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Protest

Der „König von Deutschland“ kam zu Fuß

Anekdoten vom AntiWAAhnsinnsfestival 1986: Rio Reiser flog aus dem Taxi und Udo Lindenberg zeigte seine Reizwäsche.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Hochkarätiges Treffen: Campino von den Toten Hosen (l.) plauscht mit Udo Lindenberg (2. v.r.) und Wolfgang Niedecken von BAP (r.).
Hochkarätiges Treffen: Campino von den Toten Hosen (l.) plauscht mit Udo Lindenberg (2. v.r.) und Wolfgang Niedecken von BAP (r.). Foto: dpa-Archiv

Burglengenfeld.Udo Lindenberg, Rio Reiser, Purple Schulz, Herbert Grönemeyer, BAP – es ist die erste Garde der deutschen Musikszene, die an diesem 26. Juli 1986 nach Burglengenfeld reist. Auch ein paar junge Männer mit Punkfrisuren schlagen ihre Zelte auf und hängen ein Schild darüber. „Willkommen im Hosen-Hotel“. „1986 kannte ‚Die Toten Hosen‘ noch kein Mensch“, sagt Musikjournalist Bernd Schweinar, der damals für das Verlagshaus der Mittelbayerischen Zeitung vom Ort des Geschehens berichtete. Es ist ein Wochenende, wie es die Oberpfalz musikalisch noch nicht erlebt hatte – und danach nicht mehr erlebte. Bis heute ist das 5. Anti-WAAhnsinnsfestival die zweitgrößte Musikveranstaltung, die jemals in Deutschland stattfand.

BAP lieferte die Initialzündung

Ein Kontakt zum Management der Gruppe BAP war die Initialzündung, die dafür sorgte, dass sich so viele bekannte Künstler an diesem sonnigen Wochenende auf den Weg in die Oberpfalz machten. Der Widerstand gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage für Kernbrennstäbe in Wackersdorf hatte ihren Höhepunkt erreicht. Vier Monate zuvor hatte sich in einem Atomkraftwerk in Tschernobyl ein Super-GAU ereignet. Und da war dieser kleine Burglengenfelder Verein mit dem sperrigen Namen „Verein zur Förderung kultureller Jugendarbeit in Europa“, der Geld sammelte, um den Widerstand gegen die Atomkraft zu stärken. „Den Namen konnten sich damals nicht viele merken. Er war aber notwendig, um eine Basis für die Organisation des Festivals zu finden“, sagt Walter Dürr, der damals mit Renate Reichel und Arthur Theisinger an vorderster Front arbeitete.

Bei einem Konzert hatten Dürr und seine Mitstreiter den Manager von BAP kennengelernt und von dem geplanten Festival erzählt. Als Wolfgang Niedecken und seine Band tatsächlich zusagten ohne Gage aufzutreten, löste dies eine Art Dominoeffekt aus. Es passierte etwas, was sich die Veranstalter so niemals erträumt hätten. Der Benefizgedanke elektrisierte die Elite der deutschen und österreichischen Kulturschaffenden. Es boten sich so viele Künstler an, dass das Festival vier oder fünf Tage hätte dauern müssen, um alle auftreten zu lassen, erinnert sich Dürr.

Einen Dokumentarfilm der Regisseure Helge Cramer, Uwe Heitkamp, Michael Herl und Christian Wagner aus dem Jahr 1986 sehen Sie hier:

WAAhnsinn – Der Wackersdorf-Film from Van Nameless on Vimeo.

Udo Lindenberg hatte sofort zugesagt, als ihm die Idee präsentiert wurde. Er hatte Anfang der 1980er Jahre den Song „Wozu sind Kriege da“ aufgenommen und mit dem „Sonderzug nach Pankow“ einen seiner größten Erfolge verbucht. Sein Engagement in der Protestkultur wurde allerdings seinen Musikern zu viel. „Die müssen auch mal Geld verdienen“, erklärte Lindenberg. So reiste der Sänger ohne Panikorchester an und ließ sich von der Polizei die „Reizwäsche durchgucken“, wie er sich später bei der Presse beschwerte. Auf der Bühne übernahm die Band BAP die musikalische Begleitung von Lindenberg. Nur eine von vielen einmaligen Momenten, die das Festival bot.

Rio Reiser hatte das Pech, dass ihn seine von den Polizeikontrollen entnervte Taxifahrerin 15 Kilometer vor dem Ziel aus dem Auto warf. So lief der „König von Deutschland“ zu Fuß zum Lanzenanger. Bei der improvisierten Pressekonferenz schnodderte er den Journalisten dann entgegen: „Wir wollen mit den Regensburger Domspatzen gemeinsam am Bauzaun singen“ und Grönemeyer soll ergänzt haben: „weil das die einzigen sind, die da rüberfliegen können.“

Grönemeyer nörgelte

Ein Journalist der „Zeit“ fasste seine Eindrücke damals so zusammen: „Wolf Maahn hat ein Lied ‚Tschernobyl’ geschrieben. BAP und Grönemeyer kriegen den meisten Beifall. Sie machen keine besondere Musik, aber die machen sie besonders gut.“ Dass unter den Künstlern zwar gemeinsame Sache gemacht wurde, aber hinter der Bühne längst nicht alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ war, daran erinnert sich Bernd Schweinar. „Wer genau mit wem ein Problem hatte, das kriege ich heute, nach 30 Jahren, aber nicht mehr zusammen.“ Campino, Sänger der „Toten Hosen“ sagte über das Aufeinandertreffen: „Wir haben Schwierigkeiten gehabt mit diesen Rockleuten. Wir hatten mit den Bands bisher nichts zu tun gehabt und fanden die auch alle scheiße. Aber es gab bei diesem Festival das erste Mal eine Sache, für die gemeinsam gekämpft wurde.“

Künstlerstimmen zum „WAAhnsinns-Festival –eine Bildergalerie:

Künstlerstimmen zum "WAAhnsinns-Festival"

Schwierig sei es vor allem mit Grönemeyer gewesen, erinnert sich Dürr. Der hatte darauf bestanden, dass sämtliche Künstler in gleicher Schriftgröße auf den Plakaten abgedruckt werden müssen, was einen Nachdruck erforderte. Nach dem Festivals gab er zudem Interviews, in denen er die Veranstaltung als dillettantisch abtat. Darüber ärgert sich Dürr bis heute.

Das 5. Anti-WAAhnsinnsfestival blieb ein einzigartiges Projekt in der Pop- und Protestkultur. „In vieler Hinsicht ein Fest der Superlative“, resümierte damals MZ-Autor Heinz Klein.

Lesen Sie hier: Im Juli 1986 kam die erste Garde der deutschen Musikszene in die Oberpfalz, um den Protest gegen die WAA zu unterstützen. Weitere Nachrichten aus der Oberpfalz finden Sie hier.

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