mz_logo

Burglengenfeld
Freitag, 21. September 2018 25° 3

Schliessung

„Wir wussten und wissen nichts“

Die Videothek in Burglengenfeld hat geschlossen. Gekündigt wurde den Mitarbeitern nicht – stattdessen kam ein Abrisstrupp.
Von André Baumgarten

  • Ein Zettel weist Kunden auf die Schließung hin – die Mitarbeiter erfuhren vom Abrisstrupp, dass die Videothek geschlossen wird. Foto: Baumgarten
  • Der Erwachsenenbereich war beim MZ-Besuch bereits entkernt. Die Regale und die Einrichtung wurden entsorgt. Foto: Baumgarten
  • Bereits am Dienstag schritten die Abrissarbeiten im Inneren der Videothek schnell voran. Foto: Baumgarten
  • Links ist noch die Theke zu sehen – die Abtrennung zur Erwachsenenbereich war am Dienstag bereits demontiert. Foto: Baumgarten

Burglengenfeld. Auf der Straße wird gerade ein voller Container verladen. Während die Bauarbeiter hinter ihr die Regale, auf denen einst die Hüllen der Videofilme standen, demontieren, steigen der Angestellten die Tränen in die Augen. „Es ist zum Heulen, was hier mit uns gemacht wird“, sagt sie. Was die junge Frau erzählt, lässt einen nur fassungslos staunen: Als eine Kollegin an diesem Montag die Videothek in der Eichenstraße geöffnet hatte, erschien plötzlich ein vierköpfiges „Abrisskommando“ und begann mit dem Abriss der Geschäftsräume.

Die vier Männer aus Sachsen hätten den Auftrag, alles in den Räumen zu entsorgen. Die Videothek werde geschlossen, erklären sie der völlig verdutzten Mitarbeiterin. Diese informiert daraufhin alle Kollegen. „Von heute auf morgen ist unser Arbeitsplatz einfach weg – ohne dass uns jemals was gesagt wurde“, erzählt die junge Frau weiter. „Wir wussten und wissen nichts.“ Mit ihr stehen sechs geringfügig Beschäftigte auf der Straße, ohne jemals gekündigt worden zu sein. „Das ist doch ein Wahnsinn.“

Das allein wäre dubios genug, wäre da nicht die Tatsache, dass niemand den Inhaber je gesehen hat. „Wir kennen unseren Chef nicht“, sagt die junge Frau. „Herr Wackershauser soll er heißen.“ Erst vor einem Jahr etwa sei der Betrieb verkauft worden – der frühere Eigentümer wisse auf ihre Nachfrage aber auch nichts Näheres. Alle Angestellten seien damals mit übernommen worden. Seitdem besteht laut der jungen Frau nur Kontakt zu einer Buchhalterin namens Kiesewetter.

Mehrere Container mit dem Inventar der Burglengenfelder Videothek wurden entsorgt.
Mehrere Container mit dem Inventar der Burglengenfelder Videothek wurden entsorgt. Foto: Baumgarten

Jeden Freitag wurden die Einnahmen auf ein Bankkonto eingezahlt. Lohn erhielten die Mitarbeiter zwar nicht immer pünktlich, aber zumindest durchgehend, sagt sie. Dass nicht alles rund läuft, hatten aber auch die Angestellten schon bemerkt. Bereits seit November seien keine neuen Filme mehr nach Burglengenfeld geliefert worden. „Fast so, als wollte man es absichtlich an die Wand fahren“, sagt sie. Wohin die Bauarbeiter die DVDs bringen, wollten sie der MZ nicht sagen. Die Einrichtung landete im Müll. „Wir machen auch nur unsere Arbeit“, erklärt einer kurz.

Suche nach den Verantwortlichen

Die MZ hat sich auf die Suche gemacht nach Verantwortlichen – was kein leichtes Unterfangen ist. Betreiber der Burglengenfelder Videothek ist offenbar die Firma ML Video und Spiele Verleih GmbH mit Geschäftssitz im sächsischen Burkhardtsdorf. Eine Anrufbeantworteransage verweist an eine E-Mail-Adresse von Frau Kiesewetter (die Buchhalterin). Ab hier ist die Recherche dann eine Sackgasse. Weder am Mobiltelefon, noch per E-Mail ist jemand zu erreichen.

Auf Nachfrage bei „World of Video“ in Limburg – deren Logo sichtbar an den Fenstern in der Eichenstraße prangt – weiß man nichts dazu. Man sei lediglich eine Einkaufsgemeinschaft, bei der angeschlossene Unternehmer gemeinsam Filme und Spiele kaufen. „Eine Art Großhändler“, sagt einen Sekretärin auf Nachfrage. Zur Firma ML könne man nichts sagen.

