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Rudi Sommer und der Widerstand

Der Brucker Grüne berichtet, wie aus ihm wegen der WAA ein politischer Mensch wurde. Heute setzt er sich für Flüchtlinge ein.
Von Marion Lanzl

  • Damit hatten „die Oberen“ in München nicht gerechnet: Die Oberpfälzer wehrten sich gegen die WAA, unter ihnen viele Brucker. Foto: Mehltretter
  • Auch beim Aufbau dieser Protesttafel half Rudi Sommer Foto: Mehltretter

Bruck.Als Franz-Josef Strauß in den 1980er Jahren den Oberpfälzern die Wiederaufarbeitungsanlage aufdrücken wollte, steckte die Umweltbewegung noch in den Kinderschuhen. Doch das sollte sich schnell ändern. Bürgerinitiativen formierten sich rasch; die Pro-Atomenergie-Politik des damals unantastbaren Landesvaters rief die Jugend auf die Barrikaden. Selbst viele bis dahin eher unpolitische Zeitgenossen muckten auf. Und so entstanden in diesen Jahren auch die Grünen. Der Wahl-Brucker Rudi Sommer war von Anfang an dabei.

Aufgewachsen bei Regensburg und fasziniert von Petra Kelly, der Galionsfigur der neuen Umweltbewegung, führte sein Weg über Brucker Freunde direkt zur Problematik der geplanten WAA in Wackersdorf. Vom Elternhaus schon ökologisch geprägt, kannte Rudi den Stoffkreislauf im Garten. „Aus Scheiße wird Erde und davon leben wir, um es kurz zu sagen“, lacht der heutige Ortsvorsitzende der Ökopartei.

Dass die Wiederaufbereitung von Kernbrennstäben in einer WAA alles andere als ein natürlicher Kreislauf war, lag für ihn klar auf der Hand: „Wenn aus den Kaminen radioaktive Wolken und Abgase kommen und das Grundwasser radioaktiv verseucht werden kann, ist das kein Vorgang ohne schädliche Nebenwirkungen, auch wenn die damaligen CSU-Vertreter beständig das Gegenteil behaupteten“, wiederholt Sommer seine Argumentation.

Bilder vom Kampf gegen die WAA Wackersdorf:

25 Jahre Baustopp der WAA

Der vergilbte Abdruck seines ersten Leserbriefes an eine Tageszeitung 1983 zu diesem Thema, liegt in Rudis Akten oben auf. 1984/85 wurden er und seine Freunde Albert Schaftner und Angelika Schikora zu den drei Sprechern der BI Bruck gewählt. Auch Georg Mehltreter und Walter Winkler und viele andere waren hier stark engagiert. Anfangs gab es Zweifel in der Bevölkerung, denn die Macht der Regierenden war fest in den bayerischen Köpfen verankert. Doch stärker als der Einfluss der Obrigkeit, war der Widerwille gegen die Unterdrückung. Immer mehr Brucker schlossen sich der Bürgerinitiative an. Auf einem großen Schild, aufgestellt am Ortseingang, war klar deklariert: „Unser Markt will keine WAA in Wackersdorf“. In meist wöchentlichen Sitzungen wurden die Informationen auf den neusten Stand gebracht und über die Presse an die Bevölkerung weiter gegeben.

Glauben an Rechtsstaat verloren

Die besseren und einleuchtenden Argumente waren klar auf der Seite der WAA-Gegner. Trotzdem wurde von ganz oben die Genehmigung zum Beginn der Baumaßnahmen erteilt. „Man verlor dabei den Glauben in den Rechtsstaat“, bringt es Rudi Sommer auf den Punkt. 1985 also setzte die Staatsregierung die Rodung im Taxöldener Forst durch. „Dabei gelang es einigen Leuten, eine Art Aussichtsturm zu errichten. Dieser „Turm des Widerstands“ wurde als Schwarzbau tituliert und ohne rechtliches Gehör abgerissen. Die heiße Phase war damit eingeleitet, der Widerstand wuchs – und wurde körperlich.

