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Lärmschutz

Die Schattenseite der Elektrifizierung

Bis zu 80 Güterzüge könnten nach dem Ausbau der Naabtaltrasse täglich durch die Region donnern. Doch es gibt Abhilfe.
Von Reinhold Willfurth

Viele Güterzüge könnten in absehbarer Zeit täglich durch die Region rollen.
Viele Güterzüge könnten in absehbarer Zeit täglich durch die Region rollen.

Pfreimd.„Lärmvorsorge“ und „Lärmsanierung“: Das sind zwei Begriffe aus dem Technokraten-Wortschatz, die sich ähneln – und trotzdem liegen ganze Welten dazwischen. Mit der „Vorsorge“ ist der Rechtsanspruch der Anwohner von Verkehrswegen auf Lärmschutz gemeint. Die „Lärmsanierung“ hingegen ist eine freiwillige Leistung des Bundes je nach Haushaltslage. Und das bedeute 20 bis 25 Jahre Wartezeit, gab der Sprecher des Oberpfälzer „Forums Bahnlärm“, Thomas Kraus, am Dienstag den versammelten Bürgermeistern und Abgeordneten mit auf den Weg.

Die Kommunalpolitiker beschäftigten sich bei der Frühjahrsversammlung des Bayerischen Gemeindetags nur mit einer Frage: Wie können die Anwohner der 26 Städte und Gemeinden an der Bahnstrecke Regensburg-Hof vor dem Lärm von Dutzenden Güterzügen täglich geschützt werden, wenn die Trasse in den nächsten Jahren elektrifiziert wird?

Darauf gibt es für Thomas Kraus und seine Mitstreiter nur eine Antwort: Nur mit der gesetzlich verankerten Lärmvorsorge ist dies möglich. Rechtliche Voraussetzung dafür ist, dass die lang ersehnte Elektrifizierung der Naabtaltrasse bei der Planfeststellung als „wesentlicher baulicher Eingriff“ gewertet wird. Außerdem muss der tägliche Lärmpegel entlang der Bahnlinie um durchschnittlich drei Dezibel steigen, was angesichts einer von Kraus vorhergesagten zwölffachen Steigerung des Güterverkehrs als nicht gerade utopisch erscheint. Ähnliche Regelungen gebe es für den Schutz vor Erschütterungen durch die bis zu 760 Meter langen Güterzüge.

Dass die Strecke sehr gute Chancen auf einen Ausbau hat und seit Jahrzehnten überfällig ist, darüber waren sich alle Teilnehmer einig – auch die Mitglieder des „Forums Bahnlärm“, eines überparteilichen Zusammenschlusses Oberpfälzer Bürger und Kommunalpolitiker. Nur, so Thomas Kraus, dürfe dies auf keinen Fall auf Kosten der Gesundheit der Anwohner geschehen.

Lärm-Diskussion: Landrat Thomas Ebeling, MdB Marianne Schieder, MdB Karl Holmeier, die Bürgermeister Martin Birner (Neunburg) und Richard Tischler (Pfreimd) sowie Robert Hanft (Bahn AG)
Lärm-Diskussion: Landrat Thomas Ebeling, MdB Marianne Schieder, MdB Karl Holmeier, die Bürgermeister Martin Birner (Neunburg) und Richard Tischler (Pfreimd) sowie Robert Hanft (Bahn AG)

Was geschieht, wenn gar nichts geschieht, zeigte Kraus anhand einer modellhaften Lärmkartierung für die Stadt Schwandorf auf, bei der es dem anwesenden Oberbürgermeister Andreas Feller mulmig wurde: Der für die Zeit nach dem Ausbau vorhergesagte Lärmkorridor erstreckt sich dabei auf 150 bis 300 Meter beiderseits der Bahnstrecke, die mitten durch die Stadt führt. Wenn es dazu käme, „fehlen mir ja angesichts der gesetzlichen Grenzwerte die Entwicklungsmöglichkeiten für Gewerbe oder Wohnbebauung“, meinte Feller. Sein Fazit wie das seiner Kollegen: „Ohne Lärmschutz geht gar nichts“.

Dass der Ruf nach Lärmschutz die Wirtschaftlichkeit des von einer breiten Mehrheit der Oberpfälzer gewünschten Trassenausbaus gefährden könnte, ist für Kraus schwer vorstellbar. Denn selbst bei theoretisch angesetzten Kosten von 200 Millionen Euro bleibe die Rentabilität gewahrt. Bislang hat die Wirtschaftlichkeitsberechnung eine sehr gute Quote von 2,2 erbracht.

Die Bundestagsabgeordneten Marianne Schieder (SPD) und Karl Holmeier (CSU), beide Mitglieder in der Projektgruppe Bahnlärm des Bundestags, traten ohne Wenn und Aber für Lärmschutzmaßnahmen ein. Sie warben aber auch um Verständnis: Mehr als mündliche Zusagen von den Verkehrs-Staatssekretären Ferlemann (CDU) und Bär (CSU) sei derzeit nicht zu holen. Der neue Bundesverkehrswegeplan, das Drehbuch für die Entwicklung des (Bahn-)verkehrs bis 2030, sei derzeit noch in der Prüfungsphase. Im September aber könnten Bürger und Verbände ausführlich zu den einzelnen Projekten Stellung nehmen. Bis dahin, so hoffen nicht nur die Mitglieder des Forums Bahnlärm, haben die Bürgermeister der 26 Kommunen entlang der Trasse ihre Wünsche und Bedingungen für einen Lärmschutz in ihrer Kommune ausführlich und deutlich formuliert. „Es ist nicht mehr viel Zeit“, warnte Thomas Kraus.

„Güterkorridor Ost“ im Naabtal

  • Entlastung:

    Die Elektrifizierung der Bahnstrecke von Regensburg nach Hof wird seit Jahrzehnten ebenso beharrlich wie erfolglos von Politikern und Wirtschaftsvertretern gefordert. Der Wind hat sich gedreht, seitdem auch die Bahn AG ihre lange Zeit vernachlässigte Trasse wiederentdeckte. Der auf 413 Millionen Euro Kosten geschätzte Ausbau soll nun die letzte Lücke auf dem neuen „Güterkorridor Ost“ schließen. Der „Güterkorridor Ost“ soll die Güterkorridore im Westen und in der Mitte Deutschlands entlasten.

  • Pläne:

    Die internationale Trasse, die im „Seehafen-Hinterlandverkehr“ Güter von den deutschen Häfen und von den Industriezentren in Ostdeutschland nach Südosteuropa transportieren soll, ist bereits voll elektrifiziert – bis auf ihr geplantes ostbayerisches Teilstück. Dem Ausbau wird eine hohe Wirtschaftlichkeit bescheinigt. Auch für den Personenverkehr bringt der Ausbau Vorteile. Die Bahn hat bereits angekündigt, eine Intercityverbindung von München durch die Oberpfalz nach Berlin einzurichten – sobald die Strecke elektrifiziert sei.

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