Was mit den Räumen wird, ist offen – der Mietvertrag ist laut der Auskunft des Vermieters bislang nicht gekündigt worden.
Was mit den Räumen wird, ist offen – der Mietvertrag ist laut der Auskunft des Vermieters bislang nicht gekündigt worden. Foto: Baumgarten

In Königsbrunn bei Augsburg findet sich eine neue Spur. Der Betreiber einer Videothek klärt uns auf: Nach der Insolvenz der Firma Kessler Betriebs GmbH (deren Telefonnummer in der Recherche auftauchte), die jahrelang im Videothekengeschäft tätig war, kaufte Alpha Entertainment die Videotheken auf. Auch diese Firma aber ging Ende Juli vergangenen Jahres pleite. Dann kam die ML Video und Spiele Verleih GmbH ins Spiel. Geschäftsführer ist laut den Eintragungen im Handelsregister ein Michael Lohse aus Chemnitz. Bei Alpha Entertainment war Werner Wackershauser als Geschäftsführer tätig.

Ab hier wird es richtig pikant: Selbiger ist offenbar eine Unternehmer, der im Osten Deutschlands mehrere größere Betriebe besitzt. Im Zusammenhang mit einer Millioneninvestition findet sich im Internet sogar ein gemeinsames Bild mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie gibt dabei mit Werner Wackershauser den Startschuss für den Bau einer Beschichtungsanlage in Unterheinsdorf. Wie der Königsbrunner Videothekenbetreiber sagte, ist Michael Lohse offenbar ein Freund von Wackershauser.

Geschäftsführer will von nichts wissen

Unter einen Chemnitzer Privatnummer ist der 71-jährige Michael Lohse schließlich zu erreichen, will aber „mit dieser Geschichte“ längst abgeschlossen haben. „Ich habe damit nichts zu tun“, erklärte er der MZ am Telefon. Er habe selbst offene Forderungen an die Firma ML, seine Arbeit als Geschäftsführer aber nie aufgenommen – dennoch weißt ihn der Eintrag im Handelsregister als noch amtierenden Geschäftsführer aus.

Der Videothekenbetreiber aus Königsbrunn bei Augsburg verweist zudem auf einen Rechtsanwalt in Karlsruhe. Als Alpha Entertainment insolvent wurde, übernahm ML und verkaufte auch die Videothek in Königsbrunn. Der Rechtsanwalt soll diese Verkäufe im Auftrag von Wackershauser mit abgewickelt haben. Auf Nachfrage hieß es dort nur kurz angebunden: „Es besteht kein Bedarf für ein Gespräch mit der Presse.“

Mehrere Tausend Filme hatte die Videothek im Verleih – wohin diese gebracht wurde, ist unklar.
Mehrere Tausend Filme hatte die Videothek im Verleih – wohin diese gebracht wurde, ist unklar. Foto: Baumgarten

Bei der Stadt Burglengenfeld wurde das Gewerbe für die Videothek in der Eichenstraße im April 2014 ab- und keine neue Firma mehr angemeldet. Das bestätigte Pressereferent Michael Hitzek auf Nachfrage der MZ. Der Betrieb allerdings lief nachweislich bis vergangene Woche. Was nun aus den Mitarbeitern wird, ist derweil unklar. Sie versuchen jetzt mit Hilfe der Minijob-Zentrale an einen der Verantwortlichen direkt heranzukommen.

Wut und Ohnmacht wechseln sich ab

Große Hoffnungen haben sie aber nicht. „Wir wissen nicht, wer zuständig ist“, sagt die junge Frau. Wut und Ohnmacht wechseln sich bei den Angestellten ab. „Keiner konnte das glauben, dass man uns so verarscht“, sagt sie. „Für 5000 Euro hätten wir alles kaufen können.“ Dem früheren Inhaber soll das von einem Rechtsanwalt angeboten worden sein. „Aber da war schon alles kaputt“, sagt sie.

Zwölf Jahre hat die junge Frau in der Videothek gearbeitet. Fünf Monate Kündigungsschutz hätte sie demnach. „Jetzt stehen ich und die Kollegen von heute auf morgen auf der Straße.“ Dennoch wickeln sie die letzten Arbeiten noch ab – auf telefonische Anweisung von Kiesewetter.

Mietvertrag nicht gekündigt

  • Mitarbeiter:

    Sechs Frauen und ein Mann verdienten in der Videothek in der Eichenstraße ihr Geld. Angemeldet waren sie alle als geringfügig Beschäftigte.

  • Angebote:

    Mehrere Tausend Filme und Videospiele waren im Verleih. Seit November gab es allerdings schon keine neuen Lieferungen mehr.

  • Bilanz:

    Das Geschäft sei ganz gut gelaufen, erklärte eine der Angestellten. Die Umsätze wären in der Burglengenfelder Videothek immer gut gewesen.

  • Mietvertrag:

    Der Vermieter der Räume wusste auf Nachfrage der Angestellten ebenfalls von nicht. Der Mietvertrag besteht noch, gekündigt wurde bislang nicht.

  • Guthaben:

    Hunderte Kunden hätten laut der jungen Frau zudem noch Guthaben auf ihren Karten. Was damit wird, sei ebenfalls völlig offen. „Wir wissen von rein gar nichts“, erklärte sie der MZ.

  • Hilfe:

    Über die Minijob-Zentrale versuchen die Mitarbeiter nun, an einen der Verantwortlichen direkt heranzukommen. Große Hoffnungen, dass das gelingt, haben sie aber nicht mehr. (ba)

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht