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Der Mann, der Syrien zweimal verließ

Nach der ersten Flucht kam Mahmoud Mardeli unter die Räder. Jetzt sucht der Familienvater eine zweite Chance in Schwandorf.
Von Reinhold Willfurth

„Meine Familie hat mich gerettet“: Mahmoud Mardeli mit Frau Gadijah und den beiden Töchtern
„Meine Familie hat mich gerettet“: Mahmoud Mardeli mit Frau Gadijah und den beiden TöchternFotos: Willfurth

Schwandorf.Als die Schiedsrichter abpfeifen, kennt der Jubel keine Grenzen mehr. „Al-Jalaa“ aus Aleppo hat „Reyadi“ aus dem Libanon mit 81:73 geschlagen. Die syrische Mannschaft ist damit westasiatischer Klubmeister, der umjubelte Sieger der Basketball-Champions League in dieser Weltregion. Hunderte von Fans aus Aleppo, die das historische Endspiel in Dubai nicht verpassen wollten, feiern ihre Spieler frenetisch. Mittendrin im Glückstaumel: Mahmoud Mardeli.

Mardeli sitzt in der Küche seiner Wohnung in der Schwandorfer Waldstraße und zieht an seiner Zigarette. Seine Frau Gadijah, im dritten Monat schwanger, serviert arabischen Kaffee und Kekse. Stolz zeigt Mardeli auf seinem Handy Bilder seiner Mannschaft, der er als Betreuer zur Seite stand. Auch Bilder vom größten Triumph der Vereinsgeschichte sind dabei. Wenigstens das ist ihm geblieben.

Der Meisterschaftsrausch der syrischen Profi-Basketballmannschaft ist acht Jahre her. Mardeli und seine Familie sind aus Syrien nach Deutschland geflüchtet, und dass es in dem vom Bürgerkrieg zerstörten Aleppo noch Profi-Basketball mit einer hochkarätigen, international besetzten Mannschaft gibt, ist schwer vorstellbar. Den Verein gibt es wenigstens noch, doch er macht eine traurige Figur: Auf einem Video aus dem Jahr 2015 spielt der einstige Stolz Aleppos vor einer Handvoll Zuschauer irgendwo in einer zugigen Halle im jordanischen Amman. Der Bürgerkrieg in Syrien macht eben alles kaputt, was Spaß macht.

Vom Profi-Betreuer zum Flüchtling

Mahmoud Mardeli hat viel Spaß gehabt als Betreuer der Profis von „Al-Jalaa“. Acht Jahre lang reiste er mit der Mannschaft durch Syrien und die arabische Welt, und er verdiente gut dabei. Irgendwann aber hielt er es nicht mehr aus mit dem Regime, das seine eigenen Bürger massakrieren lässt, weil sie nicht auf einer Linie mit ihm sind. Die kurdische Familie Mardeli sei bekannt für ihre Opposition gegen die Herrscherfamilie Assad gewesen, sagt Mardeli. Sein Bruder wurde bereits 1982 von Soldaten erschossen – ein Unbeteiligter im Kampf des syrischen Staats gegen die Moslembrüder.

„Es ist schön ruhig hier und sicher für meine Familie.“

Mahmoud Mardeli

Als 1993 gegen ihn ein Haftbefehl vorlag, „verkaufte mein Vater ein Grundstück und kaufte ein Flugticket nach Deutschland“, erzählt Mardeli. Dank seiner syrischen Verhaftungspapiere, die er aus Syrien herausschmuggeln konnte, war er ein Jahr später anerkannter Flüchtling mit Aufenthaltstitel.

20 Jahre später flüchtet Mardeli erneut Hals über Kopf aus Syrien. Dazwischen liegen eine verkorkste Flüchtlingsbiografie, die Rückkehr in die Heimat, die schöne Zeit mit den Profi-Basketballern und – das wichtigste Ereignis – die Bekanntschaft mit seiner späteren Frau.

Mardeli verschweigt nicht, dass der erste Anlauf in seinem Gastland gehörig schiefgelaufen ist. Seine ersten Jahre in Deutschland deuten auf einen ziemlich labilen jungen Mann, der sich nicht zurechtfindet in Deutschland, der dem Staat zwar nicht auf der Tasche liegt, sich aber nur mit Jobs durchbringt, der Drogen nimmt und sich in Schlägereien verwickeln lässt. „Ich bin in schlechte Gesellschaft geraten“, sagt Mardeli heute.

