MyMz
Anzeige

Die Stallpflicht endet – der Ärger nicht

Der Vogelgrippe-Virus ist eingedämmt. Schwandorfer Tierschützer und Geflügelzüchter fordern einen anderen Umgang mit ihm.
Von Reinhold Willfurth

Jetzt dürfen sie wieder: Hühner, Enten (Foto), Gänse und Puten können wieder an die frische Luft und ans Wasser.
Jetzt dürfen sie wieder: Hühner, Enten (Foto), Gänse und Puten können wieder an die frische Luft und ans Wasser.Foto: Patrick Pleul/dpa

Schwandorf. Das Landratsamt Schwandorf hat am Freitag die Pflichtmaßnahmen gegen die Ausbreitung der Vogelgrippe zurückgenommen – fast auf den Tag genau vier Monate nach Erlass der „Allgemeinverfügung“. Damit endet auch die Leidenszeit für viele Tausend Hühner, Enten, Tauben und anderes Hausgeflügel, die seit dem 18. November teilweise auf engem Raum eingesperrt werden mussten. Sie dürfen seit gestern wieder frische Luft schnuppern oder ihren ureigenen Lebensraum am und im Wasser in Beschlag nehmen.

Die wärmeren Temperaturen der letzten Wochen haben die Abwehrkräfte der Tiere gestärkt und so dem gefürchteten HN5-Virus keine Chance mehr gelassen. Am 3. März sei zuletzt ein verdächtiger Kadaver gefunden worden, sagte Franz Pfeffer, stellvertretender Sprecher des Landratsamts. Erstmals war Pfeffer zufolge am 19. Januar ein toter Wildvogel aufgefunden worden, der Anzeichen einer Infektion trug. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Erlangen untersuchte 58 aus Schwandorf eingesandte Kadaver.

„Das war sicher Tierquälerei“

Die viermonatige Stallpflicht bedeutete für die Tiere enormen Stress. Karl-Heinz Welnhofer, Kreisvorsitzender des Geflügelzuchtverbands, findet deutliche Worte: „Das war mit Sicherheit Tierquälerei“. Vor allem für Wassertiere wie Gänse oder Enten sei das monatelange Wegsperren eine einzige Tortur gewesen. Verschärft habe sich die Situation in den vergangenen Wochen durch den Beginn der Brunftzeit. Da würden die Tiere noch aggressiver als sie ohnehin durch die lange Dauer des Eingesperrtseins geworden seien. Welnhofer hat Fotos von Erpeln, die sich „ganz, ganz böse Verletzungen“ zugefügt hätten und „die ich gar niemanden zeigen kann“.

„Das war mit Sicherheit Tierquälerei.“

Karl-Heinz Welnhofer, Kreisvorsitzender des Geflügelzuchtverbands

Für den Züchter steht fest: „Die Geflügelpestverordnung muss umgearbeitet werden“. Quarantänen sollten seiner Meinung nach nur mehr dort verfügt werden, wo nachweislich Fälle von Vogelgrippe aufgetaucht seien. Das rigorose Vorgehen des bayerischen Umweltministeriums stößt die Geflügelzüchter besonders vor den Kopf. Alle Landtagsabgeordneten erhielten derzeit Post von den Züchtern mit der dringenden Bitte, etwas zu ändern. Auch eine Petition ist unterwegs. Wie viele seiner Kollegen fürchtet Karl-Heinz Welnhofer um das geliebte Hobby. „Wenn das im Herbst wieder losgeht und wir keine Märkte veranstalten können, ist unser Hobby in Gefahr“, sagt der Züchter und verweist darauf, dass er und seine Kollegen die einzigen seien, die alte Rassen wie das deutsche Reichshuhn für die Nachwelt erhielten.

Protest teils unter der Gürtellinie

Nicht nur Geflügelzüchter sind sauer auf das Vorgehen der Behörden. Die Keulung von über 200 Tieren des Wildparks Höllohe in Teublitz hat bei vielen Tierfreunden Entsetzen verursacht – und manche haben sich in ihrem Protest im Ton vergriffen, wie die teils unter die Gürtellinie gehenden Attacken in den sozialen Medien auf Landratsamt und Tierschutzverein zeigten. Seitdem unser Medienhaus darüber berichtet hat, seien die Angriffe merklich weniger geworden, sagt Franz Pfeffer. Das Landratsamt sei auch der falsche Adressat für die Proteste: „Wir sind nur die ausführende Behörde“. Und die Bediensteten seien froh, dass mit den steigenden Temperaturen auch die Vogelgrippe verschwindet. Denn auch die ständig arbeitende Einsatzgruppe im Landratsamt sei seit November unter Dauerstress gestanden.

„Wenn das im Herbst wieder losgeht und wir keine Märkte veranstalten können, ist unser Hobby in Gefahr.“

Karl-Heinz Welnhofer, Kreisvorsitzender des Geflügelzuchtverbands

Für die professionellen Geflügelhalter waren die vergangenen vier Monate weit weniger anstrengend. Betriebe wie etwa der von Hans Obermeier in Burglengenfeld oder Rudolf Butschbach aus Nefling bei Neunburg verkaufen Eier aus Bodenhaltung, das heißt, ihre Hühner leben ohnehin ständig im Stall.

Auf dem Markt für Geflügel könnte es aber in diesem Jahr Probleme ganz anderer Art geben. Reinhard Meßmann aus Schwarzenfeld fürchtet, dass er im Sommer keine oder zu wenig Küken für seine Gänse- und Entenzucht bekommen wird. Der Grund: Viele Muttertiere seien in ganz Europa gekeult worden.

Dass sich diese Knappheit auch auf die Verbraucherpreise auswirken werden, davon ist Geflügelhändler Peter Wiendl aus Neuenschwand überzeugt. „Die Nachfrage ist nach wie vor groß, aber das Angebot wird kleiner werden“.

Weitere Nachrichten aus dem Kreis Schwandorf lesen Sie hier.

Vier Monate Quarantäne

  • Vorsichtsmaßnahme:

    Per Allgemeinverfügung verfügte das Landratsamt am 18. November 2016 eine Stallpflicht und das Verbot von Geflügelschauen und -märkten. Das Landratsamt war vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz dazu angehalten, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.

  • Der Ausbruch:

    Ausgebrochen ist die Vogelgrippe im Landkreis Schwandorf Ende Januar. 28 der 58 untersuchten Kadaver trugen eine Infektion mit den gefährlichen, weil leicht übertragbaren Virentypen HN5-1 oder -8. Im Freizeitpark Höllohe wurden am 7. Februar 210 Tiere gekeult.. (fu)

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht