MyMz
Anzeige

Geschichte

Ein WAAhnsinnig wichtiges Fest

Im Juli 1986 kam die erste Garde der deutschen Musikszene in die Oberpfalz, um den Protest gegen die WAA zu unterstützen.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Der Verwaltungsgerichtshof München hatte das Gelände für 40 000 Besucher freigegeben – am Ende waren es über 100 000, die das größte Musikfest in der Geschichte der Oberpfalz feierten.
Der Verwaltungsgerichtshof München hatte das Gelände für 40 000 Besucher freigegeben – am Ende waren es über 100 000, die das größte Musikfest in der Geschichte der Oberpfalz feierten. Foto: Bernd Schweinar

Burglengenfeld.Vor ein paar Tagen ist der Musikjournalist Bernd Schweinar in seinen Keller hinuntergestiegen. Dort, wo bayerische Ministerpräsidenten mit ihren Modelleisenbahnen zu spielen pflegen, bewahrt der Geschäftsführer des Verbands für Popkultur in Bayern seine Schätze auf. In den Kisten voller Negativstreifen ist auch das bedeutendste Musikfestival der Oberpfalz dokumentiert. Schon vor fünf Jahren hat Schweinar das Material digital aufbereitet. Nun, zum 30. Jubiläum des 5. Anti-WAAhnsinnsfestivals, hat er weitere Dokumente des legendären Wochenendes auf dem Burglengenfelder Lanzenanger zutage gefördert: Presseartikel, das unbeschädigte Einlassticket, den Presseausweis mit der Nummer 1 und die Fotografenakkreditierung. Nur der Durchfahrtsschein, der ihm die Zufahrt zum Festivalgelände ermöglichte, ist noch nicht aufgetaucht, bedauert Schweinar.

Festivalfilm wird gezeigt

Jetzt zum Jubiläum kramt nicht nur Schweinar in seinen Erinnerungen. Auch die Stadt Burglengenfeld zeigt an diesem Donnerstag noch einmal den Dokumentarfilm „WAAhnrock“ (20 Uhr, Bürgertreff am Europaplatz). Mehr als 100 000 Menschen kamen am 26. und 27. Juli 1986 auf das rund 16 Hektar große Gelände um Musiker wie BAP, Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer oder Haindling und Wolfgang Ambros zu hören. Renate Reichel, die damals zum Organisationsteam gehörte, hatte angeregt, den Film zum Jubiläum zu zeigen. „Es ist wichtig an diese Zeit zu erinnern, das soll nicht in Vergessenheit geraten.“ Es gebe heute junge Menschen, die gar nicht mehr wüssten, dass einmal eine so bedeutende Veranstaltung in Burglengenfeld stattgefunden hat. Eine Veranstaltung, die die bayerische Staatsregierung damals mit allen erdenklichen Mitteln verhindern wollte.

Einen Dokumentarfilm der Regisseure Helge Cramer, Uwe Heitkamp, Michael Herl und Christian Wagner aus dem Jahr 1986 sehen Sie hier:

WAAhnsinn – Der Wackersdorf-Film from Van Nameless on Vimeo.

Die sturen Oberpfälzer und der bundesweit nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wachsende Widerstand gegen die Atomfabrik in Wackersdorf, gingen dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß seinerzeit furchtbar auf die Nerven. Die Proteste am Bauzaun hatten mit den Pfingstausschreitungen einen dramatischen Höhepunkt erreicht und dann stimmte ausgerechnet ein CSU-Stadtrat, der 27-jährige Student Josef Bachfischer, entgegen der Linie seiner Partei im Stadtrat für das fünfte WAAhnsinnsfestival. „In erster Linie wegen der Musik. Es ist für junge Leute wichtig, dass ein Konzert mit so viel Prominenz mal in der Oberpfalz stattfindet“, sagte er damals. Innenministerium und Regierung der Oberpfalz untersagten daraufhin die Veranstaltung erneut – diesmal aus Sicherheitsbedenken. Ein juristisches Tauziehen begann. Dann entschied der Bayerische Verwaltungsgerichtshof vier Tage vor der geplanten Veranstaltung unter strengen Auflagen – unter anderem mit einer Besucherbegrenzung auf 40 000 und striktem Alkoholverbot – zugunsten der Festivalverantwortlichen. Strauß soll in seinem Büro getobt haben.

