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Bildung

Realschüler unterrichten Flüchtlinge

Deutschstunde mit Pascal und Tanja: Zwischen Cheerleader-Kurs und Abschlussball geben Nabburger Realschüler Sprachunterricht.
Von Reinhold Willfurth

Pascal Gaia und Tanja Kräuter (v. l.) geben Flüchtlingen aus Äthiopien Deutschunterricht. Die Idee dazu hatte Lehrerin Angi Hirmer (3. v. l.)
Pascal Gaia und Tanja Kräuter (v. l.) geben Flüchtlingen aus Äthiopien Deutschunterricht. Die Idee dazu hatte Lehrerin Angi Hirmer (3. v. l.)Fotos: Willfurth

Nabburg.Ist es jetzt 19.40 Uhr, 20 vor acht oder, in der bairischen Variante, fünf vor dreiviertel acht? Dass alle drei Lösungen richtig sind, gehört zu den Eigenheiten der deutschen Sprache, die sich vor einem Menschen schier unüberwindbar auftürmen können, der diese Sprache zum ersten Mal in seinem Leben hört. Gut, dass es jemanden gibt, der diese sprachlichen Eigenheiten – und noch viele andere – geduldig erklärt, in diesem Fall mithilfe einer Wanduhr. Nega, 34, hört aufmerksam zu und macht sich eifrig Notizen. Seine Deutschlehrer Pascal Graia und Tanja Kräuter, beide 16, erläutern ihren Schützlingen im gepflegten Englisch, was Sache ist.

Die Sache ist die: Die Lehrerin Angi Hirmer hatte ihren Zehntklässlern vorgeschlagen, die schulpflichtige Zeit zwischen den Abschlussprüfungen an der Realschule Nabburg und der Entlassfeier mit sinnvolleren Aktivitäten zu füllen als mit Filmegucken oder Löcher-in-die-Luft-starren. Nämlich mit Deutschunterricht für Flüchtlinge. Immerhin 13 von 118 Absolventen fanden die Idee gut, und so kam es, dass Tanja, Pascal und ihre Mitstreiter an zehn Vormittagen 18 jungen Leuten aus Äthiopien, Syrien, Albanien und Sierra Leone die ersten Schritte in der Fremdsprache Deutsch beibringen.

„Es ist interessant, etwas Sinnvolles zu tun, wenn eh nichts mehr im Unterricht geht“, sagt Tanja, an deren Handgelenk ein Abschlussband mit dem Spruch „Wegen guter Führung entlassen“ baumelt. „Filme schauen kann ich auch ein andermal“, sagt Kollege Pascal. Er ist vorgeprägt durch das Engagement seiner Mutter für Flüchtlinge und eine Ausbildung als Leiter bei der Evangelischen Jugend. „Ein bisschen anstrengend“ sei der Unterricht schon, sagt Pascal. Aber es sei schön, den Flüchtlingen eine sprachliche Grundlage zu geben, „damit sie in Deutschland überleben können“. Was sagen die Schulkameraden? „Dummes Gelaber“ müsse man sich einerseits schon hie und da anhören, sagt Pascal. Aber er zeigt auch Verständnis für die Lust aufs Nichtstun: „Die meisten haben einfach keinen Bock, irgendwas zu machen“.

Damit die Schüler in ihrer Lehrerrolle nicht überfordert werden, hat sie Angi Hirmer didaktisch vorbereitet (s. Interview). Außerdem steht ihnen mit dem Handbuch „Deutschkurs für Ausländer“ ein bewährtes Hilfsmittel zur Verfügung. Außerdem hat Hirmer bei der Auswahl ihrer Schützlinge darauf geachtet, dass diese eine gewisse Vorbildung mitbringen.

Nega hat eine abgeschlossene Ausbildung in Business Management. Vor vielen Monaten hat er seine Heimat Äthiopien verlassen müssen –wegen „political problems“. Nach einer Odyssee über den Sudan und die Sahara und einem katastrophalen Zwischenaufenthalt in Libyen bestieg er eines Nachts zusammen mit „vielen, vielen“ anderen Leidensgenossen ein Flüchtlingsboot mit Ziel Lampedusa. Nicht alle hätten die Überfahrt überlebt, sagt Nega. Am 25. Juni kam er in der neuen Sammelunterkunft in Pfreimd an – zusammen mit anderen jungen Männern und Familien aus vier Ländern. Jetzt sitzt er zusammen mit seinen Freunden Surafin, Marketingspezialist, Sofian, Student der englischen Literatur, und Zachary, Bankangestellter, in der Arbeitsgruppe und lauscht den Ausführungen von Tanja und Pascal. Nega ist wie alle hier froh und dankbar über den Deutschunterricht der jungen Leute – nicht nur, weil er jetzt unentbehrliche Worte wie „Backpulver“ oder „Rindfleisch“ gelernt hat, sondern weil ihn das Engagement der jungen Leute tief beeindruckt. Die Dankadresse an Angi Hirmer fällt dementsprechend wortreich aus, wenn auch noch auf Englisch.

Der Lerneffekt beruht auf Gegenseitigkeit. „Die Schüler lernen manchmal mehr als im Unterricht“, sagt Konrektor Thomas Spörer. Es seien sogar schon zaghafte Freundschaftsbande geknüpft worden zwischen den Jugendlichen und den Flüchtlingen – ob auf Facebook oder beim Johannisfeuer in Pfreimd. Oder gleich vor Ort: In der Pause schauen Mädchen aus der achten Klasse vorbei und erkundigen sich nach dem Befinden ihrer neuen Bekannten.

Überhaupt ist Spörer stolz auf die Hilfsbereitschaft vieler seiner Schüler. So hat die schulinterne „Machwas-AG“ zum Beispiel rund 800 Pfandflaschen gesammelt. Von dem Erlös wurden die Deutschbücher für die Flüchtlinge finanziert.

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