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6000 Menschen flohen in die Felsenkeller

Bei der Schwandorfer Bombennacht am 17. April 1945 herrschte Chaos. Der Bunker wurde erst kurz vor dem Angriff fertiggestellt.
Von Cornelia Lorenz

  • Ein Bild der Verwüstung: Innerhalb weniger Minuten wurden in der Bombennacht hunderte Häuser zerstört. Rund 1250 Menschen kamen ums Leben. Foto: Stadtarchiv
  • Der Bombenangriff auf Schwandorf (MZ-Infografik)

Schwandorf.Herr Robold, Sie werden am Freitag Besuchern im Felsenkeller die Bereiche zeigen, in denen sich vor 70 Jahren tausende Menschen versteckten. Mit welchem Gefühl gehen Sie in die Keller?

Ich sage es einmal so: Es tritt eine gewisse Gewohnheit ein. Denn bei einer normalen Führung wird ja auch die Geschichte der Felsenkeller als lebensrettende Luftschutzbunker im Zweiten Weltkrieg erläutert. Von daher ist eine gewisse Gewöhnung dabei. Allerdings bricht man sich automatisch runter auf ein pietätvolles Level, egal wie lustig oder aufgelockert die Führung vorher war. Da hat man automatisch den Ton, der dem grauenhaften Geschehen von damals gerecht wird.

Der als öffentlicher Luftschutzbunker ausgewiesene Bereich der Felsenkeller wurde erst kurz vor dem 17. April 1945 fertig gestellt. Wie kam das?

Die Angst vor Luftangriffen nahm sehr schnell überhand in der Bevölkerung. 1943 gab es in Schwandorf immer wieder Luftalarm. 1944 gehörte er quasi zum Alltag. Deshalb hat man 1944 ein paar Keller an der Waldgasse als Luftschutzkeller für Schulkinder ausgewiesen. Für die Öffentlichkeit hat man ansonsten nichts getan. Im Dezember 1944 wurde Nittenau bombardiert. Da hat man in Schwandorf auch Angst bekommen. Angeblich hat Oskar Fürst, der Kreisleiter der NSDAP, der kommissarischer Bürgermeister von Schwandorf war, sich geweigert, etwas für den Luftschutz zu tun. Zeitzeugen sagen, er habe immer damit geprahlt, man würde an den Endsieg glauben. Aber die Gefahr kam immer näher. Im Januar 1945 fing man deshalb an, Bereiche der Felsenkeller als Luftschutzräume auszuweisen. Man brachte Tische und Sitzbänke hinunter, baute elektrisches Licht ein, Fluchtstollen wurden gebaut und Wände gekalkt, Hinweisschilder wurden aufgestellt, Notaborte gebaut und eine Befehlsstelle für den Kreisleiter der NSDAP eingerichtet. Gedacht war der Bereich für rund 2000 Leute. Mitte April wurden die Keller „fertig“, obwohl es schon noch einiges zu tun gegeben hätte. Aber es war tatsächlich in letzter Minute.

Der Felsenkellerbeauftragte Hans-Werner Robold
Der Felsenkellerbeauftragte Hans-Werner Robold

Wie muss man sich die Lage während der Bombardierung vorstellen?

Als der Alarm kam, sind in den öffentlichen Teil des Luftschutzbunkers 4000 Leute geflüchtet. In Summe waren am Ende über 6000 Leute in den gesamten Felsenkellern. Nach dem Angriff konnte man nicht hinaus. Zum einen hat man eine zweite Bombardierung befürchtet. Zum anderen sind sofort Tiefflieger über die Stadt geflogen, die auf Menschenansammlungen schossen, und die Stadt selber hat lichterloh gebrannt. Die Leute mussten zum Teil viele Tage in den Felsenkellern ausharren. Man hat aber versucht, die Zahl der Menschen in den Kellern zu begrenzen, weil man Epidemien befürchtete. Deshalb wollte man zum Beispiel Verwundete evakuieren. Anfang Mai lebten die Menschen immer noch in den Felsenkellern oder in den umliegenden Wäldern. Ein Großteil der Bevölkerung war ja obdachlos geworden.

Wie kamen die Menschen mit dieser dramatischen Situation zurecht?

Die hygienischen Zustände waren katastrophal. Es kam zu Typhuserkrankungen und Lungenentzündung. Für die 4000 Menschen dort unten im öffentlichen Luftschutzbunker gab es zwei Notaborte. Mit Sicherheit hat es da unten nicht nur deshalb sehr gestunken. Es herrschte überall Chaos. Man war schon froh, dass man die Verwundeten mit Verbandsmaterial versorgen konnte.

Was sagen denn Zeitzeugen über die Stimmung im Bunker?

Da gibt es verschiedene Aussagen. Ein Zeitzeuge, den ich befragt habe, glaubt sich zu erinnern, dass die Stimmung nicht schlecht war. Andere sagten, dass die Stimmung gereizt war, vor allem wegen des Platzmangels. Man ist dicht auf dicht gestanden oder gelegen. Allein deshalb kam es zu Streitigkeiten. Wenn jemand zu viel Platz in Anspruch nahm, wurde er sofort angegriffen. Die Traumatisierung durch das Bombardement, das Wissen, dass an der Oberfläche die Stadt zerstört ist, dass Angehörige und Freunde umgekommen sind, diese Enge und dieser Mangel an allem – das macht sicher keine gute Stimmung.

Veranstaltungen zum Gedenken

  • Andacht:

    Die Eucharistiefeier zum Gedenken an die Opfer der Bombennacht ist am 17. April um 8 Uhr in der Kreuzbergkirche. Am gleichen Tag erinnert Studiendirektor i. R. Erich Zweck ab 16 Uhr in einem Vortrag im Kulturkeller an der Fronberger Straße an die fürchterlichen Auswirkungen des völlig sinnlosen Bombenangriffs. Dabei werden auch Bilder aus der Zeit vor und nach dem Angriff gezeigt. Anschließend um 16.45 Uhr führt Hans Werner Robold durch die als Luftschutzbunker genutzten Bereiche des Felsenkeller-Labyrinths.

  • Ausstellung:

    Die Sonderausstellung im Stadtmuseum Schwandorf „Wiederaufbau und Wirtschaftswunder – Nachkriegszeiten und 1950er Jahre in Schwandorf aus Schülerperspektive“ beleuchtet die Zeit nach Kriegsende. Die Ausstellung des Stadtmuseums entstand in Zusammenarbeit mit Schülern des Schwandorfer Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasiums. Die Öffnungszeiten des Stadtmuseums sind am Donnerstag von 11 bis 16.30 Uhr, am Sonntag von 14 Uhr bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung, Tel. (0 94 31) 4 15 53.

  • Vortrag:

    Am Samstag, um 18.30 Uhr spricht Prof. Dr. Dietmar Süß von der Universität Augsburg über „Luftkrieg und deutsche Gesellschaft – Geschichte und Erinnerung“ in der Stadtbibliothek, Sandstraße 5.

  • Literatur zum Thema Bombenangriff:

    „Das Finale des Zweiten Weltkrieges in Schwandorf“, Dr. Georg Klitta († 26.09.1988) Preis: 25 Euro; „Oberpfälzer Heimatspiegel 2015“, Beitrag von Herrn Hans-Peter Weiß, Preis 7,95 Euro. Beide Publikationen gibt es im Tourismusbüro.

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