MyMz
Anzeige

Bestattungskultur

Naturfriedhof kurz vor der Eröffnung

Jürgen Kölbl will im „Schlosswald“ bald erste Plätze für Bestattungen reservieren. Im Rat geht es am Dienstag um die Satzung.
Von Thomas Rieke

Im Schlosswald-Naturfriedhof bei Stefling sind mindestens zwölf verschiedene Baumarten zuhause. Betreiber Jürgen Kölbl (r. zeigt auf noch zarte, junge Triebe. Stehend: Ferdinand Graf von Drechsel
Im Schlosswald-Naturfriedhof bei Stefling sind mindestens zwölf verschiedene Baumarten zuhause. Betreiber Jürgen Kölbl (r. zeigt auf noch zarte, junge Triebe. Stehend: Ferdinand Graf von DrechselFoto: Rieke

Nittenau.Gemütlich geht es auf der zwar nicht geteerten, aber doch gut befestigten Straße mit vielen Kurven sanft bergauf. Jürgen Kölbl gibt seinem „Löwen“-SUV nur ganz wenig Gas. Links und rechts grüßen Bäume, viele alte, aber auch junge, bis wir eine Freifläche erreichen, einen Wendeplatz für Forstfahrzeuge. Kaum haben wir die Fahrzeugtür geöffnet, empfängt uns lebhaftes Gezwitscher eines Vogels. Ansonsten: Kein störendes Geräusch, kein Motor, keine Stimme, kein Geklapper, nichts.

Dafür jede Menge frische Luft und Frühlingssonne, die an diesem wunderbaren Dienstagmorgen schnell für angenehme Temperatur sorgt und einen grandiosen Ausblick nach Osten beschert. Vor unseren Füßen breitet sich das malerische Regental aus, links spitzt Schloss Stefling hervor, rechts erhebt sich der Jugenberg. „Ganz hinten ist der Arber. Wäre es noch etwas klarer, würden Sie seinen schneebedeckten Gipfel sehen“, erklärt Ferdinand Graf von Drechsel.

Alternative zur traditionellen Form

Kann es einen schöneren Ort geben? Einen schöneren für die letzte Ruhe? Wir befinden uns in dem Waldstück, das von Drechsels Sohn Carl für ein in der Region bisher einmaliges Projekt zur Verfügung gestellt hat: einen Naturfriedhof. Ferdinand Drechsel fungiert quasi als Treuhänder, Jürgen Kölbl ist der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft „Schlosswald“.

Das Trio bildet in der Sache ein kongeniales Team, das ein gemeinsames Ziel verfolgt. Es will den traditionellen Bestattungsformen eine Alternative hinzufügen. Wer will, soll sich alsbald im gräflichen Forst einen Baum aussuchen dürfen, in dessen Schatten dann eine oder auch mehrere Urnen, 80 Zentimeter tief, versenkt werden. Der Vertrag kann eine Laufzeit von bis zu 99 Jahren haben.

Ein Bild, an das sich so mancher erst gewöhnen muss: Beisetzungen in der Natur, ohne Riesengrabstein und feste Einfriedung.
Ein Bild, an das sich so mancher erst gewöhnen muss: Beisetzungen in der Natur, ohne Riesengrabstein und feste Einfriedung. Foto: Rieke

Beisetzungen in der Natur, ohne Riesengrabstein und feste Einfriedung, ohne üppigen Blumenschmuck. Das ist etwas, woran sich viele Gläubige erst gewöhnen müssen. So wie selbst die Einäscherung vor nicht allzu langer Zeit für die Mehrheit der Katholiken ein Ding der Unmöglichkeit war, so stellt eine Beerdigung außerhalb eines konventionellen Friedhofs für nicht wenige einen Tabubruch dar – noch.

Jürgen Kölbl und Ferdinand Graf von Drechsel haben das zu spüren bekommen. Beide beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit dem Bestattungswesen. Und sie sind überzeugt, dass dessen stetiger Wandel absolut erforderlich, weil eine Reaktion auf Veränderungen in der Gesellschaft ist. Doch mit ihrem Vorstoß, zwischen Stefling und Marienthal einen Naturfriedhof anzulegen, gewannen sie nicht nur Freunde. Zwar gab es im Nittenauer Stadtrat von Anfang an eine doch komfortable Mehrheit für das Projekt, doch in der Bevölkerung tauchten nach und nach immer mehr Bedenken auf. Mit manchen Sorgen (Fragen zur Erschließung oder Sicherheit) hatten Kölbl und Drechsel gerechnet, manche aber überraschten sie doch sehr und sorgten für Irritationen. Plötzlich hieß es, der Friedhof sei kontraproduktiv im Kampf gegen die Wildschweinplage, oder die menschliche Asche könne das Grundwasser gefährden. Prompt wurden über 300 Unterschriften gegen den Friedhof gesammelt. Ob das nun viele oder wenig sind, auch das wurde unterschiedlich interpretiert. So oder so hat die Aktion am Abstimmungsverhalten des Stadtrats nicht mehr viel geändert, doch Kölbl und von Drechsel konnten eine gewisse Nervosität nicht verbergen. Tatsächlich soll es im Chiemgau vorgekommen sein, dass ein vergleichbares Projekt trotz positivem Beschluss des Gemeindeparlaments doch noch scheiterte – durch einen Bürgerentscheid.

Vertrag ist unterschrieben

Soweit wird es in Nittenau definitiv nicht mehr kommen. Dieser Tage haben Kölbl und Bürgermeister Karl Bley als Vertreter der Stadt, die für den Friedhof die Trägerschaft übernimmt, den Vertrag unterzeichnet; nächste Woche soll der Stadtrat die Satzung erlassen; in Kürze dürfte der Bebauungsplan für den Naturfriedhof Rechtskraft erlangen.

Mit anderen Worten: Kölbl und von Drechsel haben sozusagen das Fegefeuer überstanden – und wirken heute wieder völlig entspannt, wenn sie über ihr Vorhaben sprechen. Kölbl spricht sogar von Glücksgefühlen, die ihn nun dominierten. Seit dem überraschenden, tragischen Tod seines Vaters bei einer Bergtour im Oktober 2011 hat es sich der Kaufmann zur Aufgabe gemacht, einen Naturfriedhof zu realisieren – jetzt steht er unmittelbar vor dem Ziel.

„Hier ist eine junge Kiefer, das eine Fichte, das wird eine Lärche und das eine Buche.“ Graf von Drechsel braucht in seinem Wald nicht lange nach Beispielen für Vielfalt zu suchen. Mindestens zwölf verschiedene Baumarten sind hier zu Hause. Zwischen altem Blätterwerk und Moos ragen Felsen hervor, tonnenschwere Kolosse, die den besonderen Reiz des Oberpfälzer Waldes ausmachen.

Ein Stamm fällt durch eine Markierung auf. Auf 2,50 Meter Höhe ist mit einem Nagel ein Schild, groß wie eine Streichholzschachtel, befestigt. Es bedeutet, dass dieser Baum für eine Urnenbestattung infrage kommt. Kölbl geht davon aus, spätestens Ende Mai, Anfang Juni im „Schlosswald“ die ersten Plätze reservieren zu können; vielleicht steht schon bald die erste Beerdigung im Kalender. Sie wird auch für den Friedhofsbetreiber ein bewegender Moment werden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht