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Justiz

Der nette Pfleger kommt nun vor Gericht

Die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen den Baumer-Verlobten erhoben. Ein mutmaßliches Opfer bricht sein Schweigen.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Das Landgericht Regensburg prüft seit Anfang der Woche die Anklage gegen den Krankenpfleger, dem unter anderem sexueller Missbrauch und sexuelle Nötigung vorgeworfen wird.
Das Landgericht Regensburg prüft seit Anfang der Woche die Anklage gegen den Krankenpfleger, dem unter anderem sexueller Missbrauch und sexuelle Nötigung vorgeworfen wird.

Schwandorf.Mit einer Fernbedienung öffnet der Hausherr das mehrere Meter hohe Stahltor. Ein Tor, wie man es von Villenvierteln am Starnberger See kennt, aber nicht vor den geranienbehängten Häusern in dem Dorf im Landkreis Schwandorf. Manchmal hat der dreifache Vater Schwierigkeiten mit der Technik. Er hätte nie gedacht, dass er seine Familie einmal so schützen müsste, sagt er. Die Polizei habe ihm dazu geraten. Angst macht der Familie, deren Namen die MZ zum Schutz nicht nennt, ein 31-jähriger Krankenpfleger. Jener Mann, von dem die Polizei glaubt, dass er etwas mit dem Tod seiner Verlobten Maria Baumer zu tun haben könnte.

Nun hat die Staatsanwaltschaft Regensburg Anklage erhoben. Nicht im Fall Baumer, in dem die Ermittlungen weiterlaufen. Der 31-Jährige steht im Verdacht, die Tochter der angesehenen Schwandorfer Familie mit Medikamenten betäubt zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht vom Straftatbestand sexuelle Nötigung in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung aus. „Wir sind unglaublich erleichtert, dass das, was unserer Tochter widerfahren ist, nun vor einem Gericht verhandelt werden soll“, sagen die Eltern. „Die lange Dauer der Ermittlungen hat unsere Familie stark belastet.“ Angeklagt wird der Mann außerdem wegen sexuellen Missbrauchs von zwei ehemaligen Schülern des Domspatzengymnasiums.

„Die Opfer nicht vergessen“

Schon seit einem Jahr haben die Eltern der Schülerin auf eine Entscheidung der Ankläger gewartet. Vor einigen Monaten haben sie die MZ zu einem Gespräch getroffen. Sie wollen, dass die Menschen nicht nur den mutmaßlichen Täter, sondern auch die Opfer kennenlernen, sagen sie. „Es geht uns darum, dass das Leid der Betroffenen nicht in den Hintergrund gerät.“

Im Wintergarten hat die Mutter der 22-Jährigen den Tisch mit buntem Geschirr eingedeckt. Sie hat einen Kuchen gebacken und mit Erdbeersahne bestrichen. Daneben stellt sie eine Karaffe mit Kräuterlimonade. Es duftet nach Pfefferminze und Kaffee. „Hier hat er immer gesessen“, sagt die dunkelhaarige Frau und zeigt in Richtung Fenster, neben den Stuhl, auf dem ihre Tochter Platz genommen hat.

Die hübsche junge Frau war Ende 2011 Patientin am Bezirksklinikum Regensburg als sie dem Krankenpfleger begegnete. Dort war sie wegen schwerer Depressionen stationär in Behandlung. Der Krankenpfleger besuchte sie oft, auch noch nach Dienstschluss, erzählt die junge Frau im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir fanden es anfangs rührend, wie er sich um sie kümmerte“, sagt die Mutter. Auch die damals 19-Jährige fand den Mann nett. „Es war freundschaftlich, aber von meiner Seite ging es nie in eine romantische Richtung.“ Dafür sei sie nicht in der seelischen Verfassung gewesen. Die Schülerin und der heute 31-Jährige kannten sich bereits mehrere Monate, als die Verlobte des Krankenpflegers unter mysteriösen Umständen verschwand. Mit ihr habe er wenig darüber gesprochen, sagt die junge Frau. „Er hat mir nichts anvertraut, falls Sie das wissen wollen.“

Die Mutter sah die Fotos der damals noch vermissten Maria Baumer und meinte, eine Ähnlichkeit mit ihrer Tochter zu entdecken – dieselben halblangen, dunkelblonden Haare, die grünen Augen, das herzförmige Gesicht. Doch sie habe sich nichts dabei gedacht. Die Polizei beschäftigte sich später mit der Frage, ob der Krankenpfleger Gefühle für seine Patientin entwickelt haben könnte, als Maria Baumer noch am Leben war. Die Eltern sind nach allem, was sie aus Gesprächen mit der Polizei wissen, davon überzeugt.

