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Glaubensserie

Der Hüter über den Predigtfaden

Der Job des Predigers ist einer der härtesten – vor allem, wenn sich Predigtbegleiter wie Diakon Uli Wabra ankündigen.
Von Bettina Mehltretter, MZ

Diakon Uli Wabra ist im Bistum Regensburg als Predigtbegleiter unterwegs. In den Pfarreien zwischen Kümmersbruck und Roding, für die er zuständig ist, packt er gerne den roten Faden aus.
Diakon Uli Wabra ist im Bistum Regensburg als Predigtbegleiter unterwegs. In den Pfarreien zwischen Kümmersbruck und Roding, für die er zuständig ist, packt er gerne den roten Faden aus.Foto: Schönberger

Neunburg vorm Wald. Uli Wabra zieht ein Klemmbrett aus seiner Ledertasche. Er fixiert ein Formular darauf, das er „Predigtdiagnoseblatt“ nennt. Gleich wird Wabra der ehrlichste der rund 400 Zuhörer in der Rodinger Stadtpfarrkirche sein. Und Priesteramtskandidat Markus Hochheimer wird sich noch stärker ausgeliefert fühlen als sonst, wenn er versucht, bei seiner Predigt sein Innerstes nach außen zu kehren. Denn der Neunburger Diakon Wabra, einer von vier Predigtbegleitern im Bistum Regensburg, wird nachher möglicherweise Klartext sprechen: Setzen, sechs, Herr Hochheimer. Mit Ihrer Predigt haben Sie Ihre Zuhörer nicht erreicht.

15 Jahre zuvor, im Priesterseminar in Regensburg: Uli Wabra steht selbst hinter dem Pult, sieben Studienkollegen starren ihn an. Wabra erzählt ihnen von Abraham, einem Patriarchen aus dem Alten Testament, der sich bei seinen Verhandlungen um die Stadt Ninive verhält wie ein raffinierter Schafkopfspieler. Abraham, sagt Wabra, fordert Gott sogar zu einem Solo heraus, obwohl er überhaupt nichts auf der Hand hält. Das Ergebnis ist keine Überraschung, erklärt er. „Auch Gott lässt mit sich verhandeln.“ Die Männer im Publikum horchen auf. Premiere bestanden!

Alles oder nichts im ersten Satz

Markus Hochheimer beginnt in Roding, seine Predigt vom Manuskript zu lesen. „Jesus will keine halben Sachen“, ruft er ins Mikrofon, und Wabra notiert sofort: „= Zusammenfassung!“ Predigtbegleiter Wabra weiß: Schon im ersten Satz hat der Priesteramtskandidat den Menschen klar gemacht: Das war’s – ihr braucht mir nicht weiter zuzuhören.

Wabra lässt seinen Kugelschreiber über das Predigtdiagnoseblatt flitzen. In eine neue Zeile schreibt er: „Mühsam“. Die ersten fünfeinhalb Sekunden einer Predigt sind wichtiger als alle anderen. Schafft ein Prediger es, seine Zuhörer da zu begeistern, ist die Chance gut, dass ihre Aufmerksamkeit bis zum Ende hält.

Jemand hustet. Für Wabra ist das ein Zeichen, dass Hochheimers Predigt den Fünfeinhalb-Sekunden-Test nicht bestanden hat. Ab sofort registriert er jedes weitere Keuchen im Publikum. Dann hört nämlich schon wieder einer nicht mehr zu – und wahrscheinlich ist der eine nicht der einzige. Die Kinder in der zweiten Bank hat Hochheimer ohnehin schon verloren.

Aber heute darf der 35-Jährige das noch. Hochheimer ist Praktikant in Roding und soll sich in der Predigt ausprobieren. Dreimal trifft er während seines Pastoralpraktikums auf Wabra. Schließlich lernt nur der, der übt, am Ambo zu bestehen: Während die Gläubigen ihre Mäntel zugeknöpft lassen, muss ihnen der Prediger seinen Herzschlag spürbar machen. So wird er zum Werkzeug, das Gott selber sprechen lässt. Erst wenn diese Dynamik startet, funktioniert eine Predigt, heißt es in der Homiletik, der Predigtlehre.

Engel Uli verteilt Krapfen

Schiebt Wabra in seiner Pfarrei in Neunburg vorm Wald selbst Predigtdienst, ist das oft harte Arbeit für den 51-Jährigen. Der Diakon grübelt abends, bevor er neben seiner Frau Vroni einschläft, und morgens, nachdem er seine Kinder Maria und Wolfgang in die Schule verabschiedet hat. Doch am Ende steht das Programm.

Am Faschingssonntag zog er sich in der Sakristei Engelsflügel über seinen Talar und stülpte sich eine Lockenperücke über den Kopf. Während seiner Predigt wollte er Krapfen an fleißige Mitglieder der Pfarrei verteilen. Ruhestandspfarrer Joseph Zapf sollte einen mit Schnupftabak bekommen, weil er den lieber mag als Marmelade. Und seine Zuhörer sollten für acht bis zehn Minuten vergessen, dass sie in einer Kirche sitzen, und ungeniert mitlachen. Als der Engel zum Altar marschierte, schmunzelten ihn die Gläubigen sogar an. Um ihre Aufmerksamkeit musste sich Wabra nicht sorgen.

Uli Wabra trifft in der Rodinger Pfarrkirche auf Markus Hochheimer.
Uli Wabra trifft in der Rodinger Pfarrkirche auf Markus Hochheimer. Foto: Schönberger

Für heute hat Praktikant Hochheimer die Messe überstanden. Im Besprechungsraum des Rodinger Pfarrhauses erfährt jetzt die Wahrheit: Wabra lächelt seinen jungen Kollegen an. Seine Augen signalisieren ihm, dass er nichts zu befürchten hat. „Obwohl ich ein unbestechlicher Zuhörer bin“, meint Wabra. Die Worte, aus denen er das Feedback baut, wählt er mit Bedacht. Denn er kennt das Worst-Case-Szenario: Im schlimmsten Fall trifft ein wohlwollend gemeintes Resümee den Kandidaten so schwer, dass der künftig versucht, den Predigtdienst zu meiden.

Im Kreis zu rudern, langweilt

Zwei Jahre lang hat Wabra, der Theologe und Sozialpädagoge, in Kursen für die Aufgabe des Predigtbegleiters trainiert. Jetzt lobt er, wie umfangreich Hochheimer sich vorbereitet hat – allerdings etwas zu umfangreich. Mit weniger Text hätte er weniger hetzen müssen. Wabra bespricht mit ihm die Einleitung, das erste Kunstwerk der Predigt. Dann packt er den roten Faden aus und liegt ihn in Schleifen auf die Tischplatte. Säße Hochheimer mit den Gläubigen in einem Boot, würden die nun aussteigen wollen. Im Kreis zu fahren, langweile. „Das sehe ich ein“, sagt Hochheimer. Insgesamt hat er sich aber recht gut angestellt.

Bald wird der Priesteramtskandidat Wabra wieder empfangen, zu einem Wortgottesdienst für Erstkommunionkinder. Da wird Wabra den Kindern ansehen, was Hochheimer gelernt haben wird. Denn Kinder sind das ehrlichste Publikum. Sie ratschen und bewerfen sich mit ihren Mützen, wenn sie mit der Predigt unzufrieden sind. Sie lassen sogar ihr Gotteslob auf den Kirchenboden knallen. Die Erwachsenen husten nur.

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