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Politik

Bernd Posselt glaubt an Europas Zukunft

Der CSU-Politiker „erzählt“ und erklärt Europa und sein neues Buch in Schönsee. Und übt harte Kritik an Viktor Orbán.
Von Petra Schoplocher

Geballte Leidenschaft für Europa: Bernd Posselt  Fotos: Schoplocher
Geballte Leidenschaft für Europa: Bernd Posselt Fotos: Schoplocher

Waldmünchen.Nein, lesen werde er nicht, stellt Bernd Posselt gleich klar. Ein einziges Mal habe er eine Rede abgelesen, die habe er verhauen. Für das Publikum im Centrum Bavaria Bohemia sollte sich das als (wiederholter) Glücksfall erweisen. So „erzählt“ der 62-Jährige Europa – ganz gemäß dem Titel seines neuen Buches.

Wobei es „erzählen“ nicht trifft. Posselt redet nicht, er formuliert Emotionen, veranschaulicht Argumente. Und ist stets authentisch – Wie sonst ist es zu erklären, dass sich ein CSU-Politiker Sätze sagen traut wie „Viktor Orbán redet unerträglichen antieuropäischen Mist“ .

Schlange stehen war angesagt für all diejenigen, die ihr Buch gewidmet haben wollten. Fotos: Schoplocher
Schlange stehen war angesagt für all diejenigen, die ihr Buch gewidmet haben wollten. Fotos: Schoplocher

Das Buch erhebe keinen wissenschaftlichen Anspruch, sondern sei „ganz, ganz bewusst persönlich“ gehalten. Der Impuls sei von seiner politischen Referentin Stephanie Waldburg ausgegangen, die ihrem „Chef“ nahelegte, eine Abhandlung für das ganze Europa zu schreiben statt einzelne Themenbereiche herauszugreifen. So entstand „Posselt erzählt Europa“ (Den Bernd hat der Pustet-Verlag später hinzugefügt). Zuerst habe er sich gegen den Titel gesträubt, fand ihn sogar anmaßend. Schließlich erwies sich das Konzept, die Ideen hinter Europa mit seinem persönlichen Erleben zu verbinden, aber als sehr gangbar.

„Viktor Orbán redet unerträglichen antieuropäischen Mist.“

Bernd Posselt

Wer glaube, die 230 Seiten stellten eine Art Memoiren dar, werde enttäuscht. Da halte er es mit Otto von Habsburg, der sich dem Zu-Papier-bringen seiner Lebenserinnerungen stets mit dem Hinweis verweigert habe, dass er noch viel vor habe. Dass dies auch für Bernd Posselt gilt, ist spürbar. Eine Anekdote hat er aufgespart, um sie „ins übernächste Buch“ aufzunehmen. Den Besuchern in Schönsee erzählt er sie schon mal – als Appetithappen, obwohl das gar nicht nötig ist.

Die Eltern setzen den Grundstein

„Ich spüre, dass die europäische Einigung zutiefst gefährdet ist“, sagt Bernd Posselt nach den ersten paar Minuten, in denen er warmherzig von seinen sudetendeutsch-steirischen Eltern erzählt, die ihre Kinder zu „Anti-Nationalisten“ erzogen hätten. Das Buch sei in gewisser Weise (s)ein Beitrag, sich dem Nationalismus und der Re-Nationalisierung entgegenzustellen.

Europa sei keine Frage des Wollens, sondern eine Existenzfrage, betont der frühere Europaabgeordnete mit dem Hinweis, dass die Europäer am Ende des Jahrhunderts gerade einmal drei Prozent der Weltbevölkerung stellen würden. Gegen die USA oder China könne man nur als großes Ganzes bestehen.

Ganz nah, in Pobežovice (Ronsperg) steht die Wiege Europas. Dank Richard Coudenhove-Kalergi. Fotos: Schoplocher
Ganz nah, in Pobežovice (Ronsperg) steht die Wiege Europas. Dank Richard Coudenhove-Kalergi. Fotos: Schoplocher

Posselt erklärt und erzählt sein Buch, indem er auf jedes Kapitel kurz eingeht. „Europa gibt es wirklich“, ist eines überschrieben, das verdeutlicht, dass Europa eine Wiederentdeckung und keine neue Erfindung ist. Die EU als Sündenbock (als der sie oft ungerechterweise und mangels Faktenkenntnis bezeichnet wird) wird ebenso seziert wie der Blick auf teilweise längst vergessene Bauherren und Architektinnen („Ich bin Feminist, das glaubt mir nur immer keiner“) gerichtet wird. Die Rede der Französin Louise Weiß, die erste Alterspräsidentin des 1979 gewählten Europaparlaments, gehört seiner Meinung nach in jedes Schulbuch.

Otto von Habsburg, Richard Coudenhove-Kalergi, Franz-Josef Strauß, Helmut Kohl, die „vergessenen Gründer im Osten“ (Walesa, Havel, Johannes Paul II.) – zu jedem fällt dem Bundesvorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft „Etwas“ ein. Etwas, das dem Zuhörer dieses kostbare und zerbrechliche Europa spüren lässt.