Künstlerstimmen zum „WAAhnsinns-Festival – eine Bildergalerie:

Künstlerstimmen zum "WAAhnsinns-Festival"

Die Konsequenz: Das Innenministerium ordnete völlig überzogene Sicherheitsvorkehrungen rund um Burglengenfeld an. 6000 Polizeibeamte führten rund 70000 Kontrollen durch. Und just an jenem 26. Juli gab es vom Innenministerium auch die Freigabe für den Einsatz von Hartgummigeschossen als neue Distanzwaffe. Bernd Schweinar kritisiert noch heute dieses Vorgehen, durch das jeder Besucher als potenzieller Chaot eingestuft wurde. „Ich kann mich noch an den Journalisten-Kollegen Günther Schießl von der Woche erinnern, der ja in seinen karierten Hosen überhaupt nicht wie ein gewaltbereiter Atomkraftgegner aussah. Aber auch er wurde durchsucht und musste den Benzin-Reservekanister in den Tank des Autos kippen, sonst hätte ihn die Polizisten nicht weiterfahren lassen.“

„Das Festival hätte nicht diese Bedeutung erreicht, wenn es in Nürnberg stattgefunden hätte.“ Mitorganisator Walter Dürr

„Es war friedlich und frech“

Walter Dürr gehörte damals zur Spitze des Organisationsteams. Schon Monate liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren, als wenige Tage vor dem Termin aufgrund des juristischen Tauziehens ein Umzug der Veranstaltung nach Nürnberg drohte. „Ich gehörte zu denjenigen im Verein, die das auf keinen Fall wollten. Das Festival hätte nicht diese Bedeutung erreicht, wenn es in Nürnberg stattgefunden hätte“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Die kleine Gruppe der Burglengenfeld-Befürworter setzte sich am Ende durch, die Arbeiten am Lanzenanger wurden fortgesetzt – bis endlich die gerichtliche Genehmigung kam. Dass trotz dieser Unsicherheiten im Vorfeld am Ende alles reibungslos und ohne größere Pannen über die Bühne ging, sei für ihn deshalb auch bis heute die bleibende und wichtigste Erinnerung.

Für die Mittelbayerische Zeitung erlebte damals der junge Politikredakteur Heinz Klein das Spektakel. „Es war friedlich und frech“, erzählt er von dem Miteinander von jungen Atomkraftgegnern, Musikfans, Familien, die ihre Kinder mitbrachten, Rentnern aus Burglengenfeld, die aus Neugierde vorbeischauten. Zwei Tage lang wurde einfach nur gefeiert. „Als dann die Botschaft kam – wir sind Hunderttausend – da waren alle nur stolz, denn die Anti-Kernkraftbewegung erlebte ihre eigene Stärke – und war trotz des Alkoholverbots – berauscht.“

In unserer Sendung „Mittelbayerische am Mittag“ erinnert sich Heinz Klein:

Mittelbayerische am Mittag vom 26.07.16

Die Mär vom verschwundenen Geld

An den zwei Festivaltagen passierte nichts außer einer Blinddarmentzündung und einem wundgescheuerten Fuß – und das obwohl die Staatsregierung die Burglengenfelder Bevölkerung vor kriegsähnlichen Zuständen gewarnt hatte. Dann war da noch die Sache mit den 80 Kassen, die an gastronomischen Ständen verschwunden waren. Walter Dürr sagt, dass dies in der Öffentlichkeit damals falsch dargestellt wurde. Die Organisatoren hätten im Streit mit der Cateringfirma, die damals die Stände betrieb, zu dieser drastischen Maßnahme greifen müssen. Das Geld habe nicht das Organisationsteam für sich behalten, sondern an die Lebensmittel-Lieferanten aus der Oberpfalz ausbezahlt. „Beim 5. AntiWAAhnsinnsfestival ist kein Geld verschwunden“, betont Dürr.

Noch zwei weitere AntiWAAhnsinnsfestivals erlebte Burglengenfeld. Im Juli 1989 traten auch Udo Lindenberg und Wolf Maahn neben internationalen Acts wie Al Steward, Robert Cray, Hermann Brood und Ten Years After auf. Da war das Ende der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf schon besiegelt. Und auch das Ende des AntiWaahnsinnsfestivals. Auf dem Lanzenanger zählte man nur noch 15 000 Musikfans.

Lesen Sie hier Anekdoten vom AntiWAAhnsinnsfestival 1986: Rio Reiser flog aus dem Taxi und Udo Lindenberg zeigte seine Reizwäsche.

Weitere Nachrichten aus der Oberpfalz finden Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht