicht zu kurz kam. „Meine Familie stand immer an erster Stelle“, versichert die resolute Frau, die ihre Privatsphäre geschützt hat. Lange Zeit wussten die Flüchtlinge nicht, dass sie nur 150 Meter weiter in der gleichen Straße wohnte. Und die Wochenenden gehörten, von Notfällen abgesehen, ebenfalls der Familie.

Überhaupt neigt Daniela Balkie nicht dazu, die ihr anvertrauten Flüchtlinge zu sehr zu „betüddeln“. Daniela Balkie geht pragmatisch an ihre Aufgabe heran. „Die haben den Weg von Syrien nach Deutschland geschafft“, sagt die Sprachpatin, „da werden sie es auch allein zum Arzt schaffen, wenn ich ihnen den Weg zeige“.

So ist sie halt. Jeder bringe sich anders ein, sagt Daniela Balkie, die gar nicht die Zeit hätte, um mit den Flüchtlingen zum Landratsamt zu gehen, da wäre sie ja den ganzen Vormittag unterwegs. Da investiert Daniela Balkie lieber mehr Zeit in ihre Sprachkurse. Sie hat sich „Deutsch als Zweitsprache“-Bücher gekauft, Mappen zusammengestellt, Unterrichtskonzepte entworfen und mit den Flüchtlingen Theater gespielt und reale Situationen wie einen Anruf beim Arzt nachgestellt. Fordern und fördern, lautet der Leitspruch der erfahrenen Sprachpatin. Und wenn sie sieht, dass ein Jugendlicher etwas aus seinem Leben machen will, dass er ehrgeizig ist, dann bekommt er auch mehr Hausaufgaben.

Manchmal geht der Einsatz der Sprachpatin auch weit über das übliche Maß hinaus, wie bei dem jungen Flüchtling, dessen Asylantrag abgelehnt wurde und der nach dem Dublin-Verfahren nach Italien zurückgemusst hätte. „Da wäre er unter die Räder gekommen“, erklärt Daniela Balkie, warum sie für den 20-Jährigen eine Kirchenasylplatz suchte – und fand. Mittlerweile ist der junge Mann anerkannt, hat mit Hilfe seiner Sprachpatin das Sprach-Level B1 geschafft, studiert in Regensburg und, darauf ist Daniela Balkie schon ein bisschen stolz, „ist sagenhaft gut“.

„Die waren dankbar für alles“

18 Flüchtlinge und zwei Familien hat Daniela Balkie bisher betreut. Die 52-jährige Sprachpatin berichtet von vier Einwanderungswellen, die sie erlebt hat. Mit der ersten Welle seien „Flüchtlinge ohne App“ gekommen, „die dankbar für alles waren“, bei der zweiten Welle seien Flüchtlinge dabei gewesen, „die schon wussten, wie sie ohne Fingerprint über die Grenze kommen und was ihnen zusteht“.

Die nächsten Flüchtlinge hätten Zeit gehabt, ihr Hab und Gut zu Geld zu machen und hatten, das ist Daniela Balkie aufgefallen, „einen niedrigeren Bildungsgrad“. Viele Flüchtlinge, die mit der vierten Welle kamen, konnten „kein Wort Englisch“ und hatten „Idealbilder im Kopf, die fern von der Realität waren. Die wollten Arzt werden, ohne die Grundvoraussetzungen dafür mitzubringen“.

Es gab auch Zeiten, da hat sich die 52-jährige Sprachpatin mehr als Integrationsmanagerin denn als Sprachvermittlerin gesehen. Nicht selten ist es in der benachbarten Unterkunft zu zwischenmenschlichen Konflikten gekommen, die Daniela Balkie versucht hat, zu lösen. Für sie steht heute fest, dass es nicht reicht, den Leuten Deutsch beizubringen.

„Die Flüchtlinge müssen auch lernen, „wie sie sich umstellen müssen, um bei uns Fuß fassen zu können“, findet ihr Mann, Armin Balkie. Er sieht auch ein Problem darin, dass von Freitag bis Montag niemand für die dezentral untergebrachten Flüchtlinge zuständig ist. Wen rufen sie an, wenn sie krank werden, wenn die Waschmaschine streikt? „Natürlich ihre Sprachpaten“, sagt Armin Balkie. Und natürlich ist seine Frau Daniela zur Unterkunft gelaufen, wenn einer ihrer Schützlinge plötzlich hohes Fieber hatte. Aber diese Verantwortung möchte die Sprachpatin eigentlich nicht übernehmen.

Daniela Balkie sieht ihre Aufgabe auch nicht darin, den Flüchtlingen zu sagen, wie sie ihre Kinder zu erziehen haben, „außer dass bei uns Kinder nicht geschlagen werden“, und wie sie ihre Wäsche waschen ist ihr „schnurzpiepegal“. Aber sie möchte den Asylbewerbern zumindest vermitteln, dass „auch wir bis ins hohe Alter arbeiten müssen, dass auch ich nicht jedes Jahr in Urlaub fahren kann, dass auch ich No-Name-Produkte trage“.

Dem Staat etwas zurückgeben

Daniela Balkie erwartet von den Flüchtlingen keine Dankbarkeit, nur dass sie sich integrieren und dass sie dem deutschen Staat etwas zurückgeben, „und wenn es in Form eines Ehrenamtes ist“, denn „das kann jeder machen“. Daniela Balkie macht auf jeden Fall weiter. Schließlich nehme sie auch „was mit raus“. Dankbarkeit zum Beispiel, „dass ich in einem friedlichen und demokratischen Land lebe und dass es mir gut geht“. Außerdem sei es erfüllend, zu wissen, dass man etwas Gutes getan hat.

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Sprachpaten

  • Betreuung:

    Es gibt im Landkreis elf Helferkreise und 143 Sprachpaten.

  • Aufgabe:

    Jeder ehrenamtliche Pate betreut in der Regel eine Flüchtlingsfamilie oder sogar eine ganze Lerngruppe und hilft ihnen dabei, sich im Alltag zurecht zu finden. Sprachpaten kümmern sich auch um Frauen, die wegen ihrer Kinder nicht am Deutschunterricht teilnehmen können, übernehmen die Hausaufgabenbetreuung in drei Grundschulen und im Haus des Guten Hirten, unterstützen Schulkinder beim Lernen Zuhause oder unterrichten ehrenamtlich Flüchtlinge in Klassen. Sprachpaten helfen sowohl Flüchtlingen, die dezentral untergebracht sind, als auch in Gemeinschafsunterkünften.

  • Voraussetzungen:

    Wer als Sprachpate tätig werden möchte, braucht keine besonderen Vorkenntnisse, sollte aber Deutsch als Muttersprache sprechen, Interesse an anderen Kulturen und Freude an der Sprache haben und einmal in der Woche Zeit für das Treffen mit den Sprachschülern haben.

  • Neue Sprachpaten:

    Weitere Sprachpaten werden dringend gesucht, weil nach Auskunft der Koordinierungsstelle „die Unterstützung bei Arztbesuchen und Behördengängen, aber vor allem die Hilfe bei der Suche nach Ausbildungs- und Arbeitsplätzen und die Wohnungssuche zeitaufwendig sind“.

  • Kontakt:

    Zuständig für Ehrenamtliche im Bereich Asyl ist eine Koordinierungsstelle im Ämterzentrum. Ansprechpartnerin ist Doris Dürr, die von Dienstag bis Donnerstag von 9 bis 14 Uhr unter Telefon (0 94 31) 47 16 06 oder per E-Mail info@freiwillig-sad.de zu erreichen ist.

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