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Handwerk

Ein Zeichen für die Ewigkeit setzen

Am Naturfriedhof in Stefling erinnern Tafeln aus Glas an die Verstorbenen. Glasbläser Jörg Kulow fertigt sie mit viel Liebe.
Von Cornelia Lorenz

Ein heißer Arbeitsplatz: Glasbläser Jörg Kulow fertigt die Erinnerungstafeln für den Naturfriedhof in Stefling an.
Ein heißer Arbeitsplatz: Glasbläser Jörg Kulow fertigt die Erinnerungstafeln für den Naturfriedhof in Stefling an. Foto: Kulow

Nittenau.Der Naturfriedhof in Stefling ist ein Ort der Stille. Wer in dem idyllischen Waldstück spazieren geht, muss manchmal schon genau hinsehen, um die Grabstellen zu entdecken, denn Blumenschmuck, Bepflanzung, Dekomaterial oder gar Grabsteine gibt es hier bewusst nicht. Stattdessen markieren kleine Erinnerungstafeln aus Glas jene Plätze, wo Urnen beigesetzt wurden. Manche sind ganz schlicht, anderen wiederum fallen durch schillernde Farben auf. Angefertigt hat sie allesamt Glasbläser Jörg Kulow.

Im Chemieunterricht fasziniert

Seit 2007 hat er in der ehemaligen Schule von Pirkensee sein Atelier. „Als Jugendlicher war ich im Chemieunterricht von der Möglichkeit fasziniert, Glas mit der Flamme zu verformen“, erinnert sich Kulow. Als er sich dann Gedanken über seinen späteren Beruf machte, sah er auf einem Weihnachtsmarkt einen Glasbläser – und beschloss nach diesem Erlebnis, das Handwerk selbst zu erlernen. 1983 begann er mit der Ausbildung, seit 1985 arbeitet er in seiner eigenen Glasbläserei und besucht regelmäßig Lehrgänge bei internationalen Glaskünstlern, um verschiedene Techniken zu erlernen. Auch auf internationalen Ausstellungen ist er mit seinen Kunstwerken regelmäßig vertreten.

Die Glastafeln können an Steinen und Bäumen befestigt werden und markieren so den Platz, wo die Urne eines Verstorbenen beigesetzt wurde.
Die Glastafeln können an Steinen und Bäumen befestigt werden und markieren so den Platz, wo die Urne eines Verstorbenen beigesetzt wurde.

Dass Kulow nun seit gut einem Jahr Erinnerungstafeln für die Verstorbenen am Steflinger Naturfriedhof anfertigt, hat zwei Gründe: Jürgen Kölbl, der sich im Auftrag der Stadt Nittenau um den Naturfriedhof kümmert, suchte nach einer Möglichkeit, kleine Erinnerungsstücke zu gestalten, die haltbar und witterungsbeständig sind. Außerdem wollte er eine Lösung finden, die die sich gut in die Geschichte der Region einfügt. Und siehe da: Im 19. Jahrhundert stand in der Nähe des heutigen Naturfriedhofs auf der gegenüberliegenden Seite des Regens die Glashütte Mühlenthal, auch Stöflinger oder Regenhütte genannt. 1,5 Kilometer weiter flussabwärts befand sich außerdem von 1784 bis 1835 in Marienthal eine Spiegelglashütte.

„Die Erstellung einer individuellen Erinnerungstafel ist für die meisten Trauernden ein wichtiger Teil der Trauerarbeit.“

Glasbläser Jörg Kulow

Die Tafeln auf dem Naturfriedhof passen somit perfekt in den historischen Kontext. Doch natürlich steht am Naturfriedhof in erster Linie der Verstorbene im Mittelpunkt. Wer für eine Grabstelle eine Tafel anfertigen lassen möchte, kann sich bei Kulow ein bereits fertiggestelltes Exemplar aussuchen – oder sich individuell eine neue Tafel anfertigen lassen.

