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Energiewende

Die Angst vor den Monstermasten

Der Vorschlag, Stromautobahnen auf bestehenden Trassen zu bauen, verunsichert Anwohner und Betreiber des Ostbayernrings.
Von Reinhold Willfurth, MZ

Ein Strommast mit einer Höchstspannungsleitung ist kein schöner Anblick.
Ein Strommast mit einer Höchstspannungsleitung ist kein schöner Anblick.Foto: dpa

Schwandorf. Der Alptraum von Walter Ostheim, Mitglied der „Bürgeraktion gegen eine Stromtrasse im Naabtal“, sieht so aus: Durch das Stadtgebiet fräst sich eine Hochspannungsleitung, deren Masten 15 Meter höher in den Himmel ragen als beim bisherigen Ostbayernring. Das ist aber noch nichts gegen die monströsen Masten der „Gleichstrompassage Süd-Ost“, die parallel dazu verläuft und Ortsteile wie Ettmannsdorf oder Richt endgültig durchschneidet oder vom restlichen Stadtgebiet trennt.

Dieser „worst case“, so Ostheim, könnte eintreten, wenn sich Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und CSU-Chef Horst Seehofer am Mittwoch darauf einigen, die umstrittene Stromautobahn von Sachsen-Anhalt nach Landshut mit der bestehenden Trasse des Oberpfälzer Ostbayernrings zusammenzulegen. „Für Schwandorf wäre das eine Katastrophe“, prophezeit Ostheim.

Sigmar Gabriel hatte vergangene Woche in Berlin seinen Vorschlag unterbreitet: Die Südost-Leitung solle nicht auf einer neuen Trasse, sondern auf einer bereits bestehenden Leitung nach Bayern geführt werden, davon die letzten Kilometer als Erdkabel. Der Vorschlag wurde von der CSU-Führung freundlich-defensiv aufgenommen. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner sprach von einem „ersten Verhandlungserfolg“.

Während sich die Politiker in Berlin und München für das Tauziehen in Stellung bringen, schlägt man bei TenneT die Hände über dem Kopf zusammen. Ausgerechnet am Dienstag, einen Tag vor der Berliner Koalitionsrunde, will der Netzbetreiber in der Schwandorfer Oberpfalzhalle einen Schlussstrich unter den Plan für den Ausbau des Ostbayernrings ziehen. Seit einem Jahr werden die Anwohner gezielt an der Planung beteiligt, um dem Argwohn vorzubeugen, man werde mit der Trassenplanung überrannt. Zusammen mit den Anwohnern will TenneT am Dienstag den Trassenverlauf endgültig festlegen.

TenneT-Sprecher Markus Lieberknecht stellt sich darauf ein, dass es dabei nicht bleiben wird. „Wir müssen Fragen beantworten, die wir nicht beantworten können“, sagt Lieberknecht. Mit dem Gabriel-Vorschlag sei man „überrascht worden“. Wenn sich die Spitzenpolitiker in Berlin auf den Trassenkompromiss einigen würden, wäre ein Jahr Planung und Bürgerdialog umsonst gewesen – „ein fatales Signal“, so Lieberknecht. Für disen Fall müsse man die gesamte Planung wieder auf Null stellen.

Ob eine gemeinsame Trasse überhaupt technisch möglich sei, stellte der TenneT-Sprecher infrage. Und dann müsse man noch die Rahmenbedingungen beachten – etwa den Mindestabstand zur Wohnbebauung. Auf jeden Fall müsse das Ganze in einem neuen Gesetz geregelt werden, was wiederum eine Zeitverzögerung bedeuten würde. Bis dahin halte sich TenneT an das seit 2013 gültige Bundesbedarfsplangesetz.

MdB Marianne Schieder (SPD) hat am späten Mittwochvormittag Gelegenheit, den Gabriel-Vorschlag erläutert zu bekommen – vom Minister persönlich. Noch vor der abendlichen Koalitionsrunde treffen sich SPD-Abgeordnete und -Bürgermeister, darunter auch die Stadtoberhäupter Armin Schärtl (Nabburg) und Kurt Seggewiß (Weiden) mit dem SPD-Chef, um zu erfahren, wie dieser sich eine sozialverträgliche Stromautobahn mitten durch die Oberpfalz vorstellt. Schieder bringt jedenfalls die Auskunft von einem Treffen mit TenneT-Vertretern mit, dass Gleich- und Wechselstromleitungen auf einer Mastenlinie nicht machbar seien. Wenn aber zwei parallele Trassen geplant würden, sei neben dem zu erwarteten „Riesenaufstand“ der Bevölkerung die Frage zu beachten, wo diese denn gebaut werden könnten. Entlang der A 93, wie von der Schwandorfer BI vorgeschlagen, sei nach Auskunft von TenneT nicht möglich. Und eine Erdverkabelung, ebenfalls eine Forderung der Schwandorfer Trassengegner, sei topographisch schwierig und darüberhinaus „sauteuer“, so Schieder im Gespräch mit der MZ.

MdB Karl Holmeier (CSU) wehrt sich dagegen, dass die Gleichstromtrasse von Mittelfranken, wo sie ursprünglich geplant war, in die Oberpfalz verlegt wird – nicht nur deshalb, weil damit das „gute Dialogverfahren“ von TenneT für den Ostbayernring „für die Katz“ wären: „Ein Jahr Arbeit wäre dann sinnlos“, so Holmeier im MZ-Gespräch. Angesichts der komplizierten Sachlage bezweifelt der Abgeordnete, dass bereits am Mittwoch Entscheidendes beschlossen wird.

Zurückhaltend gibt sich auch MdL Alexander Flierl (CSU). Zunächst müsse man ausloten, ob man die Süd-Ost-Trasse überhaupt brauche. Falls ja, müsse man alle technischen Optionen prüfen, um den Bürgern den Anblick riesiger Strommasten zu ersparen. Dazu zählen für ihn theoretisch Erdverkabelungen ebenso wie die Verlegung aller Kabel auf einen Leitungsmasten.

Umstrittene Stromautobahnen

  • Transfer:

    Die geplanten Stromtrassen „Südlink“ und „Gleichstrompassage SüdOst“ sind fester Bestandteil der Energiewende. Sie sind nötig, um Ökostrom von den Windkraftanlagen im Norden und Osten Deutschlands in den Süden zu transportieren, um den großen Strombedarf der Industrie dort zu stillen.

  • Verlauf:

    Die Gleichstrompassage Süd-Ost soll über 450 Kilometer von Lauchstädt in Sachsen-Anhalt zum bayerischen Grundremmingen führen. Geplant war zunächst eine neue Trasse durch Mittelfranken. Nach dem Vorschlag von Minister Gabriel könnte sie jetzt durch die Oberpfalz führen.

  • Protest:

    Bürgerinitiativen entlang der geplanten Trasse befürchten eine Beeinträchtigung des Landschaftsbildes und sinkende Immobilienwerte. Ministerpräsident Horst Seehofer äußert Verständnis. Wirtschaftsministerin Ilse Aigner will mindestens eine Trasse verhindern (Formel „2-x“)

  • Ostbayernring:

    Die 185 Kilometer lange Stromtrasse soll ertüchtigt werden und hatte bislang mit der Energiewende nur mittelbar zu tun. Netzbetreiber TenneT will die Trasse zusammen mit den Anwohnern bestimmen. Trassengegner fordern einen Verlauf entlang der A 93 mit Erdverkabelungen.

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