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Mobilität

Lauter Barrieren im Bahnhof

Im Bahnhof Schwandorf müssen Reisende mit Handicap auf ein Provisorium hoffen. Ausgerechnet in diesen Tagen bleibt Hilfe aus.
Von Reinhold Willfurth

  • Wehe, der Aufsichtsbeamte am Schwandorfer Bahnhof, der „gute Geist“ der Mobilitätseingeschränkten, hat dienstfrei: Dann heißt es öfters vom Servicetelefon der Bahn: „Schwandorf hat abgelehnt“. Die Stelle des amtlichen Helfers wird zum 1. Januar 2019 ersatzlos abgeschafft. Foto: Willfurth
  • Johannes Strauch auf dem Weg zum provisorischen Übergang auf Gleis eins. Foto: Willfurth

Schwandorf. Schwandorf. In den Wochen vor Weihnachten wird es in den Zügen immer voller. Viele Menschen benutzen das umweltfreundliche Verkehrsmittel, um Verwandte in der alten Heimat zu besuchen oder stressfrei zu einem der vielen Adventsmärkte zu rollen. Letzteres hatte auch Johannes Strauch im Sinn. Der Pensionär wollte sich Ende November eine Freude machen und Freunde aus Köln beim Weihnachtsmarkt in Salzburg treffen. Doch Strauch hatte seine Rechnung ohne die Deutsche Bahn gemacht. Der 74-jährige Schwandorfer leidet an Arthrose im Endstadium, ist beim Ein- und Aussteigen auf Hilfe angewiesen. Zwei Tage vor Abfahrt meldete er sein Anliegen wie erbeten bei der Bahn an – und holte sich eine Abfuhr: Schwandorf habe abgelehnt, der zuständige Mitarbeiter sei längere Zeit krank. Ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit.

Strauch ist jemand, der so schnell nicht aufgibt. Am nächsten Tag klingelte er beim „Service Point“ der Bahn in Regensburg an – und erhielt dort die selbe Antwort wie im DB-Callcenter tags zuvor. Man habe ihn zu einer Servicenummer in Nürnberg weitervermittelt, berichtet Strauch. Dort habe man von einer Verkettung unglücklicher Umstände gesprochen, sich entschuldigt und angeboten, noch eine Lösung zu finden. Doch einen Tag vor der Abreise hatte der Pensionäre schon einen Bekannten aufgetrieben, der ihn per Auto und Anhänger für den E-Rolli nach München fuhr. In München klappte der Umstieg in Richtung Salzburg dann gut.

Weiter Weg zur Barrierefreiheit

Mittlerweile hat sich die Bahn schriftlich bei Johannes Strauch entschuldigt und das Schreiben mit einem Reisegutschein garniert. Doch der Ärger bei dem pensionierten Finanzbeamten ist noch nicht verflogen. Wenn der Schwandorfer Bahnhof schon nicht barrierefrei ausgebaut sei, dann müsse die Bahn wenigstens dafür sorgen, dass Menschen wie ihm am Bahnsteig zuverlässig geholfen werde. Schließlich ist es ihm nicht zum ersten Mal passiert, dass der Zug ohne ihn abfuhr.

Die bayerische Staatsregierung wollte eigentlich dafür sorgen, dass alle Bahnhöfe im Freistaat bis 2023 barrierefrei gemacht werden. Da hat sie noch viel Arbeit vor sich, kritisiert Jürgen Mistol von der Landtagsfraktion der Grünen. Denn nicht einmal die Bahnhöfe der größten Oberpfälzer Städte sind mit Ausnahme von Regensburg für Menschen mit Handicap, Rollator oder Kinderwagen gerüstet. Die Bahn hat jetzt die Barrierefreiheit zumindest in Schwandorf und Weiden mit der Elektrifizierung der Strecke Regensburg-Hof verknüpft. Die Elektrifizierung ist beschlossene Sache, nicht aber der Termin. Aber selbst wenn es in zehn Jahren so weit sein sollte, heiße das noch lange nicht, dass die Bahnhöfe entlang der Strecke barrierefrei sein werden. Das entnimmt Jürgen Mistol der Antwort auf eine Anfrage an das bayerische Verkehrsministerium. Dort heißt es am 20. August diesen Jahres recht nebulös, der barrierefreie Ausbau werde lediglich für Stationen vorgenommen, „die durch das Ausbauprojekt baulich verändert werden und über 1000 Ein- und Aussteiger aufweisen“. Auf Nachfrage der Mittelbayerischen bestätigt ein Sprecher der Bahn, dass ein Ausbau allenfalls durch eine Elektrifizierung möglich werde. Eine Übergangslösung sei allein schon wegen der Kosten undenkbar. Die bayerische Staatsregierung rechnet allein für den Bahnhof Schwandorf mit Umbaukosten von „deutlich mehr“ als 16 Millionen Euro. Auch beim Programm des Freistaats „BayernPaket II“, das den barrierefreien Ausbau bayerischer Bahnhöfe ab 2019 vorsah, ging der Knotenbahnhof Schwandorf leer aus.

Warum nicht in Schwandorf?

Worüber Johannes Strauch und andere Bahnreisende den Kopf schütteln: Im acht Kilometer entfernten Schwarzenfeld laufen die Vorbereitungen für einen barrierefreien Ausbau derzeit an. Finanziert wird die Modernisierung des Bahnsteigs und der Bau einer Rampe durch ein „Zukunftsinvestitionsprogramm“ des Bundes für kleine Bahnhöfe aus dem Jahr 2015. Warum funktioniert der Umbau eines vergleichsweise unbedeutenden Bahnhofs wie Schwarzenfeld, während Städte wie Schwandorf, Weiden, Amberg und Cham auf Jahre hinaus mit Provisorien leben müssen? Diese Frage lässt die Bahn unbeantwortet. In Weiden hat man eine Übergangslösung gefunden, die wenigstens zuverlässige Hilfe verspricht: Dort sorgt das Rote Kreuz dafür, dass Reisenden mit Handicaps nicht auf dem Bahnsteig zurückbleiben. Und auch in Schwandorf hat sich die Bahn eine provisorische Lösung ausgedacht: Das örtliche Taxiunternehmen Merl soll den Service-Mitarbeiter der Bahn für vorangemeldete Fahrten ersetzen. Der Mitarbeiter wird ab Januar abgezogen.

Bis dahin sieht es schlecht aus für Menschen wie Johannes Strauch.

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Vorsatz und Realität

  • Zielvorgabe:

    Ministerpräsident Horst Seehofer hat in seiner Regierungserklärung im November 2013 das Ziel vorgegeben, Bayern solle bis 2023 im öffentlichen Raum und im kompletten ÖPNV barrierefrei werden.

  • Service:

    An Knotenbahnhöfen, die nicht barrierefrei ausgebaut sind, also z. B. in Schwandorf, Weiden oder Cham, ist die Mithilfe des örtlichen Service-Personals beim Ein-, Aus- oder Umstieg erforderlich.

  • Vorlauf:

    Um die Unterstützung sicherzustellen, muss die Fahrt unbedingt zuvor bei der MobiServ-Zentrale der DB unter der Nummer (01806) 512512 mit mindestens einem Werktag Vorlauf angemeldet werden. (fu)

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