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Frieden stiften statt Ängste schüren

Eine neue Initiative zur Integration von Asylbewerbern haben Elke Reinhart und Michael Widtmann in Neunburg gestartet.
Von Karl-Heinz Probst

Mohamed Khair Awad aus Damaskus verteilt Süßigkeiten. Er besucht die Sprachenschule an der Uni Regensburg
Mohamed Khair Awad aus Damaskus verteilt Süßigkeiten. Er besucht die Sprachenschule an der Uni Regensburg Foto: Mediaunlimited

Neunburg.Immer mehr Menschen engagieren sich ehrenamtlich in der flüchtlingspolitischen Arbeit. Durch ihre Solidarität und ihre Unterstützung heißen sie Flüchtlinge willkommen und erleichtern deren oftmals sehr schwierigen Alltag. Angesichts des verbreiteten Rassismus, der Xenophobie und der Abschottungstendenzen weiter Teile der Bevölkerung setzen sie zudem ein sehr wichtiges gesellschaftliches Signal.

„Frieden stiften“ gegen Ängste

Auch in Neunburg helfen zahlreiche Bürger bei der Integration von Asylbewerbern mit. Eine neue Initiative haben Elke Reinhart (42) und Michael Widtmann (29) kürzlich unter dem Titel „Frieden stiften“ gestartet. Mit Unterstützung des Rotary Clubs wollen die Grafikerin und der Realschullehrer insbesondere Schülern Einblicke in das Leben von Asylbewerbern ermöglichen, zum Nachdenken anregen, Kontaktängste nehmen und vor allem die hochkochenden Emotionen beruhigen, erklärt Elke Reinhart im Gespräch mit unserer Zeitung. Dazu besuchen die Initiatoren mit Asylbewerbern Schulen, wo die Flüchtlinge Erlebtes erzählen, über Tatsachen berichten und Fragen beantworten.

„Mein Haus wurde von Bomben zerstört. Es gab nichts zu essen. Die Situation war unerträglich.“

Koch Taysir Zeino

Das Projekt hatte seine Premiere an der Fichtelgebirgsrealschule Marktredwitz, an der der Neunburger Michael Widtmann unterrichtet. Die Schüler der 9. und 10. Klassen gaben den Initiatoren ein paar Tage vorher über 200 Fragen mit, die sie an acht syrische Asylbewerber im Alter von sieben bis 47 Jahren stellen wollten, die in Neunburg leben. Widtmann und Reinhart wählten rund 50 Fragen aus. Diese wurden übersetzt und den Syrern vor dem Schulbesuch erklärt. Jede Frage wurde jeweils von zwei Personen beantwortet – auch um zu zeigen, dass nicht alle Meinungen und Erlebnisse gleich sind.

Reinhart stellte am Projekttag die Fragen noch mal in der Runde und ein Syrer antwortete jeweils deutsch/englisch. Da es sprachlich noch nicht bei jedem so zügig funktionierte, half Reinhart mit bzw. ergänzte um die zweite Antwort.

Alle Schüler waren hochkonzentriert, sehr interessiert und nicht zuletzt emotional sehr berührt. An der Fragerunde waren jeweils drei Schüler jeder Klasse beteiligt. Alle anderen Schüler hatten in dieser Zeit Unterricht in Erdkunde und Geschichte mit dem Fokus auf Flüchtlinge (Routen, Gründe, Kriege, Hintergründe). Die Fragen beinhalteten die Themen „Krieg und Flucht“, „Familie und Kultur“, „Leben in Deutschland“ und „Zukunft“.

Drei Schüler jeder Klasse stellten den acht Flüchtlingen ihre Fragen.
Drei Schüler jeder Klasse stellten den acht Flüchtlingen ihre Fragen. Foto: Mediaunlimited

„Mein Haus wurde von Bomben zerstört. Es gab nichts zu essen. Die Situation war unerträglich“, schilderte der Koch Taysir Zeino (47) die Beweggründe für seine Flucht nach Deutschland. Sein 15-jähriger Neffe wurde bei einem Bombenanschlag getötet. fast die gesamte Familie seiner Frau sei gestorben.

