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Schicksale

Plötzlich stand die Stasi vor der Tür...

Günther Rehbein berichtete Nittenauer Mittelschülern, was er im Unrechtssystem der DDR erlebte. Applaus war der Dank.

Günther Rehbein (stehend) erzählte den Nittenauer Schülern von seinen Erlebnissen in Gefangenschaft.
Günther Rehbein (stehend) erzählte den Nittenauer Schülern von seinen Erlebnissen in Gefangenschaft.Foto: Mittelschule

Nittenau. Günther Rehbein, ein 83-jähriger Zeitzeuge aus der ehemaligen DDR und Buchautor, schilderte den Schülern der Klassen R9 und M10 der Mittelschule Nittenau kurz vor den Osterferien sein bewegtes Leben.

Im August 1952 wird der Thüringer Günther Rehbein im Alter von 19 Jahren ohne Begründung gewaltsam von der Staatssicherheit („Stasi“) verhaftet. Damals ist er bereits verheiratet, hat ein Kind, und seine Frau ist erneut schwanger. Die Ermittler übergeben ihn dennoch dem sowjetischen Geheimdienst. Ihm werden „antisowjetische Hetze, Spionage und Diversion“ (Beihilfe zur Staatszersetzung) vorgeworfen.

Er glaubt an einen fatalen Irrtum. Es folgen, abgeschottet von der Außenwelt, nächtliche Vernehmungen mit Schlägen bis zur Bewusstlosigkeit und Scheinerschießungen. Dennoch weigert er sich beharrlich, die Lügenprotokolle zu unterzeichnen. Schließlich lautet das Urteil 25 Jahre Haft im sowjetischen Straflager „Gulag Workuta“ – ein Begriff für Hunger, Kälte, überharte Arbeit in Kohleschächten, Skorbut, Tod. Vorausgegangen war ein erzwungenes Geständnis unter Folter und Androhung von Konsequenzen für seine Familie.

Rückblickend auf sein Schicksal, zeigt Günther Rehbein einen selbstgedrehten Film mit Bildern der Zellen, Folterkammern und Verhörzimmern. Sichtlich bewegt liest er dann aus seiner Biografie „Gulag und Genossen, Aufzeichnung eines Überlebenden“ vor. Darin schildert er ausführlich die Verhältnisse in den Lagern und Gefängnissen, in denen er festgehalten wird.

Im Jahr 1955 darf er schließlich aufgrund eines Abkommens der BRD mit der Sowjetunion, das auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer geschlossen wird, zurück nach Hause.

Daheim musste Günther Rehbein feststellen, dass seine Frau mittlerweile mit einem anderen Mann verheiratet ist, da sie dachte, er sei tot. Sein damals ungeborenes Kind hatte sie zur Adoption freigegeben.

Doch nach 56 Jahren meint es das Schicksal gut mit ihm. Er kann überglücklich seine Tochter in die Arme schließen – sein schönstes Geschenk und Erlebnis nach dieser schweren Zeit.

Die Schülerinnen und Schüler bedankten sich am Ende des Vortrags mit einem kräftigen Applaus und waren sehr beeindruckt von seinem Mut und seiner Kraft mit seinem Wohnwagen von Schule zu Schule zu fahren und aus seinem Leben zu erzählen.

Günther Rehbein meint dazu, dass die Jugend und die damit verbundene Hoffnung die Demokratie zu schützen, ihm die Kraft gebe, über sein Schicksal zu sprechen, es zu verarbeiten und weiter zu leben.

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Gulag und Stasi

  • „Gulag“:

    Das Kürzel bezeichnet das Netz von Arbeitslagern in der Sowjetunion. Im weiteren Sinn steht es für die Gesamtheit des sowjetischen Zwangsarbeitssystems, das neben Lagern und Zwangsarbeitskolonien auch Spezialgefängnisse, Zwangsarbeitspflichten ohne Haft sowie einige psychiatrische Kliniken als Haftverbüßungsorte umfasste. Im weitesten Sinn ist das gesamte sowjetische Repressionssystem gemeint.

  • „Stasi“:

    Das Ministerium für Staatssicherheit, auch Staatssicherheitsdienst, war der Inlands- und Auslandsgeheimdienst der DDR und zugleich Ermittlungsbehörde für „politische Straftaten“.

  • (Aus Wikipedia - der freien Enzyklopädie)

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