Viele quälende Fragen

Vor der Glastür winseln die vier Hunde. Kleine und große Promenadenmischungen, manche von ihnen krank. Die Familie hat ein Herz für die Schwachen und Verstoßenen. Bei Tieren wie bei Menschen. Auch deshalb sei ihnen der Krankenpfleger und Medizin-Student nach der Klinik-Entlassung der Tochter in ihrem Haus willkommen gewesen, sagt die Mutter. Man habe Anteil genommen am Schicksal der vermissten Verlobten. „Ich habe ihn als absolute Bereicherung in meinem Bekanntenkreis empfunden. Redegewandt, freundlich, mit besten Manieren“, bekennt die Schwandorferin. „Ich war etwas zurückhaltender“, sagt der Vater. Dass der Mann nach außen hin so unbeschwert wirkte, obwohl seine Lebensgefährtin verschwunden war, habe ihm nicht behagt. Die Tochter fügt hinzu, dass ihr die Freundschaft nach einigen Monaten zu eng wurde. Es sei ihr aber nicht gelungen, den Mann auf Abstand zu halten.

Die Familie quält die Frage, ob es Parallelen geben könnte zwischen der mutmaßlichen Sedierung der Tochter mit Medikamenten und dem mysteriösen Tod der Verlobten. Als im September 2013 Pilzsammler die sterblichen Überreste der 26-jährigen Maria Baumer in einem Waldstück bei Bernhardswald fanden, konnte nicht mehr geklärt werden, woran sie starb. Der Krankenpfleger kam in Untersuchungshaft und sechs Wochen später wieder frei. Bis heute füllen die Ermittlungen tausende Seiten, ein Ende ist nicht in Sicht. Der 31-Jährige bestreitet vehement, etwas mit dem Verschwinden und dem Tod der Verlobten zu tun zu haben. Das betonte er auch bei einem Treffen mit der MZ vor geraumer Zeit.

Sein Anwalt Michael Haizmann sagte gestern der MZ, dass er damit rechnet, dass das Landgericht die nun erhobene Anklage in allen Fällen zulassen wird. „Der Mann wurde mit Akribie umgedreht, das ist nun das Produkt aus der aufwendigen Suche der Polizei in seiner Vergangenheit. Mit dem Fall Maria Baumer hat das alles nichts zu tun.“ Haizmann ist zuversichtlich, dass nicht alle Vorwürfe vor Gericht aufrecht erhalten bleiben. Er werde daran arbeiten, beim Prozess das Beste für seinen Mandanten herauszuholen.

Genau davor hat die ehemalige Patientin am Bezirksklinikum Angst. Sie fürchte, sagt sie, dass ihr das Gericht wegen ihrer psychischen Probleme nicht glauben könnte. Die Eltern beharren darauf, dass die Beweise für sich sprechen. Die Richter müssen – sofern sie die Anklage zulassen – herausfinden, was im April 2014 in der Wohnung der jungen Frau passiert ist. Die 22-Jährige sagt, dass sich der Krankenpfleger unter einem Vorwand Zugang zu ihrer Wohnung verschafft habe. Man habe Tee getrunken, dann sei sie schläfrig geworden. Was danach passierte, daran habe sie keine Erinnerung. „Ich fühlte mich beim Aufwachen wie nach einer Narkose.“ Die Polizei überwachte damals den Krankenpfleger und wusste, dass er und die Schülerin am selben Ort waren. Beamte brachten das mutmaßliche Opfer zur Untersuchung ins Krankenhaus.

Nie hatte die Familie etwas mit der Justiz zu tun. Nun gehe es um die Opfer, die eine Stimme bräuchten, sagen die Eltern. Sie verstehen ihren Gang an die Öffentlichkeit auch als Warnung. „Niemand soll in die Situation kommen, in der wir uns seit zwei Jahren befinden.“ Es habe Kraft gekostet, den Weg mit den Ermittlungsbehörden zu gehen. „Für diesen mutigen Schritt zollen wir auch den ehemaligen Domspatzen größten Respekt.“

Der Vater erhebt sich und begleitet den MZ-Besuch an die Tür. Er öffnet das wuchtige Tor, das die Einfahrt sichert. Als es sich öffnet, gibt es den Blick in die Landschaft frei. Ein Schlag, dann ist das Gelände wieder gesichert. Gegen die Angst, sagt die Mutter, hilft „dieses hässliche Ding“ nicht.

Alles über den mysteriösen Todesfall Maria Baumer lesen Sie hier:

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