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Angekommen auf dem Arbeitsmarkt

Herausforderung und Chance: In der Mittleren Oberpfalz haben im Herbst 60 junge Flüchtlinge mit einer Ausbildung begonnen.
Von Hubert Heinzl

Vor allem in den Metallberufen haben junge Flüchtlinge in der Mittleren Oberpfalz heuer eine Lehrstelle gefunden.
Vor allem in den Metallberufen haben junge Flüchtlinge in der Mittleren Oberpfalz heuer eine Lehrstelle gefunden. Foto: dpa

Schwandorf.Die jungen Flüchtlinge sind angekommen auf dem Ausbildungsstellenmarkt. Allein in der Mittleren Oberpfalz haben im September 60 junge Leute aus Syrien, Eritrea oder dem Irak in 47 Betrieben eine Lehre begonnen, so Joachim Ossmann, der Leiter der Agentur für Arbeit Schwandorf, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. „Das ist eine relativ hohe Zahl“, sagte Ossmann und lobte die Betriebe für ihre Bereitschaft, „jungen Flüchtlingen eine Chance zu geben“.

Die bunte Palette der Berufsbilder

Die Bandbreite der Lehrstellen, auf denen die Neubürger Fuß zu fassen versuchen, umfasst nach seinen Worten „alle Berufe, die Sie sich vorstellen können, die bunte Palette der Berufsbilder, die es in Deutschland gibt“. Jeder fünfte Flüchtling im Bezirk der Schwandorfer Arbeitsagentur ist als angehende Fachkraft für Metalltechnik tätig, wie aus einer Aufstellung der Behörde hervorgeht. Aber da gibt es eben auch die Bäcker oder Altenpflegehelfer, die jungen Leute stehen in der Küche oder als Zimmerer-Lehrlinge auf dem Dach. Sie arbeiten als Maler, Lagerlogistiker oder Anlagenführer.

Die Betriebsgrößen reichen „von der Kfz-Werkstatt bis zum 500-Mann-Unternehmen. Aber der Großteil sind Fünf- bis Zehn-Mann-Betriebe, die da auch ein Potenzial sehen“, so Christian Kaiser, Stellvertretender Bereichsleiter Berufsbildung bei der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz. Fakt ist, dass sich das Handwerk bei der beruflichen Integration der Flüchtlinge am stärksten engagiert: 192 neue Ausbildungsverträge mit Flüchtlingen vermeldet die Handwerkskammer in diesem Jahr, im Bereich der Industrie- und Handelskammer sind es rund 60.

„Sie können davon ausgehen, dass Betriebe niemanden einstellen, für den sie sich nicht bewusst entschieden hätten.“

Christian Kaiser von der Handwerkskammer

Die Erfahrungen der Betriebe mit den jungen Flüchtlingen nach rund zwei Monaten Ausbildung sind weitgehend positiv, da waren sich die Fachleute einig. Bei einer Gesprächsrunde mit Vertretern der Unternehmen, der Kammern, Bildungsträger, von Arbeitsagentur und Ausländerbehörden wurde laut Ossmann zwar deutlich, dass in der Lehre „einige Hürden zu überwinden sind“. Vor allem die Sprache, hieß es, stelle Azubis und Ausbilder immer wieder vor „Herausforderungen“. Auf der anderen Seite gingen die Betriebe „pragmatisch und realistisch“ an die neuen Aufgaben heran, wie es Christian Kaiser formuliert. Schließlich haben es die Chefs und Lehrherren nicht mit Unbekannten zu tun, sondern ihre neuen Azubis schon bei den verschiedensten Praktika kennengelernt. „Sie können davon ausgehen, dass Betriebe niemanden einstellen, für den sie sich nicht bewusst entschieden hätten“, sagt der Vertreter der Handwerkskammer in der Runde.

Dass es bei der beruflichen Integration der jungen Leute eines langen Atems bedarf, verdeutlichte Agenturchef Joachim Ossmann. „Wenn es sechs Jahre dauert, bis ein junger Flüchtling auf dem Arbeitsmarkt Fuß gefasst hat, dann ist alles gut gegangen“, sagte er. Schon allein der Unterricht in den Integrationsklassen an den Berufsschulen dauert mindestens zwei Jahre. Mitunter schließt sich auch noch ein Berufliches Übergangsjahr an, in dem die Flüchtlinge weiter an der Berufsorientierung und ihren Deutschkenntnissen feilen. Und in der im Schnitt dreijährigen Lehrzeit müssen neben den beruflichen meist auch noch die sprachlichen Kenntnisse verbessert werden.

