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Inklusion

Eine eigene Wohnung mit 27 Jahren

Selbst kochen, putzen und waschen: Im Haus Nittenau können junge Menschen trotz geistiger Behinderung selbstbestimmt leben.
Von Renate Ahrens

Stolz zeigt Martin Knobloch seinen Eltern seine erste eigene Wohnung. Insgesamt zwölf Bewohner werden in Nittenau einziehen. Fotos: Renate Ahrens
Stolz zeigt Martin Knobloch seinen Eltern seine erste eigene Wohnung. Insgesamt zwölf Bewohner werden in Nittenau einziehen. Fotos: Renate Ahrens

Nittenau.Martin Knobloch strahlt über das ganze Gesicht. Zum ersten Mal bezieht der 27-Jährige eine eigene Wohnung. Stolz führt er seine Eltern Günther und Heike Knobloch durch das helle, neue Appartement. Etwa 17 Quadratmeter ist es groß, mit eigenem Bad und Balkon. „In diese Ecke könnte ich den Fernseher hinstellen“, überlegt der junge Mann begeistert.

Insgesamt zwölf Bewohner finden hier im „Wohnhaus Nittenau“, zentral in der Raiffeisenstraße gelegen, auf zwei Etagen Platz. In dieser kleinen Wohnanlage sei ein hohes Maß an Inklusion und Teilhabe am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben möglich, erklären die Betreiber. Für Martin Knobloch keine Selbstverständlichkeit.

Aktiv in den Alltag einbinden

Auch Knobloch freut sich sehr darauf, am Wochenende oder am Abend im Freibad zu schwimmen, ins Kino zu gehen oder in der Stadt ein Eis zu essen. Tagsüber arbeitet der junge Mann in der Werkstätte der gemeinnützigen Behindertenhilfe der Barmherzigen Brüder in Reichenbach, zu dem das Wohnhaus gehört. Es ist jedoch losgelöst von der Haupteinrichtung und ihren zentralen Versorgungsstrukturen.

Das bedeutet: Die Bewohner sind gefordert, die lebenspraktischen und hauswirtschaftlichen Aufgaben unter fachlicher Anleitung möglichst selbstständig zu bewältigen. Sie werden aktiv in die Alltagsabläufe eingebunden, wie zum Beispiel bei der Mitwirkung bei der Essenszubereitung, beim Einkauf von Lebensmitteln, beim Waschen oder Putzen.

Ein Stockwerk über Knobloch zieht Maximilian Rivière ein. Der 29-Jährige kann es auch kaum erwarten, seine Wohnung einzurichten. Besonders die moderne Technik hat es ihm angetan, wie erklärt. Natürlich verfügt jede Wohnung über Internet- und Telefonanschluss. „Dann kann ich endlich meine Lieblingssendung anschauen, wann ich will, und mein Bad selbst putzen“, sagt der junge Mann voller Vorfreude. „Auch die Möbel sind sehr schön.“

Das Gebäude liegt zentral in der Innenstadt. Jedes Appartement hat einen großen Balkon und ein eigenes Bad.
Das Gebäude liegt zentral in der Innenstadt. Jedes Appartement hat einen großen Balkon und ein eigenes Bad.

Jeder Bewohner habe somit genügend Rückzugsmöglichkeiten, erklärt Teamleiter Philipp Stauber. In den großen Gemeinschaftsräumen, den Küchen auf jeder Etage und der sonnigen Dachterrasse besteht aber dennoch viel Raum für gemeinsame Treffen und Spieleabende. „Wir möchten den Menschen mit Behinderungen in der Region verschiedenste Formen des Wohnens, des Arbeitens und der Unterstützung anbieten. Dazu gehören auch solche dezentralen Einrichtungen, die wir seit vielen Jahren aufbauen“, erklärt Michael Kiefl, Leiter „Wohnen“ in Reichenbach.

Gemeindeintegriertes Wohnkonzept

  • Wohnform:

    Beim Wohnhaus Nittenau handelt es sich um eine betreute Wohngruppe im Sinne des Artikels 2 des Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes. Es ist eine räumlich eigene Einheit und nur organisatorisch an die zentrale Verwaltung des Hauptstandortes der Barmherzigen Brüder Reichenbach angebunden.

  • Ziel:

    Es soll ein gemeindeintegriertes Wohnangebot zur Verfügung gestellt werden, das den persönlichen Wünschen und dem individuellen Hilfebedarf von Menschen mit Beeinträchtigung gerecht wird.

  • Konzept:

    Die Bewohner sind gefordert, die lebenspraktischen und hauswirtschaftlichen Aufgaben unter fachlicher Anleitung möglichst selbstständig zu bewältigen. Es wird ein sogenanntes „Selbstversorgerkonzept“ umgesetzt.

  • Bewohner:

    Im Wohnhaus Nittenau können bis zu zwölf Menschen mit Beeinträchtigung und/oder Autismus-Spektrum-Störung wohnen. Bei Interesse erteilt Leiter Michael Kiefl Auskunft unter Telefon (0 94 64) 10-211 oder michael.kiefl@barmherzige-reichenbach.de.

Seit 1. Juli leben nun in diesem Mietobjekt in Nittenau die ersten vier Bewohner in ihren Appartements. Bis 1. September kommen weitere zwei Bewohner dazu. Für die restlichen sechs Plätze gibt es bereits viele Interessenten, aber noch stehe nichts Konkretes fest, versichert Kiefl. Bei einem Probewohnen kann man testen, ob das Leben und Wohnen den Vorstellungen entspricht.

Pädagogen zur Unterstützung

Das pädagogische Team besteht neben Teamleiter Philipp Stauber aus den Heilerziehungspflegerinnen Tatjana Karl und Natascha Reisinger, der Psychologin Sabine Thurig und Leiter „Wohnen“ Michael Kiefl.

Lange habe man nach einem geeigneten Objekt gesucht, erklärt Kiefl, und mit Nittenau den perfekten Standort gefunden – nicht nur wegen der Nähe zu Regensburg und Reichenbach, sondern auch wegen der zentralen Lage in der Stadt. „Eigenständigkeit ist das Ziel. Jeder soll sich individuell entfalten“, versichert auch Thurig. Sie hofft, dass die neuen Nittenauer Einwohner gut von den örtlichen Vereinen und Gruppen aufgenommen und angebunden werden. Denn natürlich wollen sich die Bewohner hier ein soziales Netzwerk aufbauen.

Martin Knobloch will bald mit seiner Kamera durch die Regentalstadt ziehen und sie erkunden, wie er sagt. Denn Fotografieren ist eines seiner Hobbys. Auch Sport möchte er in einem Verein ausüben, dazu wird er sich bald über das Angebot informieren und Kontakt aufnehmen. Zu seinem Arbeitsplatz gelangt er mit einem Fahrdienst, und bei auftretenden Problemen in seiner Wohnung ist immer jemand zur Stelle. Auch seine Eltern freuen sich mit ihm.

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