„Frieden ist nicht selbstverständlich. Jede Generation muss dafür kämpfen.“

Bernd Posselt

Europa aber gibt es nicht nur politisch, sondern auch menschlich, kulturell, wertebezogen. Und Bauchgefühl – was durchaus wörtlich genommen werden darf. „Erfühlen, erdenken, erhören und erschmecken wir dieses Europa“. Der Genussmensch Posselt darf das sagen. Keine Frage, der 62-Jährige lebt Europa. So sehr, dass er seit 1979 als einziger Mensch auf diesem Planeten keine einzige Sitzung des Parlaments versäumt hat. So sehr, dass er dies in den vergangenen fünf Jahren ohne Mandat tat. Natürlich ist da die Europawahl im Mai, aber Bernd Posselt wirkt nicht wie einer, der auf Wahlkampftour ist. Er ist für seine Sache, die europäische, unterwegs. Am Wochenende, auch oder gerade mit 100 Terminen die nächsten Wochen.

Das ist es: Heimat der Heimat

Europa als „Heimat der Heimat“, das ist ein Bild, das Posselt gefällt – Es stammt von Vaclav Havel und impliziert: Ein starkes Europa braucht starke Regionen und eine starke Verwurzelung in der Heimat. Einer von Posselts „Zukunftsbausteinen“.

Kurze Antworten sind seine Sache nicht, zeigt sich bei den Publikumsfragen. Macht nichts, allein die Stellungnahmen zur internen Blockade durch die Mitgliedsstaaten (Posselt stellt sich gegen das Einstimmigkeitsprinzip) oder zu Grenzen der Ost-Erweiterung („Nein zur Türkei“) sind jeden einzelnen geopferten Sonnenstrahl an einem Samstagnachmittag Wert.

Die Besucher können viel mitnehmen – auch, dass der CSU-Politiker weiterhin Optimist ist. Die Menschen hätten seiner Meinung nach begriffen, dass sie etwas für dieses Europa tun müssten. Und es gibt noch etwas mitzunehmen nach diesen Stunden im CeBB: Es braucht mehr Posselts in und für Europa.

Lesen Sie hier ein Interview mit Bernd Posselt

Herr Posselt, Sie verbreiten Optimismus, wenn es um Europa geht. Von der Jugend haben Sie nicht geprochen. Wie aber sieht es mit der Jugend aus, ohne die der Prozess ja nicht gelingen kann?

Bernd Posselt nahm sich Zeit. Für Gespräche und persönlich geschriebene Worte hier für Hans Eibauer. Fotos: Schoplocher
Bernd Posselt nahm sich Zeit. Für Gespräche und persönlich geschriebene Worte hier für Hans Eibauer. Fotos: Schoplocher

Posselt: Die Jugend von heute ist viel aufgeschlossener, als man denkt. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen und ihnen mit jugendgerechter Sprache versuchen zu begegnen. Wir müssen ihnen normal und verständlich Europa erklären. Ich bin viel mit Schul- und Zeitzeugenprojekten unterwegs. Und glauben Sie mir, selbst in einer Berufsschule in München, in der der Lehrer prophezeit hat, dass mir nach zehn Minuten keiner mehr zuhört, würden Sie nach einer Stunde noch eine Stecknadel fallen hören. Außerdem haben Jugendliche heutzutage in nahezu jeder Klasse einen Kriegsflüchtling. Für die ist Syrien viel näher, früher war das unendlich weit weg. Ganz wichtig ist: Daraus entwickeln sie nicht automatisch ein Gefühl für Europa, aber es ist die Voraussetzung, dass sie sich aktiv darum bemühen. Da müssen wir ihnen helfen.

Uns hier in der Grenzregion, kommt uns eine besondere Rolle im europäischen Einigungsprozess zu?

Posselt: Absolut, die Grenzregion spielt eine entscheidende Rolle. Ich bin in ganz Europa unterwegs und kann Ihnen versichern, nirgends ist man so aufgeschlossen wie in der Grenzregion. Die Oberpfalz möchte ich da im übrigen besonders hervorheben, die kenne ich, seit ich 1976 das erste Mal hier eine Rede halten durfte. Dort ist die Sensibilität sehr gut zu spüren. Das war schon zu Zeiten des eisernen Vorhangs so und ist es seitdem. Die Leute waren und sind bemüht, sich nicht abhängen zu lassen. Mittlerweile gibt es auch ein großes Bewusstsein, dass hier das Herz Europas schlägt. Diese Aufbruchstimmung finde ich sehr beeindruckend. Wenn Sie irgendwo im Binnenland den europäischen Geist finden wollen, tun Sie sich unendlich schwerer.

Im Mai ist Europawahl. Was würde sich für Sie denn ändern, wenn Sie den Wiedereinzug ins Parlament schaffen?

Posselt (lacht): Wenig, ich muss dann halt wieder in die Ausschusssitzungen, bei den Sitzungen des Parlaments war ich ja ohnehin.

Bleibt dann noch Zeit für Besuche in der Fläche wie diesen?

Posselt: Auf alle Fälle. Das ist ja auch meine Arbeit.

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