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Bildung

„Geeignete Schüler sollen ans Gymnasium“

Günter Jehl ist Bezirksvorsitzender der Direktorenvereinigung. Im Gespräch mit der MZ hat er die aktuelle Debatte kritisch beleuchtet.
Elisabeth Hirzinger

Günther Jehl leitet das Ortenburg-Gymnasium in Oberviechtach. Foto: Archiv

Schwandorf.Günter Jehl leitet das Ortenburg- Gymnasium in Oberviechtach und ist Bezirksvorsitzender der Direktorenvereinigung. Im Gespräch mit der MZ hat er die G8-/G9-Diskussion beleuchtet und einen kritischen Blick auf die Entwicklung der Gymnasien geworfen. Große Sorgen macht ihm das Land-Stadt-Gefälle.

Vom G8 zum G9 und wieder zurück, oder doch nicht. Ist das achtjährige Gymnasium nach unzähligen Kurskorrekturen im Laufe der vergangenen Jahre vielleicht doch nicht der Weisheit letzter Schluss?

„Man kann die Studierfähigkeit in acht und in neun Jahren erreichen.“

Die Frage ist nur, was für die Schüler besser ist ...

„Was besser ist, darüber lässt sich trefflich diskutieren. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Situation für die Schüler bestimmt nicht verschlechtern wird, wenn es Veränderungen gibt. Schlecht ist nur, wenn dauernd der Eindruck entsteht, dass da keine Ruhe reinkommt.“

Den meisten Eltern dürfte nicht mehr präsent sein, warum vor zehn Jahren das G8 eingeführt wurde. Das war doch wohl kaum, weil die Schüler im neunjährigen Gymnasium nicht ausgelastet waren?

„Die Einführung des G8 hatte allein demografische Gründe. Die Schüler sollten früher die Hochschulreife erlangen, damit sie dem Arbeitsmarkt früher und länger zur Verfügung stehen.“

Auch zehn Jahre nach der Einführung des G8 sind die Kritiker nicht verstummt. Vor allem Eltern klagen immer noch, dass zu wenig Zeit zum Üben und zum Vertiefen des Stoffs bleibt. Ist das Jammern auf hohem Niveau, oder täte es den Gymnasiasten doch gut, wenn sie mehr Zeit für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit hätten?

„Sollte man zum neunjährigen Gymnasium zurückkehren, würde mich persönlich das freuen, weil die Schüler dann mehr Zeit zur Reife hätten. Das G9 könnte ein bewusster Gegenpol zu unserer schnelllebigen Zeit sein.“

Sie sehen die Jungen als die Verlierer des G8. Warum?

„Das ist einfach zu erklären: In der Altersstruktur der Schüler in der Mittelstufe sind die Mädchen im Vergleich zu den Jungen zwei Jahre weiter. Sie können gewisse Lerninhalte, die eine entsprechende Reifeentwicklung voraussetzen, wenn man sie verarbeiten will, besser verarbeiten. Für die Jungen ist die Verkürzung der Gymnasialzeit deshalb ein spürbarer Nachteil, das hat die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt.

Wie hoch ist im G8 der Anteil der Schüler, der die Ziele der Allgemeinen Hochschulreife mit einem guten bis sehr guten Ergebnis erreichen kann?

Das Modell des Bayerischen Philologenverbandes geht – sicherlich richtig – davon aus, dass es Schüler gibt, die ohne Probleme nach acht Jahren (sehr) erfolgreich die Allgemeine Hochschulreife erlangen können. Ob das nun 20 oder 30 Prozent oder mehr sind, ist schwer zu sagen, weil es jahrgangsstufenspezifische oder regionale Schwankungen gibt.

Apropos regionale Schwankungen. Wie erklären Sie sich die unterschiedlichen Übertrittsquoten ans Gymnasium von ca. 25 Prozent im Landkreis Schwandorf und im Schnitt 60 Prozent in München?

„Mir persönlich geht es nicht vorrangig um die Quoten, wobei bei uns noch Luft nach oben ist, während die Übertrittsquote in München nach meiner Überzeugung zu hoch ist. Viel wichtiger wäre es meiner Ansicht nach, wenn die Kinder wieder verstärkt die für sie am besten geeigneten Schularten besuchen würden.

Sie spielen darauf an, dass immer mehr Grundschüler mit einem Einser-Schnitt im Übertrittszeugnis an eine Realschule wechseln. Hat das Schulsystem, das angeblich alle Kinder nach ihrem Leistungsvermögen und ihren Begabungen am besten fördert, hier versagt?

„Leider wird das bewährte System des gegliederten Schulwesens immer mehr geschwächt, durch ideologische Forderungen, die durch keine wissenschaftlichen Studien belegbar sind, durch verbandspolitische Forderungen, die wenig bis gar nichts mit den Schülern zu tun haben, durch Angst bei der Schulwahl und durch zeitgemäße Verhaltensweisen.“

Was meinen Sie mit zeitgemäßen Verhaltensweisen?

„Dass immer mehr Eltern mittlerweile den Weg des geringsten Widerstandes gehen.“

Wie kann man dieser Entwicklung gegensteuern?

„Indem man die Eltern von für das Gymnasium geeigneten Kindern zum Übertritt an ein Gymnasium ermutigt.

Was sagen Sie Eltern, die angesichts der G8-/G9-Diskussion verunsichert sind?

„Dass die Situation für die Schüler jetzt schon gut ist und bestimmt nicht schlechter wird.“

Wenn Sie bestimmen dürften, welche der im Raum stehenden Varianten würden Sie favorisieren?

„Ich favorisiere ein Gymnasium, das auf die Erfordernisse der Zeit und der Gesellschaft bestmöglich eingestellt ist, um eine qualitativ hochwertige Studierbefähigung zu bescheinigen, die auch mit einem hohen Reifegrad verbunden ist.“

Also ein neunstufiges Gymnasium?

„Ketzerische Antwort: Wollte man in der jetzigen, medienintensiven Zeit ein Bildungsniveau wie vor 30 Jahren erreichen, müsste man ein G10 einführen.“

Bleiben wir bei der Realität. Was würde die Rückkehr zum G9 für Sie als Schulleiter bedeuten?

„Je nach Modell wieder viel Arbeit, wie in den letzten zehn Jahren auch. Bei einer Verbesserung der pädagogischen Rahmenbedingungen und mehr Akzeptanz in der Gesellschaft sowie in den Medien allerdings auch noch mehr persönliche Freude.“

Wäre eine Paralleleinführung von G8 und G9, wie sie die Freien Wählern fordern, überhaupt umsetzbar?

„Das kann ich mir nur an Gymnasien mit deutlich über 1000 Schülern vorstellen. Dann würde es sich um zwei Schulen in einem Gebäude handeln. Aber auch hier greifen bloße Begrifflichkeiten zu kurz. Ein Parallelangebot von G8 und G9 könnte bedeuten, dass alle Schüler eine gemeinsame Unterstufe in drei Jahren, eine gemeinsame Oberstufe in zwei Jahren und in der Mittelstufe zwei getrennte Züge durchlaufen. Vielleicht wäre dann eine Realisierung auch an kleineren Schulen denkbar.

Noch ist ja keine Entscheidung gefallen ...

„... wofür ich dankbar bin. Ein politischer Schnellschuss wäre falsch gewesen.“

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