Wichtiger Teil der Trauerarbeit

„Die Erstellung einer individuellen Erinnerungstafel ist für die meisten Trauernden ein wichtiger Teil der Trauerarbeit“, sagt Kulow. Beim Entwurf möchten viele persönlichen Erinnerungen und Nachrichten mit einfließen lassen. „Dieser Prozess hat etwas Positives. Mit der Erinnerungstafel möchte man ein Zeichen für die Ewigkeit in Glas gießen“, sagt Kulow. Das seien für ihn oft sehr sehr berührende Momente.

Bis eine persönliche Erinnerungstafel fertig gestellt ist, steckt der Glaskünstler viel Arbeit hinein. Wünscht sich der Kunde zum Beispiel eine glatte Tafel ohne Relief, warten auf Kulow eine ganze Reihe von Arbeitsschritten. Zunächst schmilzt er an seiner Glasmacherpfeife im Schmelzofen ein Stück farbiges Glas und bläst es zu einem großen Ballon auf. Diesen zerschlägt er, um feine farbige Glasscherben zu erhalten. Außerdem erwärmt er Farbglas und zieht es zu Fäden, um damit später feine Linien und Dekors zeichnen zu können.

Viele Arbeitsschritte nötig

Als Maluntergrund dienen Kulow Glaslinsen, die er in einem speziellen Ofen zu dünnen Platten schmilzt. Diese schneidet er auf eine Größe von zehnmal zehn Zentimeter zu. Mit Hilfe der Glasbläserlampe formt Kulow die bunten Fäden und Scherben zu Teilen des gewünschten Motivs, das später auf der Platte zu sehen sein soll. Das Motiv selbst arrangiert oder zeichnet Kulow auf der Glasplatte in verschiedenen Ebenen und schmilzt es in einem weiteren Arbeitsschritt in die Glasplatte ein. Zum krönenden Abschluss verfeinert Kulow das Ergebnis durch Schleifen und Gravieren.

„Es ist schön wenn die Ideen der Auftraggeber mit meiner künstlerischen Interpretation ein gelungenes Ganzes ergeben und die Menschen sich darüber freuen.“

Glasbläser Jörg Kulow

Hinter all dem steckt viel Arbeit: Es ist ein enormer technischer Aufwand notwendig, um Glas auf diese Art zu verarbeiten, da die meisten Prozesse zwischen 900 und 1200 Grad Celsius stattfinden. „Da kommt man auch oft körperlich an seine Grenzen“, sagt Kulow.

Trotzdem liebt er seine Arbeit. „Schön ist es, wenn eine Idee zu einem konkreten Entwurf und dann zu einem fertigen Glasobjekt wird. Dabei sind viele Hürden zu meistern und oft erleidet man auch Rückschläge und muss wieder von vorne anfangen. Ein alter überlieferter Spruch lautet nicht umsonst: Es ist ein unendlich Kreuz, Glas zu machen“, sagt er. Doch die Mühe lohnt sich. „Es ist schön, wenn die Ideen der Auftraggeber mit meiner künstlerischen Interpretation ein gelungenes Ganzes ergeben und die Menschen sich darüber freuen.“

Aktuelle Nachrichten aus Nittenau lesen Sie hier.

Hintergrund: der Naturfriedhof

  • 2015 eröffnet

    Der Naturfriedhof bei Stefling wurde im Juli 2015 eröffnet. Auf dem 22 Hektar großen Areal wird die Asche von Verstorbenen in Holzurnen beigesetzt. Die Grabstellen befinden sich an derzeit rund 220 genauestens kartierten Bäumen und Findlingen und können mittels QR-Code zugeordnet werden.

  • Realisiert hat den Naturfriedhof Jürgen Kölbl, der Geschäftsführer der Schlosswald GmbH, zusammen mit den Grafen Ferdinand und Carl von Drechsel und der Stadt Nittenau, die auch Trägerin des Friedhofs ist. Bereits zu Lebzeiten kann man sich hier eine Grabstelle reservieren lassen.

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