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Botanik

Ein Paradies mitten in der Oberpfalz

Lothar Maurers Garten in Bruck im Kreis Schwandorf ist ein Meisterwerk der Natur. Der Italien-Fan hat aber nachgeholfen.
Von Marion Lanzl, MZ

Das Gesicht des Gartens spiegelt die Seele des Gärtners wider.
Das Gesicht des Gartens spiegelt die Seele des Gärtners wider. Foto: Lanzl

Bruck.Gott erschuf den Garten Eden „im Osten“, so steht es geschrieben. Von „allerlei Bäumen und prächtigen Pflanzen“ ist im Buch der Bücher die Rede, „begehrenswert anzusehen und gut zur Nahrung für Körper und Geist“. Ein kleines Stück dieses Paradiesgartens liegt mitten in Bayern, das sagen jedenfalls alle, die schon einmal in Lothar Maurers Garten in Bruck in der Oberpfalz zu Besuch waren.

In der heutigen Zeit gilt das Paradies eher als Sehnsuchtsort, geografisch nicht zu lokalisieren und für viele auch losgelöst von religiösen Vorstellungen, ganz nach eigenem Gusto. Jeder sucht seinen Garten Eden woanders, wir fanden ihn mitten in der Oberpfalz. Para dirza – persisch für jenseits der Mauer – davon ist das Wort Paradies wohl abgeleitet.

Tatsächlich liegt unser Paradiesgarten hinter einer zweieinhalb Meter hohen Bruchsteinmauer, die den Garten zum Sulzbach umschließt. Einst Teil der wehrhaften, 15 Fuß hohen Marktmauer, die den kleinen Ort seit den 1630er Jahren umgab, schützt sie heute vor den Blicken Fremder. Reste der ehemals zwölf Türme sind beim Rathaus und beim sogenannten Regensburger Tor noch erhalten und zeugen vom einstigen Handelsfleck auf der legendären Salzstraße von Regensburg nach Prag.

Die dicken Wände hätten viel zu erzählen

Das Tor zum Garten der Träume
Das Tor zum Garten der Träume Foto: Lanzl

In den Pionierjahren des internationalen Handels wurde der Ort „an der Brugge“ gegründet und hat im Lauf der Jahrhunderte sowohl die Vor- als auch die Nachteile der strategischen Lage immer wieder zu spüren bekommen. Vom Wegezoll, den man erhob, war freilich gut leben, die Verwüstungen aber, die die Schweden auf ihrer Durchreise im 30-jährigen Krieg hinterließen, zerstörten den kleinen Ort komplett, mühsam rappelte er sich über Jahrzehnte wieder auf. In jener Zeit ist auch das große, ehrwürdige Haus des Anwesens entstanden, das für viele Generationen als Forst- und Pflegamt diente. Jene Pfleger hatten, eingesetzt vom Landesherren, die hohe Strafgerichtsbarkeit inne und machten davon auch regen Gebrauch.

Eine wechselhafte Geschichte haben die dicken Sandsteinwände in jedem Fall erlebt, der alte Gewölbekeller spricht Bände. 1889 erwarb das stattliche Anwesen der Urgroßvater Lothar Maurers, Josef Meisl, ein Brauereibesitzer und Großbauer. Seither ist das Anwesen in Familienbesitz, bald in sechster Generation. Der Garten, hinter dem stattlichen Krüppelwalmgebäude aus dem 16. Jahrhundert, war einst zur Versorgung des Herrenhauses gedacht und wurde auch noch in den kargen Nachkriegsjahren und bis in die 1960er Jahre hinein zum Obst- und Gemüseanbau genutzt.

Das Forst- und Pflegeamt

  • Das Pflegamt Bruck

    wurde 1007 dem Hochstift Bamberg geschenkt, zu dem auch die Eigenklöster Prüfening und Ensdorf gehörten.

  • Das Kloster Prüfening

    hatte hier im 14. Jahrhundert eine Eigenkirche (Kolonenkirche), aus der dann die Pfarrkirche Bruck entstand.

  • 1443 wurden

    das Pflegamt und der Markt vom kinderlosen Pfalzgraf Johann zusammen mit dem Teilfürstentum Pfalz-Neunburg-Neumarkt an König Christoph von Dänemarkt, Schweden und Norwegen verkauft.