Vorurteile ausgeräumt

Auch manche Vorurteile konnten die Syrer entkräften: Sie erhalten ihre Handys keineswegs gratis, sondern müssten sie selbst bezahlen. Und die Markenkleidung, die sie tragen, stamme aus dem „Emma“-Laden in Neunburg, wo sie diese gebrauchten Klamotten billig kaufen könnten. Fras Jindiya (37) berichtete, dass er für sich und seinen Sohn Omar monatlich 550 Euro vom Staat erhalte.

„Ich möchte studieren und danach als Programmierer, Elektroniker oder Dolmetscher arbeiten“, beschrieb Abdulrahman Awad, der übrigens vier Sprachen spricht, seine Erwartung an die Zukunft. „Ich möchte arbeiten, um Deutschland etwas zurückgeben zu können“, betonte der 18-Jährige.

Schüler kochten arabisches Essen

Nach der Frage-/Antwort-Runde haben alle leckeres arabisches und deutsches Essen serviert bekommen, das von Schülern der Fichtelgebirgsrealschule gekocht worden war. Im Anschluss besuchten die Teilnehmer alle 9. und 10. Klassen mit einer kleinen Süßigkeit für jeden, damit auch die Schüler, die nicht bei den Interviews dabei sein konnten, sahen, mit wem die drei teilnehmenden Schüler gesprochen hatten.

„Ich möchte arbeiten, um Deutschland etwas zurückgeben zu können.“

Abdulrahman Awad

Das Feedback vor Ort und auch im Nachhinein war überwältigend, sagt Reinhart. Die Schüler waren zum Teil emotional sehr bewegt: „Da sind Tränen geflossen.“ Für manche Schüler war die Erkenntnis aus der Frage-Runde verblüffend: „Das sind Menschen wie wir.“ Das verwunderte wiederum die Syrer: „Wussten die nicht, dass wir normale Menschen sind?“

Das Projekt „Frieden stiften“ wird ehrenamtlich organisiert und veranstaltet. Ziel der beiden Organisatoren ist es, noch mehr Schulen zu besuchen. Ideal für die Aktion seien 9. und 10. Klassen, meint Elke Reinhart. Interessierte können sich bei ihr melden unter der E-Mail-Adresse privat@elke-reinhart.de.

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Stimmen zum Projekt

  • Paula Schäffler:

    Ich fand es gut, endlich Kontakt mit Flüchtlingen zu haben. Dadurch konnten viele Vorurteile abgebaut und Fragen beantwortet werden. Beeindruckend fand ich, dass es die gleichen Leute sind wie wir und keine schlechten Menschen, wie man ja oft in der Zeitung liest.

  • Jens Härtl:

    Ich war überrascht, wie offen die Flüchtlinge über alles gesprochen haben. Es war sehr emotional. Meine Meinung gegenüber Flüchtlingen hat sich auf jeden Fall geändert. Ich finde es beeindruckend, dass sie auch selber etwas erreichen wollen und schon klare Ziele haben.

  • Cevdet Yaylak:

    Ich hatte vorher eher eine negative Meinung über Flüchtlinge. Sie waren jedoch total nett und freundlich. Man hat gemerkt, das sie sich auch für Deutschland interessieren und den Menschen etwas zurückgeben möchten. Die Situation und Stimmung in der Fragerunde hat mich wirklich berührt.

  • Amelie Riedl:

    Mich hat gewundert, dass sie so viele Sprachen sprechen und Deutsch in so kurzer Zeit gelernt haben, um sich verständigen zu können. Beeindruckend war auch ihr Engagement, über ihre Situation und Erlebnisse berichten zu wollen. Man hat gesehen, dass sie arbeiten und lernen wollen.

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