Die Sonntagsspaziergänge entstanden, ein Ritual des Widerstandes. Teilnehmer waren nicht, wie in dem von der Regierung gern verbreiteten Vorurteil, „angereiste Chaoten“, sondern fast ausschließlich Menschen aus der betroffenen Gegend. „Die Berichterstattung vieler Medien war damals genau wie heute auf spektakuläre Aktionen ausgerichtet, so dass der Eindruck entstehen musste, vor Ort wären überwiegend militante Chaoten aktiv“, empört sich Sommer noch heute. Und er zieht eine Parallele zur heutigen Flüchtlingsdebatte. Sein Rat an alle: „Den Überblick behält man nur, wenn man sich persönlich vor Ort engagiert.“

Die Situation am WAA-Gelände eskalierte immer stärker, von Besetzung und Bürgerkrieg war die Rede. 1985 und 1989 gehörten Verhaftungen, Demonstrationsverbote, Hausdurchsuchungen und der Einsatz großer Polizeiverbände aus dem gesamten Bundesgebiet und des Bundesgrenzschutzes zum täglichen Leben in der Region. Eine Durchsuchung mit rund vierzig Polizisten fand damals auch bei Rudi Sommer statt, nur weil ein paar Leute aus Heidelberg bei ihm übernachteten und das Kfz-Kennzeichen der Polizei nicht geheuer war.

Bilder vom Kampf gegen die WAA Wackersdorf:

„WAA – drei Buchstaben, zwei Meinungen“

Es ist Menschen, wie Rudi Sommer und seinen Mitstreitern zu verdanken, dass sich die damalige Regierung mit den Plänen zur WAA nicht durchsetzen konnte. „Letztlich kam den Betreibern die Anlage hier zu teuer, und sie zogen zurück. Auch der Tod von Franz-Josef Strauß war freilich mit ausschlaggebend“, meint Sommer. Der Super-Gau von Tschernobyl führte den Menschen 1986 endgültig vor Augen, wie gefährlich die Technologie war und trieb so wieder Zigtausende auf die Straße und die Pläne zur WAA Wackersdorf endgültig ins Aus.

Parallele zur Flüchtlingsdebatte

Der Mann, der sich damals so vehement gegen die Wiederaufbereitungsanlage eingesetzt hat, ist heute mit derselben Überzeugung und großem Engagement auf der Seite der Flüchtlingshilfe aktiv. Auch diese Hilfe kostet viel Zeit, Zeit, die jedem so kostbar ist. Doch ebenso kostbar seien die einzelnen Menschen, die unter dem Begriff Flüchtling so abstrakt und unwirklich klingen, meint Sommer: „Es sind Leute wie Du und ich; Familien, junge Menschen, Kinder, die hier eine Chance suchen und sich auch anpassen wollen. Man muss ihnen aber auch die Chance dazu geben.“ Sommer rät der Gesellschaft dazu, den Asylbewerbern die Hand zu reichen, sie aufzunehmen in die Gemeinschaft und ihnen vorzuleben, „wie dies und das bei uns läuft“. Dann könnten auch sie früher oder später ein wichtiger und nützlicher Teil unserer Gesellschaft werden.

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Die Ausstellung wandert

  • Die Macht der Bilder:

    Was geschah damals am Bauzaun der WAA? Wer waren die „Guten“, wer die „Bösen“? Die Staatsregierung unter Franz-Josef Strauß versuchte, Demonstranten zu verunglimpfen, überharte Polizeieinsätze führten bei der Bevölkerung zu Verbitterung – und verstärkten die Gegenwehr.

  • Zu sehen in Weiden:

    Von Oktober 2013 bis März 2014 waren im Schwandorfer Rathaus Bilder zu sehen, die einen authentischen Eindruck von dem vermittelten, was sich seinerzeit im Taxöldener Forst wirklich zugetragen hat. Erst dieser Tage wurde das Material nach Weiden abtransportiert, wo in Kürze erneut eine Ausstellung eröffnet werden soll.

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