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Erster Weltkrieg begann vor 100 Jahren

Am 28. Juli 1914 nahm die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ ihren Lauf. Feldpostbriefe von Soldaten in die Heimat überliefern Einzelschicksale.
Von Alfred Merl

  • Jakob Fleischmann schickte ein Bild vom Feldlazarett als Kartengruß.
  • Mobilmachung im Schwandorfer Tagblatt vom 4. August 1914
  • Eine der Feldpostkarten von Jakob Fleischmann; das heroisierende Gemälde sollte die Motivation der Soldaten stärken.
  • Sterbebild des „ehr- und tugendsamen Jünglings Andreas Meiler“

Schwandorf.Schwandorf. „Eine nächtliche Kreuzung. Fünf Schwerlaster, die Tanks und Ladeflächen voll mit Explosivstoffen, rasen mit aufgeblendeten Scheinwerfern aus allen Richtungen aufeinander zu. Die Fahrer sind mit Bordfunk miteinander in Kontakt, sie drohen, brüllen, fluchen, beschwören alte Freundschaften, appellieren an das Gewissen der anderen. Die Kreuzung kommt näher. Schon können sich die Fahrer gegenseitig am Steuer erkennen. Noch hundert Meter. Noch fünfzig. Ein letztes Aufheulen der Motoren. Die Scheinwerfer tauchen die Kreuzung in taghelles Licht. Schreien, Hupen, Gestikulieren. Noch zehn Meter. Noch fünf. Bumm.“

Der Journalist Andreas Kilb hat dieses Gedankenbild gemalt, das eindringlich aufzeigt, wie die fünf Großmächte Österreich-Ungarn, Russland, England, Frankreich und das Deutsche Kaiserreich die Welt sehenden Auges ins Verderben stürzen. Und doch es gibt einen Unterschied zwischen Metapher und Realität: Nicht diejenigen, die das Lenkrad geführt haben, sind zermalmt worden, sondern 17 Millionen unschuldige Menschenleben.

Eines davon – um in den Mikrokosmos eines kleinen Dorfes zu blicken – war das junge Leben des Gastwirtssohn Andreas Meiler aus Haselbach. Er sollte Wirtshaus, Metzgerei und Landwirtschaft übernehmen und stand kurz vor der Hochzeit. Seine Braut Anna Lautenschlager hatte schon alle Vorkehrungen getroffen; zu ihrer Aussteuer gehörte auch eine komplette Ausstattung für das Gasthaus, Tischwäsche und Geschirr für viele Gäste.

Doch es kam alles anders, Andreas Meiler musste „ins Feld der Ehre“. Am 22. Nov. 1915 schreibt er eine Feldpostkarte: „Nach langen Strapazen sind wir in Ungarn eingetroffen. Habe hübsch was erlebt und auch schon durchgemacht. Wenn nur schon alles vorüber wäre, man meint ja, es ist nicht zum Aushalten.“ Adressiert ist die Karte an die „Wohlgeborene Frau Katharina Lautenschlager“, die künftige Schwiegermutter. Ob er auch an seine Braut schrieb, ist nicht bekannt, vielleicht hätte dies damals auch als unschicklich gegolten.

„Wenn nur schon alles vorüber wäre“, schreibt Andreas Meiler – doch er meint dies anders, als es kommt. Denn vier Monate später ist alles vorüber – ist er tot. Von Ungarn aus musste er zu den Kriegsschauplätzen in Serbien und Russland, bis er bereits im März 1916 in Frankreich sein Grab fand. Das Sterbebild nennt Ort und Datum, doch mehr lässt ein Eintrag im Heeresbericht vermuten: „Malancourt, 31. März: deutsche Truppen erobern das Dorf Malancourt auf dem westlichen Ufer der Maas bei Verdun im Sturm“. Das Gasthaus übernahm nun eine Schwester von Andreas Meiler und betrieb es mit ihrem späteren Ehemann, dem Offizier Karl Sächerl.

Anna Lautenschlager übernahm den elterlichen Hof und heiratete Sebastian Winter, der als „Winter-Wastl“ vor allem in Jägerkreisen noch heute legendär ist.

Mehr Glück als Andreas Meiler hatte Jakob Fleischmann aus Dauching, obwohl er fast den ganzen Krieg im Schützengraben an der Westfront zubringen musste. Aus seinen Feldpostkarten spricht auch die tiefe Sorge über die Ehefrau zu Hause, die die Familie ohne den Ernährer durchbringen musste: „Schreibe auch Du mir sobald als möglich wie es Dir geht, denn ich bekümmere mich zu sehr um Dich. Ich bin immer noch gesund, was ich auch Dir von Herzen wünsche. Vielen herzlichen Gruß von Deinem treuen besorgten Gatten.“ Am 26. Sept. 1916 schreibt er aus dem Lazarett, das im Mädchenheim der Kammgarnspinnerei Lennep eingerichtet war und schickt ein Foto vom Verbandplatz mit: „Kümmere dich nicht um mich, ich komme einstweilen nicht mehr in den Schützengraben“. Jakob Fleischmann hat den Krieg überlebt und erreichte das gesegnete Alter von 98 Jahren.

Direkt aus dem Schützengraben hat der Infanterist Michael Birzer einen bitteren und bedrückenden Brief „an die „Bauerswitwe Anna Birzer in Haselbach“, seine Mutter, geschrieben. Doch der Brief hat sie nie erreicht; er wurde von der Feldpostbriefzensur abgefangen, weil sich Birzer darin über die ungerechte Behandlung durch seinen Kompanieführer beklagt hatte.

„Im Schützengraben, den 20. Aug. 1917, Meine liebste Mutter“ beginnt der Brief. „Da ich heute ein sehr schweres Herz habe und fast weinen könnte, so musst es mir verzeihen, wenn ich in meinem Schmerz dir etwas schreibe. Es wird nun zwei Jahre, dass ich bei dem Schwindel bin, aber so was ist mir noch nicht passiert als wie heute (…). Oh liebe Mutter, heute Nacht um zwei Uhr, als ich auf Posten stand, machten die Engländer einen sehr starken Gasüberfall, drei Meter links von mir explodierten drei Gasgranaten. Bis ich meine Gasmaske aufgesetzt hab, hab ich ein wenig Gas geschluckt (…). Der Kompanieführer hat mich nicht zum Arzt gehen lassen und eingesperrt. Der wär froh, wenn ich kaputt wär, einen Feigling und Drückeberger hat er mich geheißen (…). Liebste Mutter, ist das mehr zum Aushalten? Du wennst nicht wärst, würde ich mir das Leben nehmen. Von der 7. Kompanie sind durch das Gas der Kompanieführer und sieben Mann tot und sehr viele Gaskrank, wo auch noch viele sterben davon. (…) Aber liebe Mutter, da wennst noch so viele Gesuche machen lasst, gibt der mir auch keinen Urlaub, keinen Namen weiß ich für ihn, ein solcher gehört sich wirklich erschossen. (...) Schick mir nichts mehr liebe Mutter, ich glaub ich komm ins Lazarett. Mit „tausend Grüße, Dein lieber Sohn“ schließt der Brief.

Erst als sich die Vergiftungssymptome verschlimmern, lässt ihn der Kompanieführer zum Arzt bringen. Birzer wurde ins Lazarett aufgenommen, der Kompanieführer von seinem Regimentskommandeur mit einem Tag Stubenarrest bestraft, weil er einen Untergebenen mit den Worten „Drückeberger und Feigling“ beleidigt hatte. Doch das Wichtigste: Michael Birzer erlebte das Kriegsende und konnte glücklich heimkehren.

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