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Jagd

Schwein gehabt! Es war kaum Frost

Aufgrund des milden Winter dürften im Raum Nittenau besonders viele Wildsauen überlebt haben. Ein Rückschlag für Jäger.
Von Thomas Rieke

  • Wo Frischlinge sind, ist die Bache nicht weit. Waidmann Otto Storbeck warnt Wanderer deshalb vor unbedachten Annäherungsversuchen. Foto: dpa
  • Otto Storbeck steigt auf einen mobilen Hochsitz, der angeschafft wurde, um Wildschweine besser bejagen zu können. Foto: Rieke

Nittenau.Es ist vermutlich nur eine Frage weniger Tage, und Meteorologen und Klimaforscher werden auf allen Kanälen wieder darauf hinweisen, dass auch dieser gerade zu Ende gegangene Winter 2014/15 „viel zu mild“ gewesen sei.

Vermutlich lässt sich das sogar schnell belegen. Die Auswirkungen des Klimawandels sind nicht nur in den Mittelgebirgen zu spüren, wo Liftbetreiber verzweifelt gegen das Dahinschmelzen ihrer Geschäftsgrundlage kämpfen, sondern auch direkt vor der eigenen Haustür. Beispiel Flora und Fauna: Die Tatsache, dass sich das Wildschwein in unserer Region so rapide vermehrt hat, liegt nicht nur an der Zunahme des Maisanbaus bis direkt an die Forstgrenzen; und es liegt auch nicht nur an der Intelligenz der Tiere, die ihre Bejagung zusätzlich erschwert.

Es liegt auch daran, dass Eichen und Buchen (klimabedingt) die Tiere nun fast jährlich mit einem reich gedeckten Tisch beglücken – und nicht zuletzt am ausbleibenden Frost. Die MZ unterhielt sich darüber mit Otto Storbeck, dem Vorsitzenden der Jägervereinigung Nittenau.

Herr Storbeck, der Winter 2014/15 dürfte alsbald wieder als vergleichsweise milde eingestuft werden. Welche Auswirkungen hatte das auf die Wildschweinpopulation?

Otto Storbeck: Das Schwarzwild setzt seine Frischlinge im Januar/Februar in einen sogenannten Kessel. Ist es zum Zeitpunkt des „Frischens“ und in den Tagen danach sehr kalt, bleiben einige der Jungen durch Erfrieren oder Verhungern auf der Strecke. In milden Wintern ist das nicht der Fall und alle Jungen kommen frisch und munter davon.

Tierfreunde dürften sich darüber freuen. Doch in unserer Region spricht man schon seit Jahren von einer regelrechten Wildschweinplage. Wie viele Schweine dürften aktuell im Raum Nittenau unterwegs sein?

Die genaue Anzahl kann nur geschätzt werden, aber ich denke, dass es im Gebiet der Jägervereinigung Nittenau mehrere Tausend Sauen gibt. Im letzten Jagdjahr haben die Jäger über 600 erlegt.

Wie groß dürfte denn der Bestand sein, dass auch die Landwirte wieder gut damit leben könnten?

Diese Frage ist nicht zu beantworten. Es gibt so viele Faktoren zum Thema Wildschaden, die nicht von der Zahl der Sauen abhängen. Letztlich kann schon eine einzige kleine Rotte erheblichen Schaden anrichten.

Normalerweise begegnet man als Spaziergänger keiner Wildsau. Die Tiere sind viel zu sensibel. Doch die Fälle, wo dies dennoch passiert, scheinen sich zu häufen. Auch gibt es immer mehr Verkehrsunfälle, die von einem Wildschwein ausgelöst wurden. Sind Sie, unabhängig von Ihrer Tätigkeit als Jäger, in Wald und Flur schon einmal einem Wildschwein über den Weg gelaufen?

Ihre Behauptung stimmt, dass man unter normalen Bedingungen während des Tages eher keiner Sau begegnet. Wildschweine sind Fluchttiere. Dies kann aber unter Umständen im Frühjahr im Wald anders sein. Hier kann es vorkommen, dass Bachen mit Frischlingen unterwegs sind. Zu Fuß bin ich tagsüber noch keinen begegnet, im Auto schon.

Welche (Verhaltens-)Tipps können Sie dem Laien für solche Situationen ans Herz legen?

Grundsätzlich sollte man alles vermeiden, was auf die Sauen bedrohlich wirken kann. Damit meine ich: Wenn sich Frischlinge, die noch keine Gefahr kennen, unbekümmert am Wegesrand tummeln, sollte man als Wanderer nicht vor lauter Verzückung auf die Tiere zugehen, um sie näher zu betrachten oder gar zu streicheln. Die Bache ist nämlich todsicher ganz in ihrer Nähe – und die versteht keinen Spaß. Man sollte sich also lieber vorsichtig zurückziehen.

Wenn man die Debatte verfolgt hat, konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich selbst Jäger nicht grün sind, wie man die Plage weiter bekämpfen sollte. Die „Pille“ für die Sau ist sowieso höchst umstritten, aber auch zum (im Pilotprojekt erfolgreich getesteten) Einsatz von Nachtsichtgeräten gibt es mindestens zwei unterschiedliche Meinungen. Wie ist Ihre persönliche Ansicht?

Ich möchte bei der Wildschweinpopulation nicht von einer „Plage“ sprechen. Wir reden hier von einer heimischen Wildart, die in den letzten Jahren aus verschiedensten Gründen stark zugenommen hat. Meiner persönlichen Ansicht nach benötigen besondere Probleme auch besondere Lösungen. Außerdem verlangt schon der Tierschutz ein möglichst schmerzfreies Erlegen. Dies ist bei nachtaktivem Wild durch künstliche Lichtquellen oder Nachtsicht- oder Zielgeräteeinsatz gegeben. Der Einsatz „technischer Hilfsmittel“ sollte daher in Regionen, in denen man mit herkömmlichen Methoden wie revierübergreifenden Drückjagden, Ansitzjagden, Erntejagden, Pirschjagden usw. nicht zum Erfolg kommt, zugelassen werden.

Wie geht es also unterm Strich weiter? Was sind die nächsten Schritte örtlicher Verbände/der höheren Politik?

Derzeit prüft das Landwirtschaftsministerium, unter welchen Voraussetzungen einzelne Revierinhaber und Jäger eine Sondergenehmigung für den Einsatz technischer Hilfsmittel erhalten können, ohne dabei geltendes Recht außer Acht zu lassen.

Und wie versuchen Sie persönlich, Einfluss zu nehmen?

Ich selbst arbeite in einer Expertenkommission des BJV mit, diese Dinge umzusetzen.

Brennpunkt Schwarzwild

  • Das SIS

    Im Schwarzwildinformationssystem (SIS) werden für die Hegegemeinschaften Nittenau-Nord und -Süd Infos zum Bestand, Wildschäden sowie jagd- und landwirtschaftliche Managementmaßnahmen gesammelt.

  • Administratoren

    Am SIS beteiligt sind ca. 40 Personen aus dem Kreis der Jagdgenossen, Landwirte, Waldbesitzer, Jagdpächter/Jäger und der Revierleiter der Bayerischen Staatsforsten-Betriebe Burglengenfeld und Roding bzw. des AELF Schwandorf. Als Systemadministratoren benannte das Koordinierungsteam des Projekts „Brennpunkt Schwarzwild“ Heinrich Hofstetter und Erwin Gebhard.

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