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Nach dem Tod das Leben spüren

Die Akzeptanz wächst: Auf dem Naturfriedhof in Stefling sind 30 Urnen beigesetzt worden. Vor einem Jahr wurde er geweiht.
Von Cornelia Lorenz

Jürgen Kölbl genießt die Stille am Naturfriedhof. Trotz aller Trauer könne man hier im Wald auch Trost finden, sagt er.
Jürgen Kölbl genießt die Stille am Naturfriedhof. Trotz aller Trauer könne man hier im Wald auch Trost finden, sagt er. Fotos: Lorenz

Nittenau.Es ist ein ruhiges Fleckchen Erde. Leise hört man Vögel zwitschern, ein paar Hummeln sind zwischen den Bäumen auf der Suche nach Blumen. Ansonsten: Stille. Der Naturfriedhof bei Stefling ist ein Ort, an dem Menschen in einer ganz besonderen Atmosphäre um ihre verstorbenen Angehörigen trauern. Vor einem Jahr wurde er offiziell geweiht. Seitdem haben hier 30 Urnenbeisetzungen stattgefunden. Jürgen Kölbl, der sich im Auftrag der Stadt Nittenau um den Friedhof kümmert, ist zufrieden mit den vergangenen zwölf Monaten. „Ich bin glücklich, weil ich selbst gesehen habe, dass hier schöne Abschiede möglich sind“, sagt er.

Anfangs viele Bedenken

Dabei hatte es anfangs, als Kölbl und Carl Graf von Drechsel, der Eigentümer des zwei Hektar großen Waldstücks, das Projekt Naturfriedhof in Angriff nahmen, nicht so gut ausgesehen. Zwar gab es im Nittenauer Stadtrat von Anfang an eine Mehrheit für das Projekt, doch bei vielen Bürgern wuchsen die Bedenken. Da hieß es zum Beispiel, der Friedhof sei kontraproduktiv im Kampf gegen die Wildschweinplage. Manche machten sich auch Sorgen, dass die menschliche Asche das Grundwasser gefährden könne. Über 300 Unterschriften wurden deshalb gegen den Friedhof gesammelt.

Julian Engl macht eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Im Naturfriedhof untersucht er den Boden, um herauszufinden, an welchen Stellen rund um einen Baum oder einen Felsen eine Urne beigesetzt werden kann.
Julian Engl macht eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Im Naturfriedhof untersucht er den Boden, um herauszufinden, an welchen Stellen rund um einen Baum oder einen Felsen eine Urne beigesetzt werden kann.

Doch am Ende hatten die Initiatoren Erfolg: Die Stadt übernahm die Trägerschaft für den Naturfriedhof. Mittlerweile hat sich die Aufregung längst gelegt. Neben den 30 bereits erfolgten Beisetzungen gibt es weitere 30 Grabstätten, die sich Menschen aus der Region für ihren eigenen Tod reserviert haben.

Die Gefahr, dass der Platz im Naturfriedhof knapp werden könnte, besteht nicht. Rund 220 Bäume und Felsen hat Kölbl dort kartiert – und an jedem von ihnen können zumindest theoretisch bis zu zwölf Urnen in die Erde gesetzt werden. Fest steht: Die Nachfrage nach naturnahen Bestattungen ohne Grabstein, ohne pflegeintensive Bepflanzung, ohne Blumenschmuck oder sonstiges Dekomaterial wächst. Regelmäßig führt Köbl Menschen, die aus einem Umkreis von 50 Kilometern nach Stefling kommen, über das Gelände. Viele wollen sich bereits zu Lebzeiten ihre spätere Ruhestätte aussuchen. Manchen fällt das leicht – schon beim ersten Spaziergang durch den Wald sticht ihnen „ihr“ Platz ins Auge. Andere kommen mehrmals wieder, bis sie sich entscheiden. Kölbl nimmt sich für jeden Besucher Zeit, erklärt die Bestattungsmodalitäten und zeigt die kleinen Plättchen mit QR-Code, die an Bäumen und Felsen angebracht sind, um die Grabstellen zweifelsfrei zuordnen zu können.

Erinnerungstafeln an Bäumen

Wer hier begraben werden will, muss sich nach dem Tod verbrennen lassen. Die Asche wird in eine Holzurne gefüllt, die innerhalb von 20 bis 30 Jahren in der Erde vollständig verrottet. Am Baum oder am Felsen kann man eine kleine Erinnerungstafel anbringen lassen. Welche Menschen sich am ehesten für diese unkonventionelle Art der Bestattung interessieren, ist laut Kölbl schwer zu sagen. „Ich frage nicht nach den Konfessionen“, sagt er. Ihm ist nur wichtig, dass die Trauerfeierlichkeit pietätvoll ist.

„Ich bin glücklich, weil ich selbst gesehen habe, dass hier schöne Abschiede möglich sind.“

Jürgen Kölbl

Natürlich finden hier auch Beisetzungen statt, die von katholischen und evangelischen Pfarrern gestaltet werden. Die Begeisterung bei den Nittenauer Geistlichen in Nittenau hält sich weiter in Grenzen. Der katholische Pfarrer Adolf Schöls hat bisher einen Verstorbenen auf den Naturfriedhof beigesetzt. „Mein Herz schlägt aber nicht dafür“, sagt er. Nicht deshalb, weil er grundsätzlich etwas gegen diese Bestattungsform hat, sondern weil er an die Hinterbliebenen denkt. Ältere Menschen, die auf einen Rollator angewiesen seien, könnten auf dem unwegsamen Gelände die Grabstelle nicht erreichen.

Wo bleibt die Hoffnung?

Schöls‘ evangelischer Kollege Reiner Eppelein hat zwei Verstorbene auf dem Naturfriedhof beerdigt. Er sieht sich in der Pflicht, die Menschen so zu begraben, wie sie sich das wünschen. Dennoch stört ihn beim Naturfriedhof eines sehr. Hier stehe der Gedanke, dass man im Tod zur Natur zurückkehre, im Vordergrund. „Wo taucht hier noch die christliche Hoffnung auf Auferstehung auf?“, fragt er. Jürgen Kölbl dagegen sieht den Wald als Zeichen der Hoffnung für die Angehörigen. „Da kann man das Leben spüren“, sagt er.

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Naturfriedhöfe in Deutschland

  • In Deutschland

    gibt es inzwischen über 400 Naturfriedhöfe. In Unterfranken entstand 2007 der erste Naturfriedhof Bayerns. Im Freistaat gibt es bislang sieben vergleichbare Naturfriedhöfe unter kommunaler Trägerschaft.

  • Grundsätzlich

    ist der Steflinger Naturfriedhof offen für alle Religionen. Christliche Beisetzungen mit geistlichem Beistand sind im Naturfriedhof ausdrücklich erwünscht und die Kirchen sind eingeladen, die Beisetzungen aktiv und liturgisch zu gestalten.

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