„Sie sind mit der deutschen Kultur vertraut, mit der Sprache. Und wenn sie einmal zuhause Betriebe gründen, können sie als Türöffner für deutsche Unternehmen dienen.“

Joachim Ossmann, Leiter der Agentur für Arbeit Schwandorf

Am Ende müssen die Azubis aus Syrien, Iran oder Eritrea ihre Abschlussprüfungen machen. Eine Art „Gesellenprüfung light“ wird es jedoch nicht geben, darauf pochen beide Kammern. Laut IHK-Ausbildungsberater Michael Humbs gelten in Industrie und Handel ohnehin bundesweite Prüfungsordnungen. Und auch die Handwerkskammer legt Wert darauf, „dass das Niveau der Prüfungen gleich hoch bleibt“, wie Christian Kaiser versichert. Vorstellen kann er sich lediglich technische Prüfungserleichterungen wie zum Beispiel Wörterbücher. „Da sind die Verbände noch in der Diskussion“, so Kaiser.

Aufwand ist beträchtlich

Der Aufwand, der für die jungen Leute betrieben wird, ist laut Joachim Ossmann durchaus beträchtlich. An den Berufsschulstandorten in der Mittleren Oberpfalz drücken 530 Flüchtlinge die Schulbank, die nicht nur unterrichtet, sondern auch sozialpädagogisch betreut werden. In der Arbeitsagentur sind zwei Berufsberater speziell für Flüchtlinge zuständig. „Die staatliche Infrastruktur ist stark ausgeprägt. Besonders in Bayern“, wird der Agenturchef nicht müde zu betonen. Doch die Anstrengungen zahlen sich aus, ist er überzeugt.

Der Aufwand lohnt sich, sagt Joachim Ossmann. Etwa 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den Flüchtlingsklassen, schätzt er, werden am Ende auf das schnelle Geld in schlecht bezahlten Helfer-Jobs verzichten und stattdessen lieber eine Ausbildung ansteuern – beruflich und für die Integration eine „weitaus bessere Perspektive“. Und selbst wenn die Flüchtlinge nach dem Ende ihrer Ausbildung in ihre Heimat zurückkehren sollten, werden sie so etwas wie Botschafter Deutschlands bleiben, ist der Agenturchef überzeugt. Ossmann: „Sie sind mit der deutschen Kultur vertraut, mit der Sprache. Und wenn sie einmal zuhause Betriebe gründen, können sie als Türöffner für deutsche Unternehmen dienen“. Nicht jetzt, aber vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft.

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Flüchtlinge und Ausbildung

  • Azubis:

    Im Bezirk der Arbeitsagentur Schwandorf, also in der Mittleren Oberpfalz mit den Landkreisen Schwandorf, Amberg-Sulzbach und Cham, haben am 1. September dieses Jahres 60 Azubis in 47 Betrieben eine Ausbildung angetreten. In Niederbayern und der Oberpfalz sind es insgesamt rund 250 Neulinge. Unterm Strich sind damit rund 600 Lehrlinge aus Ländern wie Syrien, Eritrea oder Somalia im Kammerbezirk in Ausbildung.

  • Schüler:

    Insgesamt gibt es im Bezirk der Agentur für Arbeit Schwandorf, also den Landkreisen Amberg-Sulzbach, Cham und Schwandorf, 31 Flüchtlingsklassen. In den 21 Integrationsklassen  BIK  10 drücken rund 370 Flüchtlinge die Schulbank, die voraussichtlich 2018 ihren Hauptschulabschluss machen werden. In den neun Klassen BIK 11 sind es rund 160 Schüler(innen) an den verschiedenen Berufsschul-Standorten (geplanter Abschluss: 2017). In Schwandorf gibt es außerdem ein drittes zusätzliches Berufliches Übergangsjahr (BÜJ) als Pilotprojekt mit weiteren 20 Teilnehmern in einer Gruppe. Der Vorbereitung auf die Ausbildung dient auch der „Bayern Turbo“ in Schwandorf und Amberg mit 24 Teilnehmern, die ebenfalls 2017 ihren Hauptschulabschluss machen sollen.

  • Branchen:

    Im Bereich der Agentur für Arbeit Schwandorf sind bei den Flüchtlingen aktuell folgende Ausbildungsrichtungen vertreten: Fachkraft für Metalltechnik (12), Elektroniker/in Energie- und Gebäudetechnik (6); Kfz-Mechatroniker/in (6), Altenpflegehilfe (4), Bäcker/in (2), Fachkraft für Lagerlogistik (2), Friseur/in (2), Maurer (2), Verkauf (2), Zweiradmechaniker/in (2), Anlagenmechaniker SHK, Elektroniker Betriebstechnik, Fachkraft für Systemgastronomie, Fleischer/in, Krankenpflegehilfe, Hotelfachmann/-frau, Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker, Maler, Maschinen- und Anlagenführer, Mechatroniker, Medientechnologe/in Druck, Medizinische Fachangestellte, Metallbauer Konstruktionstechnik, Restaurantfachmann/-frau, Sozialassistent/in, Versicherungskaufmann/-frau und Zimmerer. (hh)

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