Da half auch der Umzug ins beschauliche Regensburg nichts. Dort wird er 2003 verhaftet. Nach einer Drogentherapie im Gefängnis wird er aus Deutschland ausgewiesen.

„Meine Familie hat mich gerettet.“

Mahmoud Mardeli

Wieder in Syrien, hat er das Glück, eine tolle Aufgabe zu übernehmen und Halt in einer Beziehung zu finden. „Meine Familie hat mich gerettet“, wird Mardeli nicht müde zu betonen. Zusammen mit Ehefrau Gadijah und der zweijährigen Tochter macht er sich 2013 erneut auf die Odyssee nach Deutschland. Vier Monate harrt die Familie in der Hoffnung auf eine Rückkehr im Libanon aus. Doch die Lage in Aleppo verschlimmert sich. Mardeli zeigt Bilder seines durch Granaten zerstörten Vaterhauses. Seine Eltern sind tot, er hat sie in ihren letzten Jahren gepflegt. Es gibt keinen Weg und es gibt keinen Grund, zurückzukehren.

Umgeben von Schmugglern und Islamisten

Acht Monate verbringt die Familie in Istanbul, wo sie erneut in schlechte Gesellschaft zu geraten droht, diesmal in die von Schmugglern und Islamisten. Sie müssen hier weg. Ein Schleuser bringt sie über die Grenze nach Bulgarien, Europäische Union. Die Polizei steckt die ganze Familie für eine Woche ins Gefängnis, wo alptraumhafte Zustände herrschen.

Später kommt die Anerkennung als Flüchtling durch die bulgarischen Behörden. Doch die Familie zieht angesichts der desolaten Lebensbedingungen in Bulgarien weiter. Das große Ziel heißt Deutschland. Der angeheuerte Schleuser, der die Familie eingepfercht in einen Lieferwagen nach Norden bringt, schießt allerdings über das Ziel hinaus, weswegen sich die Familie plötzlich auf einer einsamen Landstraße in Dänemark wiederfindet.

Das große Ziel heißt Deutschland

Für viele dänische Kronen geht es zunächst mit dem Taxi nach Deutschland und dann weiter nach Regensburg, wo ein Bruder und ein Onkel leben. Dort stellt die Familie Mardeli einen Folgeantrag auf politisches Asyl.

Seit fünf Monaten leben die Mardelis nun in Schwandorf. „Es ist schön ruhig hier und sicher für meine Familie“, sagt Mardeli. Er will hier bleiben, das steht für ihn fest. Das Warten auf den Bescheid vom Amt und die Verurteilung zum Nichtstun aber zehren an den Nerven. „Ich will so gerne arbeiten“, sagt der 48-Jährige und zündet sich die nächste Zigarette an. Mit seinen Sprachkenntnissen träumt er von einem Job als Händler zwischen Deutschland und dem Orient, in dem irgendwann wieder Frieden einkehrt, so seine Hoffnung.

Ein kleiner Traum ginge für ihn in Erfüllung, wenn er wieder Anschluss an seinen geliebten Sport finden könnte. Vielleicht klappt es ja bei den Basketballern des TSV 1880. Der Anfang hört sich gut an: Top-Scorer Johannes Pflamminger hat Abteilungsleiter Siegfried Zeh informiert und Mardeli zum Wurftraining eingeladen. Und Trainer Sebastian Fischer sagt: „Er ist herzlich willkommen“.

Aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Schwandorf lesen Sie hier.

Warten auf die Entscheidung

  • Asylfolgeantrag:

    Mahmoud Mardeli hat einen Asylfolgeantrag gestellt. Derzeit hat er den Status der Duldung. Die Behörden müssen prüfen, ob es neue Asylgründe gibt. Eine Änderung der Sachlage liegt zum Beispiel vor bei einem Regierungswechsel im Herkunftsland, der Festnahme von Familienangehörigen oder wenn es neue Beweise für eine Verfolgung gibt.

  • Dublinverfahren:

    Damit soll verhindert werden, dass ein Asylbewerber mehr als ein Verfahren im Hoheitsgebiet der EU-Mitgliedsstaaten betreiben kann. Für den Informationsaustausch dient das System EURODAC, ein automatisiertes System zum Vergleich der Fingerabdrücke von Asylbewerbern. Für syrische Flüchtlinge ist das Dublinverfahren seit Oktober wieder in Kraft.

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