  • Das Pfleghaus wurde

    auch „Schlössl“ genant und 1553 mit der daran gelegenen Hofstatt an Hans Pirkl, Bürger zu Bruck, für 412 Gulden verkauft.

  • Nach zahlreichen

    weiteren Verkäufen, Verpfändungen, Vererbungen wurde das Pflegamt Bruck mit all seinen Niedergerichtsbarkeiten 1621 dem Fürstentum Kur-Oberpfalz, der Kurpfalz und 1628 Kurbayern einverleibt.

  • Nach dem 30-jährigen Krieg

    wurde das Amt in Bruck aus Kostengründen dem Pflegamt Wetterfeld einverleibt.

Das ist lange her und die Zeiten haben sich geändert. Der alte Birnbaum mit der „guten Braunen“ ragt nur noch als dürres Skelett aus dem prächtigen Garten, zärtlich umrankt von tiefblauem Klematis und fast schon verdeckt von üppig blühender Klettertrompetenblume. „Seine Äste hingen einst voll Früchte, bis fast zum Boden, fast wie eine Laube und meine Eltern saßen darunter. Der Vater hat gelesen, die Mutter hat gestrickt“, erzählt der Herr des Gartens, Lothar Maurer. „Ich dachte immer, ich sitz im Alter da auch mal und schreibe meine Memoiren“, meint er lächelnd.

Doch zum Geschichten schreiben bleibt dem 76-Jährigen keine Zeit. Das Paradies, das er in dem einstigem „Gefängnisgarten“ geschaffen hat, verlangt tägliche Hege und Pflege. Täglich verbringen er und seine Frau Ingrid Stunden mit der Gartenarbeit. Die über 30 Töpfe wollen gegossen, der samtig dicke Rasen gemäht und die mannshohen Hecken geschnitten werden. Die Liebe zum Garten machte den belesenen Mann zum halben Botaniker, der aus dem schmucklosen Nutzgarten, über viele Jahrzehnte, ein begehbares Gemälde schuf. Gibt es auch heute nicht mehr so viele Früchte zu ernten, so ist der Garten doch eine Labsal für Auge und Geist, denn hier schlummert ein Kleinod, das seinesgleichen sucht.

Eine florale Offenbarung

Jede Rose, jeden Busch und jede Zypresse hat der Italien-Fan selbst gepflanzt, viele als Fechser von den Reisen mitgebracht. Jeden romantischen Bogen, die weinbewachsene Pergola und den orientalischen Pavillon hat er mit eigenen Händen gebaut. Der gelernte Konditor zauberte zu seiner Meisterprüfung 1956 den Eiffelturm aus Schokolade und Makronenteig, diese Liebe zu fernen Ländern zeigt sich heute im gesamten Garten. So manche Reise hat den begeisterten Heimwerker zu den magischen Ecken in seinem Reich inspiriert.

Pavillon – von Indien inspiriert
Pavillon – von Indien inspiriert Foto: Lanzl

Bei diesem mediterranen Flair, könnte man glauben, der Garten läge nicht in Ostbayern, sondern direkt am Mittelmeer: Sehnsuchtsvoll blickt hier die Nike morgens über den erwachenden Garten. Hier hat Maurer, nomen est omen, seine Italien-Sehnsucht in Stein und eine florale Offenbarung verwandelt. Die Handschrift des Gärtners ist überall zu sehen, das Gesicht des Gartens spiegelt seine Seele wider. Dazu gehören auch der Schwarm Spatzen und ein Taubenpärchen, die sich täglich zum Frühstück, vor der toskanischen Loggia einfinden. Das Spektakel ist filmreif und wird stets mit einem Bad im Seerosenteich gekrönt. Auch die geflügelten Gäste lieben den Garten und auch für sie gibt es keine Vertreibung aus diesem Paradies.

Wenn Schatten, Licht und Düfte den Gast in Empfang nehmen und zwischen der Pergola und dem Magnolienstrauch das Wasser aus Bacchus’ Mund gurgelt, setzen Putten und Büsten mit Patina das Jetzt in eine andere Welt. Das florale Geschöpf einer leidenschaftlichen Liebe nimmt jeden gefangen, weiße Bänke laden in verträumten Winkeln zum Verweilen ein und bieten schattigen Platz für den Nachmittagskaffee. Den trinkt das alte Paar, sie sind seit über 50 Jahren verheiratet, täglich um halb vier, unter dem efeuumrankten Apfelbaum.

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